„Sch****!“

Grünen-Parteitag: Baerbock ärgert sich über eigene Kandidaten-Rede - und flucht hörbar ins Mikro

Annalena Baerbock ist nun offiziell Kanzlerkandidatin der Grünen. Das Wahlergebnis fiel gut aus - ihre erste Rede irritierte jedoch einige Beobachter.

  • Die Grünen haben bei ihrem Parteitag Annalena Baerbock und Robert Habeck als Spitzenduo bestätigt.
  • Die folgende mit Spannung erwartete Rede Baerbocks fiel nach Ansicht einer Expertin eher mau aus (Update von 16.20 Uhr).
  • Auch die Grünen-Chefin selbst ärgerte sich über ihren Auftritt - wie ein Video beweist (Update von 21.25 Uhr).

Update vom 13. Juni, 9.11 Uhr: Die Grünen wenden sich an diesem Sonntag der Verteidigungs- und Außenpolitik zu. Gestritten werden dürfte auf dem Parteitag darüber, ob sich die Partei in ihrem Bundestagswahl*-Programm generell gegen den Kampfdrohnen-Einsatz ausspricht - also auch, wenn es um den Schutz von Bundeswehrsoldaten geht.

Ihr außenpolitisches Profil will die Partei ebenfalls schärfen. Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock hatte in ihrer Parteitagsrede schon betont, dass Menschenrechte hier grundsätzlich mehr Gewicht haben sollen als wirtschaftliche Interessen. Die deutsch-russische Gaspipeline Nord Stream 2, von der Regierungskoalition aus Union und SPD* befürwortet, hält sie für falsch. Im Umgang mit autoritären Regimes sei aus ihrer Sicht ein Zweiklang von „Dialog und Härte“ der richtige Weg.

Bundesparteitag der Grünen: Einige Delegierte gegen „Deutschland“ im Programm-Titel

Die Abstimmung über den Titel des Wahlprogramms war am Freitag gleich zu Beginn auf Sonntag vertagt worden. Der Vorstand hatte „Deutschland. Alles ist drin“ vorgeschlagen - manche Delegierte wollen das Wort „Deutschland“ streichen.

Am Samstag hatten mehrere Hundert Delegierte bis tief in die Nacht vor ihren Rechnern gesessen. Nachdem der digitale Parteitag am Freitag praktisch problemlos über die Bühne gegangen war, sorgten technische Schwierigkeiten bei den Abstimmungen am Samstag für Verzögerungen.

FDP-Chef Christian Lindner forderte von Baerbock eine klare Positionierung zur Linken. „Dann können die Menschen entscheiden, ob sie eine solche Linksverschiebung in unserem Land wirklich möchten“, sagte er der Rheinischen Post (Online/Print Montag) und gratulierte Baerbock zur Wahl.

Bundestagswahl 2021: Grüne schließen Beratungen zum Wahlprogramm ab

Update vom 12. Juni, 21.25 Uhr: Trotz des obligatorischen Applauses war Annalena Baerbocks erste Rede als offiziell bestätigte Grünen-Kanzlerkandidatin auf Irritation gestoßen (siehe voriges Update). Auch die Grünen-Chefin war offenbar alles andere als begeistert von ihrem Auftritt. Als Baerbock nach ihrem großen Auftritt beim Parteitag zusammen mit Co-Parteichef Robert Habeck Bühnenbereich und Rampenlicht verließ, sagte sie herzhaft „Scheiße“ - offenbar war das Mikro der grünen Kanzlerhoffnung noch nicht abgeschaltet. Im Internet ging ein Clip des Vorfalls am Samstag viral.

Aus Baerbocks Umfeld war zu hören, die frisch bestätigte Kanzlerkandidatin habe sich darüber geärgert, dass sie in ihrer Rede an einer Stelle neu ansetzen musste. Baerbock verhaspelte sich zum Ende ihrer etwa 45 Minuten langen Ansprache. Sie warnte an dieser Stelle zunächst davor, sich beim Ausbau wichtiger digitaler Infrastruktur vom chinesischen Staat abhängig zu machen, wofür sie etwas zögerlichen Applaus von den Anwesenden erntete.

