„Höchst irritierend“

Booster-Impfung in Impfzentren: Spahns Plan nervt Niedersachsen

Jens Spahns will Impfzentren wiedereröffnen. Der Plan sorgt nicht nur in Niedersachsen für Unverständnis. Patientenschützern werfen der Regierung Planlosigkeit vor.

Berlin/Hannover – Sie wurden erst vor wenigen Wochen geschlossen, doch sie sollen nun wieder eine wichtige Säule im Kampf gegen das Coronavirus werden: Erst zum 30. September endete die Belieferung und Finanzierung der Impfzentren der Länder, doch nun fordert der geschäftsführende Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), den Betrieb in den stationären Einrichtungen wieder hochzufahren. Sieht so umsichtiges Handeln aus? Aus Sicht der Deutschen Stiftung Patientenschutz auf keinem Fall. Sie wirft dem Bund und den Ländern maximale Planlosigkeit im Kampf gegen das Coronavirus vor. In Hamburg könnten derweil ebenfalls die Impfzentren erneut öffnen*.

Deutscher Politiker: Jens Spahn
Geboren: 16. Mai 1980 (Alter 41 Jahre), Ahaus
Größe:1,92 m
Partei:Christlich Demokratische Union Deutschlands

Gesundheitsminister Jens Spahn will Impfzentren wiedereröffnen: Unverständnis beim Patientenschutz

„Niemals war das Hin und Her in der Pandemie größer als zurzeit“, sagte Stiftungsvorstand Eugen Brysch der Deutschen Presse-Agentur. „Denn ein Corona-Radar fehlt. So steuern Bund und Länder die Pandemie-Maßnahmen im Blindflug.“ Für ihn sei es kein Zufall, dass Deutschland mit widersprüchlichen Vorschlägen gerade planlos in die nächste Welle rutscht. Den Informationen der Agentur nach könne die Bundesregierung derzeit keine Angabe darüber, wie viele Impfzentren in den Ländern überhaupt noch in Betrieb sind. Seit Wochen steigen die Fallzahlen in der Bundesrepublik wieder an – bereits vergangene Woche warnte der Virologe Hendrik Streeck vor einem möglichen Klinik-Kollaps.

Erst Ende September wurden viele Impfzentren geschlossen. Nun könnten sie wieder eröffnen.

Um auf die neue Dynamik in der Pandemie zu reagieren, hatte Spahn ein Bund-Länder-Treffen für mehr Booster-Impfungen und die Reaktivierung der Impfzentren gefordert – dieses Anliegen war bei den Ländern teilweise auf Ablehnung gestoßen. Niedersachsens Gesundheitsministerin Daniela Behrens zeigte sich von den unabgestimmten Vorschlägen aus Berlin zur Wiedereröffnung höchst irritiert. In ihrem Bundesland erreichte zuletzt die Belegung der Betten auf Intensivstationen einen kritischen Wert.

In einem Statement gegenüber kreiszeitung.de sagte Behrens angesichts der steigenden Fallzahlen: „Die Hauptlast der Impfkampagne liegt nach der Schließung der großen Impfzentren aber bei den Praxen in Niedersachsen. Hier erwarte ich in den kommenden Wochen einen deutlichen Aufwuchs bei den durchgeführten Impfungen. Die Impfdynamik ist mir derzeit zu gering.“

Gesundheitsministerin Daniela Behrens: Spahns Pläne führen zur Irritation

Spahns Aussage sei in der Weise höchst irritierend, da es schließlich der gleiche Minister war, der die Finanzierung der Impfzentren und die Belieferung der Länder mit Impfstoff zum 30. September eingestellt hat, so Behrens. „In Niedersachsen haben wir uns frühzeitig und sehr vehement dafür eingesetzt, dass es auch nach der Schließung der Impfzentren eine öffentliche Ergänzung zu den Impfungen im Regelsystem der Ärztinnen und Ärzte geben kann“, sagte die niedersächsische Ministerin. „Mit den mobilen Impfteams wurde in allen Landkreisen und kreisfreien Städten in den vergangenen Wochen eine neue Struktur geschaffen, die bei Bedarf auch noch ausgebaut werden kann.“

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Behrens betont, dass sich die jetzige Impf-Infrastruktur aus niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten sowie die mobilen Impfteams an den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (Stiko) orientiert. „Die Stiko empfiehlt Auffrischungsimpfungen derzeit mit einem Abstand von mindestens sechs Monaten für alle ab 70 sowie für Menschen mit Vorerkrankungen. Ich denke, die Stiko sollte darüber nachdenken, die Empfehlung für die Auffrischungsimpfung auch auf die 60 bis 69-Jährigen zu erweitern“, so Behrens gegenüber kreiszeitung.de. In dieser Altersgruppe sei die Gefahr, im Falle einer Infektion einen schweren oder tödlichen Verlauf zu erleiden, viel größer als bei den darunter liegenden Jahrgängen.

Ehemaliger THW-Chef kritisiert Vorgehen der Bundesregierung

Rapide steigende Fallzahlen, bereits ausgelastete Intensivstationen: Während in Berlin die Parteien einer möglichen Ampelkoalition über das Ende der pandemischen Lage diskutieren, kommt für viele Experten Spahns Forderung deutlich zu spät. In einem Interview mit dem Spiegel erklärte der ehemalige THW-Chef Albrecht Broemme, dass der Vorschlag viel zu spät komme. Broemme hatte 2020 in Berlin sechs Impfzentren mit aufgebaut. „Die meisten Impfzentren sind längst abgebaut und können gar nicht wiedereröffnet werden. Das hätten sich die Verantwortlichen ein paar Wochen früher überlegen müssen.“

Auch sei es wahrscheinlich, dass die Verantwortlichen der Einrichtungen nicht genug Personal für den Betrieb finden werden. Die damaligen Mitarbeiter seien in ihre ursprünglichen Branchen zurückgekehrt – etwa in Gaststätten, Hotellerie oder Luftfahrt. „Diese Menschen kommen sicher nicht in die Impfzentren zurück“, so Broemme im Spiegel. „Man hätte sich wirklich früher überlegen müssen, wie man mit der zu erwartenden vierten Welle umgeht.“ *kreiszeitung.de und 24hamburg sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Felix Kästle/dpa/Archivbild

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