Kindheit in Niedersachsen

Baerbock: Die Provinz-Grüne – „Ein bisschen Bullerbü auf Norddeutsch“

Vom platten Land auf die Weltbühne: Annalena Baerbock (Grüne) will Kanzlerin werden. Ihre Wurzeln liegen in Niedersachsen. Ihre Kindheit prägt sie bis heute.

Hannover – Kommt man vom Dorf, dann muss man rennen können. Diese Erfahrung hat Annalena Baerbock* als Schülerin in Niedersachsen gemacht. Unterrichtsschluss: 13:30 Uhr. Abfahrt des Busses in Hannover: nur drei Minuten später. Verpassen war keine Option. Denn wer mit dem nächsten Bus in Richtung Pattensen fuhr, hatte erst mal keinen Anschluss mehr nach Schulenburg, einem kleinen Dorf an der Leine, 25 Kilometer südlich der niedersächsischen Landeshauptstadt. Von hier stammt die Frau, die bei der Bundestagswahl als grüne Kanzlerkandidatin antritt.

Deutsche Politikerin:Annalena Charlotte Alma Baerbock (Grüne)
Geboren:15. Dezember 1980 (40 Jahre), in Hannover
Privat:verheiratet, zwei Kinder, wohnhaft in Potsdam
Aktuelle Ämter:Bundesvorsitzende und Bundestagsabgeordnete

Die Probleme mit der Verkehrsanbindung und die Frage „Wer fährt wen?“ habe sie „bis zum Überdruss“ in ihrer Jugend beschäftigt, schreibt die grüne Kanzlerkandidatin in ihrem neuen Buch* „Jetzt“, das am kommenden Montag erscheint und das kreiszeitung.de vorab vorliegt. Das Buch ist eine Mischung aus persönlichen Erzählungen und Wahlprogramm*, aber explizit keine Autobiografie, wie Baerbock selber betont: „Dafür bin ich viel zu jung“, sagte sie bei der Vorstellung des Erstlingswerks.

Annalena Baerbock: Grüne Kanzlerkandidatin berichtet in ihrem Buch über Kindheit in Niedersachsen

Baerbock, 40, Parteichefin, Mutter von zwei Töchtern*, verheiratet, lebt mittlerweile in Potsdam und will im September Nachfolgerin von Bundeskanzlerin Angela Merkel* (CDU) werden – als erste Grüne und als jüngste Bewerberin in der Geschichte der Bundesrepublik. Nachdem es zwischenzeitlich in den Umfragen gut ausgesehen hatte, musste die Kanzlerkandidatin zuletzt ein paar Stimmungsdämpfer hinnehmen. Dennoch hat Baerbock eine große Chance, bei der nächsten Regierungsbildung ein gewichtiges Wort mitzusprechen.

Aufgewachsen zwischen Hühnern und Zuckerrüben: Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock (Grüne) berichtet über ihre Kindheit in Niedersachsen.

Baerbock gilt bei den Grünen als Realo – eine Tatsache, die durchaus durch ihre Kindheit und Jugend in Niedersachsen geprägt sein könnte. In Schulenburg, das auf dem platten Land zwischen Zuckerrübenfeldern liegt, wuchs sie in einer Großfamilie auf. Zusammen mit ihren Eltern, ihren zwei Schwestern, der Tante und deren Familien bewohnten sie ein jahrhundertealtes Mühlenhaus, das ständig saniert werden musste. Das Leben fand laut Baerbock* zwischen frei laufenden Hühnern und verwilderten Wiesen statt. „Es war ein bisschen Bullerbü auf Norddeutsch“, schreibt sie.

In früheren Artikeln über die Parteichefin ist das Elternhaus mal als Hippie-Haushalt beschrieben worden. Doch aus Sicht von Baerbock ist das keine zutreffende Beschreibung. Sie sei zu Hause durchaus links geprägt worden, aber ihre Eltern seien nicht überaus alternativ oder hochpolitisch gewesen, sagte Baerbock einmal dazu.

Baerbock: Vor ihrem Studium ging sie in die USA – „Ich wollte bloß weg“

Die linke Prägung hat sie übernommen. Dennoch verknüpft sie die grünen Ideale mit einem Hang zum Pragmatismus. Das gilt für die Kanzlerkandidatin bis heute – vielleicht auch, weil sie die Grenzen als heranwachsende Frau am eigenen Leib gespürt hat. Das Beispiel mit der Verkehrsanbindung zeigt das ganz deutlich. Wege zur Schule? Zum Sportverein? Zu Freunden? Das war in den ersten Jahren von Baerbocks Leben ein alltägliches Problem.

Die Karre fiel fast auseinander. Aber für mich bedeutete der Polo die große Freiheit.

Annalena Baerbock in ihrem Buch „Jetzt“ über das Leben in der Provinz

Wer jahrelang nach der Schule auf den Bus gewartet hat, der will vor allem eines: nur weg. So beschreibt Baerbock es selber. Mit 16 ging sie deshalb zum Austausch in die USA, machte ihren Führerschein und kaufte sich nach der Rückkehr einen alten klapprigen VW-Polo. Der „Renntrecker“, wie sie ihn nannte, sei fast auseinander gefallen. Aber die „Karre“ bedeutete die große Freiheit, die sie anschließend zum Studium nach Hamburg und von dort in die Politik nach Berlin geführt hat.

Bei allem Idealismus: In ihrer Politik schaut Baerbock immer auch auf das Machbare. Vor dem grünen Parteitag, auf dem Baerbock offiziell zur Kanzlerkandidatin gekürt wurde, drang der linke Flügel auf einen radikalen Baustopp für Autobahnen und andere Fernstraßen. Auch in Niedersachsen sprachen sich die Grünen für einen entsprechenden Passus in dem neuen Wahlprogramm aus.

Baerbock lebt mit Kindern und Ehemann in Potsdam – doch Hannover-Zeit prägt sie bis heute

Doch Baerbock stemmte sich dagegen und plädierte für einen gemäßigteren Kurs in der Infrastruktur-Frage. Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, bezahlbarer Regionalverkehr, mehr Bus und Bahn, Tempolimit* und hoher Benzinpreis – das sind alles Ziele, die die Parteichefin auch vertritt. Auch den Straßenbau will sie einer Umweltverträglichkeitsprüfung unterziehen. Aber per se einen Baustopp verhängen? Das geht ihr zu weit.

In den Ballungsräumen sei die Vision einer autofreien Zone umsetzbar, argumentiert sie. Aber insbesondere auf dem Land müssten die Menschen weite Strecken von 20, 30 Kilometer zurücklegen, betonte sie in einem Interview mit dem ARD-Deutschlandfunk. „Da können wir nicht sagen: Guck halt, wie Du zur Arbeit kommst.“ Ohne individuellen Autoverkehr werde man nicht auskommen. Dabei nimmt sie für sich in Anspruch zu wissen, wovon sie redet. Denn schließlich ist sie jahrelang dem Problem hinterhergerannt. * kreiszeitung.de, 24hamburg.de und merkur.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Kay Nietfeld/dpa

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