Baerbock sagte: „Die Angriffe von heute finden ja vor allen Dingen digital statt. Und die liberalen Feinde innen wie außen wissen das gezielt zu nutzen. Was früher -“, hier brach die Grünen-Chefin ab und korrigierte sich. „Die Feinde der liberalen Demokratie innen wie außen wissen das natürlich gezielt zu nutzen. Was früher ein Angriff auf eine Gasleitung war, kann heute der Hack auf Krankenhäuser oder Umspannzentren von Stromversorgern sein.“

Ein anderer Redebeitrag beim Parteitag sorgte am Samstag für ernstlichere Verstimmungen. Die CDU forderte von Baerbock diesbezüglich eine umgehende Klarstellung*.

Grünen-Parteitag: Baerbock große Rede stößt auf Irritation - „nicht einfacher geworden“

Update vom 12. Juni, 16.20 Uhr: Annalena Baerbock und Robert Habeck sind am Nachmittag quasi in „Blockabstimmung“ zum Spitzenduo der Grünen für die Bundestagswahl 2021* gekürt worden - Baerbock ist damit zugleich zur Kanzlerkandidatin der zuletzt in den Umfragen zweitstärksten Partei bestimmt worden. 98,5 Prozent der Delegierten beim Parteitag sprachen sich für Baerbock und Habeck aus.

Bei ihrer Antrittsrede als Kanzlerkandidatin referierte Baerbock im Wesentlichen über die Eckpunkte des Wahlprogramms der Grünen* - abseits kleiner Angriffe auf die Union und einiger biografisch gefärbter Anekdoten glich der chronologische Aufbau der Ansprache teils sogar der Gliederung des Programms.

Trotz der erwartbaren positiven akustischen Rückmeldung aus dem Saal zeigten sich erste Experten nach der Rede eher enttäuscht. „Warum liefert hier Robert Habeck am Freitag den großen Überblick, die großen Fragen? Und warum ist die Kanzlerkandidatin diejenige, die sich hier am Wahlprogramm entlang abarbeitet?“, fragte sich die Politikwissenschaftlerin Julia Reuschenbach im Gespräch mit dem TV-Sender Phoenix. Der Versuch einer Aufholjagd auf die CDU* sei im Lichte der Rede Baerbocks jedenfalls „nicht deutlich einfacher geworden“.

Grüne: Baerbocks erste Rede als Kanzlerkandidatin - Parteirede formuliert Wahlprogramm noch einmal aus

Update vom 12. Juni, 15.30 Uhr: Unter dem Applaus der knapp 1.000 Zuhörer bedankt sich Annalena Baerbock, die frisch bestätigte Kanzlerkandidatin der Grünen, in ihrer Rede für die Unterstützung trotz der Turbulenzen, die sie zuletzt Unterstützung gekostet hatte. In diesem Sommer solle sich „der Wind drehen“. Am aktuellen Punkt der Pandemie müsse man verstärkt Zukunftsfragen stellen. Man brauche die „Zuversicht des Handelns“. Dabei meine sie nicht nur die Partei der Grünen, sondern die gesamte deutsche Gesellschaft.

Die große Aufgabe unserer Zeit sei die Klimakrise. Die Grünen wollen laut Baerbock die Politik ändern, die grundsätzlich auf Veränderung setze, aber im Detail beim Alten bleibe. Nur Veränderung verspreche Perspektive. Es brauche eine neue Regierung, die neue Perspektiven verspreche. Sie stehe für einen klimagerechten Wohlstand, den sie in Deutschland schaffen möchte, erklärt Baerbock.

