Zustände in Flüchtlingsheimen

Asyl in Deutschland: Geflüchtete klagen – „es ist wie im Gefängnis“

Gewalt, Enge, miese Betreuung: Ein Bericht von Pro Asyl beschreibt katastrophale Zustände in Flüchtlingsheimen – auch im Norden. Und die Situation wird schlimmer.

Berlin/Bremen – Sie flüchten vor Krieg, Gewalt und Armut: Deutschland gilt vielen Asylbewerbern als sicherer Zufluchtsort. Doch dann kommt oftmals das böse Erwachen. Denn in den deutschen Flüchtlingsunterkünften herrschen mitunter auch Gewalt, Enge und miese Zustände, wie aus einem kürzlich von Pro Asyl veröffentlichten Bericht hervorgeht. In den ersten Tagen habe es sich in der Aufnahmeeinrichtung angefühlt, als ob man in einem Gefängnis sei, zitiert die Hilfsorganisation eine in Bremen untergebrachte Frau. Und sie ist kein Einzelfall.

Hilfsorganisation:Pro Asyl
Gründung:1986
Mitglieder:24.653
Geschäftsführer:Günter Burkhardt

Der Bericht basiert auf einer Untersuchung der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. Deren Politikwissenschaftler Nikolai Huke erforscht von Oktober 2020 bis Februar dieses Jahres die Lebensumstände in deutschen Flüchtlingsunterkünften, darunter in Bremen und Hamburg, aber auch in Hessen, Thüringen, Bayern und Brandenburg. Für seine Arbeit führte er mit den Menschen in den Einrichtungen zahlreiche Interviews.

Asyl in Deutschland: Flüchtlinge beklagen Zustände in Flüchtlingsheimen – auch in Bremen

Laut Pro Asyl ist die im Internet abrufbare Befragung, über die focus.de zuerst berichtete, nicht repräsentativ. Dennoch biete sie einen tiefen Einblick in die Zustände deutscher Flüchtlingsunterkünfte, hieß es seitens der Hilfsorganisation. Demnach berichten die Geflüchteten von Rassismus und Gewalttätigkeiten der Sicherheitsbediensteten. Auch Vorwürfe nach sexuellen Übergriffen, schlechter medizinischer Versorgung oder wenig Privatsphäre werden erhoben. „Nicht einmal Tiere werden so schlecht behandelt“, klagte ein Geflüchteter.

Endstation Deutschland? Das Leben in einer Erstaufnahme ist mitunter für Flüchtlinge beschwerlich.

Pro Asyl schlug vor diesem Hintergrund Alarm. „Die Äußerungen der Bewohnerinnen und Bewohner in der Studie zeigen, dass die strukturellen Bedingungen in Erstaufnahmeeinrichtungen und anderen Massenunterkünften eine üble Zumutung und für die gesellschaftliche Partizipation kontraproduktiv sind“, betonte die Aktivistin Andrea Kothen in einer Mitteilung der Organisation.

Und die Situation droht noch schlimmer zu werden. Denn in den Asylunterkünften wird es in diesem Jahr wieder enger werden. Nachdem in dem Corona-Jahr 2020 der Flüchtlingsstrom wegen geschlossener Grenzen und der Einstellung des Flugverkehrs versiegt war, steigt der Andrang jetzt wieder an. So nimmt die Zahl der Asylanträge in Deutschland nach Angaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge stark zu.

Asylbewerber: Zahl der Anträge steigt – vor allem Afghanistan ist Fluchtland Nummer eins

Bis Ende September dieses Jahres registrierte die Behörde nach einem Bericht der Deutschen Presse-Agentur (dpa) insgesamt 100.278 Erstanträge. Das waren 35,2 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Die meisten Asylbewerber, die erstmals nach Schutz suchten, kamen aus Syrien, Irak und vor allem aus Afghanistan.

In dem Land am Hindukusch ist die Lage derzeit besonders prekär. Nachdem die Nato überraschend ihren 20-jährigen Isaf-Einsatz beendet hatte, überrannten die radikal-islamistischen Taliban das Land und trieben Hunderttausende Menschen in die Flucht. Mit einer hastig eingeleiteten Evakuierungsmission, an der auch die Bundeswehr teilnahm, wurden noch tausende Ortskräfte und deren Familien ausgeflogen. Auch in Niedersachsen und Bremen wurden viele der Schutzsuchenden aufgenommen.

Bereits vor Wochen hatte Pro Asyl die Versäumnisse der Bundesregierung bei der Rettung der afghanischen Hilfskräfte und deren Familien angeprangert. Es sei „viel zu spät und falsch gehandelt worden“, hatte Bundesgeschäftsführer Günter Burkhardt im Exklusiv-Interview mit kreiszeitung.de angeprangert. Nun wiederholte er die Kritik und mahnte erneut entschlossenes Handeln an. Sowohl die derzeitige als auch die künftige Bundesregierung müsse mehr tun für die Aufnahme gefährdeter Menschen, sagte er der dpa.

Flüchtlinge: Pro Asyl fordert Handeln – Niedersachsen verspricht verstärkte Aufnahme

Immerhin: Niedersachsen sagte bereits mehr Hilfen zu. Man sei bereit, „gerne eine besondere Verantwortung“ bei der Aufnahme von Flüchtlingen zu übernehmen, teilte Landesinnenminister Boris Pistorius (SPD) kreiszeitung.de mit. „Ich halte es nach wie vor für unsere Pflicht, Menschen, die unseren Einsatzkräften in Afghanistan geholfen haben, die Möglichkeit zur Ausreise nach Deutschland zu schaffen“, sagte der SPD-Politiker weiter.

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Seinen Angaben zufolge wurden allein Niedersachsen im Jahr 2021 insgesamt 549 schutzbedürftige Personen aus Afghanistan zugewiesen. Die Geflüchteten lebten mittlerweile in niedersächsischen Kommunen, hieß es. Wie lange jedoch ist unklar. Nachdem die Bundesregierung bis zum Sommer Afghanistan als sicheres Herkunftsland beurteilt und deswegen viele Menschen noch abgeschoben hatte, verhängte das Bundesinnenministerium erst mit der Machtübernahme der Taliban einen kurzfristigen Abschiebestopp.

In Niedersachsen stößt das auf Kritik. Die derzeitige Duldung mache die Rechtslage unklar und erschwere die Integration der Schutzsuchenden, hieß es aus den niedersächsischen Behörden. Deshalb sei der Bund aufgefordert, in dieser Hinsicht schnell für Klarheit zu sorgen. * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Patrick Pleul/dpa

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