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Andrij Melnyk: Der streitbare Waffeneinkäufer der Ukraine

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Von: Jens Kiffmeier

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Er ist das schlechte Gewissen von Olaf Scholz und der SPD: Andrij Melnyk. Der Botschafter ringt bei Twitter um schwere Waffen für die Ukraine. Doch wer ist er?

Berlin – Er eckt an, provoziert und ist nie still: Andrij Melnyk. Der Botschafter der Ukraine in Deutschland streitet seit Wochen mit der Bundesregierung lautstark um die Lieferung von schweren Waffen. Doch an Bundeskanzler Olaf Scholz und der SPD beißt er sich die Zähne aus – was ihn jeden Tag bei Twitter zu neuen, ungewöhnlich harten Kommentaren verleitet. Denn klein beigeben will er nicht – auch wenn viele Deutsche mittlerweile vom harschen Ton genervt sind. Sein Land stecke nun einmal in einem Überlebenskampf und er sei der „oberste Waffeneinkäufer“ der Ukraine, verriet der Diplomat der Süddeutschen Zeitung. Doch wird seine Strategie aufgehen? Was treibt ihn an? Ein Versuch der Annäherung.

Andrij Melnyk: Der Botschafter der Ukraine schimpft bei Twitter auf die SPD und Olaf Scholz – doch wer ist er?

Andrij Melnyk ist bereits seit Dezember 2014 Botschafter der Ukraine in Deutschland. Der 46-jährige Jurist spricht fließend Deutsch und Englisch und war bereits zwischen 2007 und 2010 in Deutschland als Generalkonsul der Ukraine in Hamburg tätig. Einer breiten Öffentlichkeit wurde er aber erst mit Beginn des Ukraine-Krieges bekannt. Denn seit diesem zieht er durch die Talkshows im deutschen Fernsehen und schimpft bei Twitter wortgewaltig auf die deutsche Politik, vor allem die SPD und Scholz.

Der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk schaut ernst. Im Hintergrund verlädt die Bundeswehr alte Marder-Schützenpanzer auf einem Eisenbahnwaggon.
Dringt auf schwere Waffen aus Deutschland: der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk. (kreiszeitung.de-Montage) © Hendrik Schmidt/Christophe Gateau/dpa

Ukraine-Krieg: Botschafter Melnyk prangert unermüdlich Nein zur Lieferung von schweren Waffen an

Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern der Nato zeigt sich Deutschland äußerst zurückhaltend bei der Frage nach Waffenlieferungen in die Ukraine. Im Kampf gegen die von Russlands Präsidenten Wladimir Putin befohlene Invasion fordert Melnyk vor allem hunderte Schützenpanzer vom Typ Marder sowie schwere Artilleriegeschütze aus Bundeswehrbeständen. Auch Kampfjets stehen auf der Wunschliste. Doch die deutsche Armee sieht sich am Rande der Verteidigungsfähigkeit. Deshalb bietet Scholz der Ukraine den Kauf von anderen Kriegsgeräten bei der deutschen Rüstungsindustrie an. Bezahlen will dann Berlin.

Frau und Kinder – wer ist Andrij Melnyk privat?

Andrij Jaroslawowytsch Melnyk wurde am 7. September 1975 in Lwiw in der Westukraine geboren. Der heute 46-Jährige lebt seit seiner Berufung zum Botschafter in Berlin. Der Jurist, Politiker und Diplomat ist mit seiner Ehefrau Svitlana Melnyk verheiratet. Das Paar hat zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter.

Doch aus Sicht von Melnyk ist das kein ernsthaftes Angebot. Nur mit schweren Waffen können die Ukraine gegen die russische Übermacht bestehen, stellt er klar. Bei Twitter lässt er seinem Frust freien Lauf. Während die Ukrainerinnen und Ukrainer in Putins Raketenhagel sterben würden, mache sich in Deutschland mal wieder der „Kleinmut“ bemerkbar. „Ich kann nicht verstehen: Wie kann man so kaltherzig und stur bleiben“, twitterte er erbost.

Streit um Waffenlieferung: Melnyk spricht mit SPD-Chefs Klingbeil und Esken – Hofreiter der beste Verbündete?

Als Gegner hat er vor allem Scholz und die SPD ausgemacht, die laut Melnyk seit der Amtszeit von Altkanzler Gerhard Schröder ein ungeklärtes Verhältnis zu Putin und Russland hat. Ein klärendes Gespräch mit den Parteivorsitzenden Lars Klingbeil und Saskia Esken brachte zuletzt nur wenig Annäherung. Immerhin: Bei den Grünen hat Melnyk viele Unterstützer: Während er sich über Wirtschaftsminister Robert Habeck nicht beschweren will („Er ist der einzige, der mich auch zurückruft.“), beschwört auch Außenpolitiker Anton Hofreiter die Gefahr eines neuen Weltkrieges und fordert Scholz auf, seine Zurückhaltung endlich aufzugeben.

Melnyk nervt? Auf change.org laufen Petitionen gegen den Botschafter der Ukraine

Doch die Attacken auf die Bundesregierung, die jetzt zu einem offenen Zwist in der Ampel-Koalition gesorgt haben, gehen nicht spurlos an dem Botschafter vorbei. Bei vielen Deutschen eckt der Diplomat, der eigentlich gute Beziehungen herstellen soll, mit seinen harschen Tönen an. Bei der Internetplattform change.org wurde bereits eine Petition gestartet, in der die Bundesregierung aufgefordert wird, Melnyk auszuweisen. Mehr als 30.000 Menschen haben bereits den Aufruf unterzeichnet. Zwar gibt es auch eine Gegenbewegung, die für den 46-Jährigen die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes fordert. Doch mit 300 Unterzeichnern ist die Zahl der Unterstützer durchaus kleiner.

Kritik an Melnyk: Asow-Regiment, Stepan Bandera und Oun – ultrarechte Strömung bringt ihn in Bedrängnis

Angriffsfläche bietet Melnyk genug. Neben seiner lautstarken Kritik an der deutschen Regierung geriet der Botschafter der Ukraine auch in der Vergangenheit schon wegen einer mangelnden Distanzierung von ultrarechten Strömungen unter Druck. Nachdem ein Besuch am Grab des Partisanenführers und NS-Kollaborateurs von der Bewegung Oun, Stepan Bandera, bereits im Jahr 2015 negativ aufgefallen war, wies Melnyk auch die Debatte um den Einsatz des umstrittenen Asow-Regiments in der Ostukraine brüsk als russische Fake-Propaganda zurück.

Doch Melnyk weiß: Er spielt mit dem Feuer. Eigentlich sollte ein Diplomat eher leise Töne anschlagen. Mit seinen Verbalattacken kann er den Bogen auch schnell überspannen. Übereinstimmenden Medienberichten zufolge mault man im Kanzleramt auch schon über den Botschafter. Deutschland stehe durch seine Angriffe in der Nato und in der EU vermeintlich als Bremser da, doch niemand erhebe die gleiche Kritik gegen Italien oder Frankreich, die sich bislang auch nicht mit der Lieferung von schweren Waffen in den Vordergrund gedrängt habe, hieß es.

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„Ich bewege mich auf dünnem Eis, das weiß ich“, sagte Melnyk jetzt der Süddeutschen Zeitung. Die Gefahr, zu überziehen, sei durchaus da. „Doch ich muss manchmal provozieren, um Entscheidungen zu erzwingen“, verriet er seine Strategie. Es sei wichtig, fügte er hinzu, dass weiterhin über die Ukraine gesprochen wird – „auch kontrovers“.

 

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