Rede von Baerbock auf dem Grünen-Parteitag: Klimagerechter Wohlstand

Wohlstand und Klimaschutz seien vereinbar und eine sozial-ökologische Marktwirtschaft eine vielversprechende Perspektive für Deutschland: „Sozial-ökologische Marktwirtschaft sichert die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands“. „Das Ende vom Alten ist auch ein Aufbruch zu etwas Neuem, zu mehr Freiheit“, betont sie. Sie kämpfe „mit allem, was ich habe, dafür, dass unsere Kinder auch in Zukunft in Freiheit leben können“. Dafür sei ein Kohleausstieg wichtig. Denn „Klimaneutralität braucht sauberen Strom“. Neue Perspektiven müssten aber denjenigen eröffnet werden, die in diesem Sektor tätig sind und die Deutschland früher zum Wohlstand verholfen haben.

Annalena Baerbock: „Aus Umbruch soll Aufbruch werden“

Baerbock forderte weiter einen Aufbruch für alle Menschen in Deutschland gelten. Man müsse die Sorgen derjenigen verstehen, die Angst vor Umbruch haben, weil sie darin eine Gefahr für ihre Existenz sehen. Umbruch müsse durch Unterstützung begleitet werden - besonders für sozial Schwache in Deutschland.

Annalena Baerbock beim Parteitag der Grünen.

Schließlich geht Baerbock auf die Jugend ein, die während der Corona-Pandemie besonders gelitten habe. Die Politik habe Kinder und Jugendliche hängen lassen. Sie stehe für eine Politik ein, „die Kinder und Jugendliche in den Mittelpunkt stellt“. Eine Kindergrundsicherung solle Kinder aus einem System retten, „das für Erwachsene gebaut ist“. Ihr Grundsatz in diesem Zusammenhang: „Reichtum ist, wenn alle Kinder frei von Armut sind“.

Baerbock in ihrer Rede: „Antisemitismus und Rassismus sind keine Meinung“

Anhand des Werdegangs ihrer Mutter versucht Baerbock für eine Politik zu plädieren, die das Individuum sieht und wahrnimmt. Konflikte in einer Gesellschaft seien normal und müssten geführt werden. Allerdings müsse klar differenziert werden, denn „Antisemitismus und Rassismus seien keine Meinung, sondern ein Angriff auf die Menschenwürde“. Auch zur Außenpolitik äußert sie sich: Die Europäische Union müsse zukünftig gestärkt werden - vor allem bei der Zusammenarbeit gegen Cyber-Kriminalität. Gegenüber autoritären Regimen solle zukünftig mehr Härte gezeigt werden.

Update vom 12. Juni, 15.00 Uhr: Annalena Baerbock wurde auf dem Bundesparteitag der Grünen offiziell von den Delegierten als Kanzlerkandidatin bestätigt. 98,5 Prozent der Delegierten stimmten für sie.

Erstmeldung vom 12. Juni, 14.30 Uhr: Berlin - Am heutigen Samstag (12. Juni) setzten die Grünen ihren Online-Parteitag zur Bundestagswahl fort. Auf der Agenda stehen die Wahl von Annalena Baerbock und Robert Habeck zum Wahlkampf-Spitzenduo, die Bestätigung von Baerbock als Kanzlerkandidatin sowie ihre Rede. Bei den Abstimmungen zum Wahlprogramm setzte sich sowohl am Freitag als auch am Samstag der Grünen-Bundesvorstand in fast in allen Punkten mit seinen Vorschlägen durch.

Annalena Baerbock hatte, nachdem sie sich zur Kandidatur um die Kanzlerschaft bereit erklärt hatte, sehr gute Umfragewerte. Nach einem Fauxpas um ihren Lebenslauf sanken die Umfragewerte allerdings wieder rapide. Seit Januar 2018 ist sie gemeinsam mit Robert Habeck Bundesvorsitzende ihrer Partei. Im April 2021 schlug sie der Bundesvorstand der Grünen als Kanzlerkandidatin für die Bundestagswahl 2021 vor. Gemeinsam mit Habeck stellt sie das Spitzenduo der Partei für den Wahlkampf. dpa/at

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