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Düsterer Ausblick: Warum der Ukraine-Krieg uns auch 2023 im Würgegriff hält

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Von: Jens Kiffmeier

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Dauerkonflikt statt rasches Ende: Der Krieg mit Russland wird die Ukraine über das Frühjahr 2023 hinaus beschäftigen. Drei Szenarien sind denkbar. Ein Ausblick.

Kiew/Moskau – Das Kriegsjahr neigt sich dem Ende. Doch die Ukraine wird auch 2023 ein Unruheherd bleiben. Trotz erheblicher Rückschläge Russlands warnen Experten vor allzu großer Euphorie. So zog Sicherheitsexpertin Claudia Major jetzt eine eher düstere Prognose für die kommenden Monate: „Der Krieg wird noch lange Zeit dauern“, prophezeite die Forschungsleiterin an der Stiftung für Wissenschaft und Politik (SWP). Selbst bei einer militärischen Niederlage von Präsident Wladimir Putin sei der dauerhafte Frieden noch in weiter Ferne. Doch was droht Europa? Verschiedene Szenarien sind denkbar. Ein Ausblick zum Jahreswechsel.   

Ukraine-Krieg: Hoffnung auf Ende im Frühjahr 2023 wohl eher gering – ein Ausblick

In den vergangenen Wochen hatten hohe Verluste und Rückschläge für Russland die Hoffnung auf ein schnelles Ende im Ukraine-Krieg genährt. Mit einer Gegenoffensive hatte die Ukraine die Truppen der Angreifer im Donbass weit zurückgedrängt – und damit auch immer wieder die Gerüchte um Putins Sturz befeuert. Während die russische Armee unter Ausrüstungsmangel und Nachschubproblemen litt, erzielten die Verteidiger insbesondere in der strategisch wichtigen Region Cherson erhebliche Geländegewinne.

Zeigt sich im Ukraine-Krieg weiterhin kompromisslos: Russlands Präsident Wladimir Putin.
Zeigt sich im Ukraine-Krieg weiterhin kompromisslos: Russlands Präsident Wladimir Putin. © Sergey Guneev/Libkos/dpa/Montage

Einige Beobachter, wie etwa der türkische Außenminister Mevlut Cavusoglu, schlossen ein Ende des Konflikts ab Frühjahr 2023 deshalb nicht mehr aus. Auch der deutsche Vizekanzler Robert Habeck (Grüne) prophezeite Putin bereits eine Niederlage auf dem Schlachtfeld.

Kriegsende in Sicht? Ukraine braucht im Kampf gegen Russland Waffenlieferung für militärischen Sieg

Doch Claudia Major ist in dieser Hinsicht etwas zurückhaltender. Grundsätzlich sei sicherlich ein militärischer Sieg für die Ukraine drin, sagte sie dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) in einem Interview. Doch dafür bräuchten die ukrainischen Truppen deutlich mehr militärische Hilfe von der westlichen Politik. Ohne zusätzliche schwere Waffen wie moderne Schützenpanzer, Drohnen, Artillerie und Luftabwehrsysteme sei eine endgültige Kriegswende nicht zu erzielen. „Ich rechne nicht mit einem Ende des Krieges im nächsten Jahr, wenn unsere militärische Unterstützung auf dem Niveau wie bisher bleibt“, stellte die Sicherheitsexpertin klar.

Doch nach westlichen Waffenlieferungen im großen Stil sah es zuletzt nicht aus. Zwar stellten die USA der Ukraine die Übergabe von modernen Patriot-Abwehrraketensystemen in Aussicht. Doch aus Deutschland wird vorerst nichts mehr kommen. Obwohl die FDP zusammen mit der Union immer wieder auf die Lieferung des Kampfpanzers Leopard 2 pocht, zeigt sich die SPD um Bundeskanzler Olaf Scholz weiterhin zurückhaltend. Die Sozialdemokraten fürchten dadurch eine zu starke Einmischung in den Konflikt und verweisen zudem darauf, dass die Bundeswehr selber am Limit sei. Bislang hatte das Verteidigungsministerium bereits Gepard-Schützenpanzer, die Panzerhaubitze 2000 sowie das Raketenabwehrsystem Iris-T der Ukraine zur Landesverteidigung zur Verfügung gestellt. In den Augen der SPD handelt es sich bei dabei im Gegensatz zum Leopard-2-Panzer um Defensivwaffen.

Szenarien für Ukraine-Krieg: So könnte der Konflikt im Frühjahr 2023 enden – oder auch nicht

Vor diesem Hintergrund erscheint das Szenario nach einem schnellen militärischen Sieg eher unrealistisch. Doch theoretisch könnte es noch eine andere Variante für ein schnelles Ende im Ukraine-Krieg geben: ein Putsch gegen Putin. Immer wieder tauchen Spekulationen über einen Sturz auf. Doch trotz der vielen Rückschläge im Donbass sieht Russland-Experte Gerhard Mangott von der Universität Innsbruck noch zu wenig Bewegung für eine Palastrevolte im Kreml. „Es gibt derzeit aber noch kein Anzeichen für eine größere Uneinigkeit in der russischen Führung“, sagte er dem RND. Zumal auch ein potenzieller Nachfolger Putins wahrscheinlich eher kein Verfechter für ein Kriegsende in der Ukraine wäre.

Was planen Selenskyj und Putin? Kontrahenten schließen Verhandlungen über Frieden aus

Doch wie kann dann der Ukraine-Krieg enden? Durch Verhandlungen etwa? Dies wäre Szenario drei. Aber auch dies gilt als unrealistisch. Denn einerseits will Russland nicht von seinen Kriegszielen abrücken. Erst vor wenigen Tagen pochte Verteidigungsminister Sergej Schoigu noch auf die Besetzung der ostukrainischen Gebiete und der Halbinsel Krim. Und andererseits hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj seinem Kontrahenten Putin mehrfach die unverrückbaren Bedingungen für Friedensverhandlungen diktiert: ein vollständiger Rückzug aus der kompletten Ukraine sowie umfangreiche Reparationszahlungen für die entstandenen Kriegsschäden. Andernfalls werde man die Lösung des Konflikts auf dem Schlachtfeld suchen.

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Insofern erscheint eine dauerhafte Lösung im Ukraine-Krieg weiter schwer vorstellbar. Selbst wenn sich die Kriegsparteien auf eine Einstellung der Kampfhandlungen einigen sollten, würde der politische Konflikt um Ländergrenzen und Ausgleichszahlungen weiter für Unruhe sorgen. Denn in diesem Fall würde Russland auch aus einer Position der Schwäche verhandeln. Und auch dies hätte weiterhin verheerende Auswirkungen auf Europa und Deutschland. Davon ist Sicherheitsexpertin Major fest überzeugt.

Düsterer Ausblick: Ukraine-Krieg könnte weitere Flächenbrände in Europa lostreten

„Jegliche Schwächung von Russland und das möglicherweise Auseinanderbrechen dieses Vielvölkerstaates hat eine enorm destabilisierende Wirkung auf Europa und darüber hinaus“, warnte die Wissenschaftlerin. Denn bei einer militärischen Niederlage im Ukraine-Krieg würde Putins Reich in Osteuropa und in Zentralasien nicht mehr als Führungsmacht wahrgenommen werden. Doch was passiere dann? Die Folge: Andere abtrünnige Staaten und Republiken könnten sich zur Abspaltung ermuntert fühlen, etwa Aserbaidschan oder Armenien, weswegen Europa dann an seinen Grenzen weitere Flächenbrände drohen könnten. Keine guten Aussichten also für das Jahr 2023. (jkf)

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