Pro Asyl erhebt schwere Vorwürfe

Pro Asyl über Lage in Afghanistan: „Es wurde zu spät und falsch gehandelt“

Deutschland beendet die Evakuierung und die Taliban sorgen für Angst und Schrecken im ganzen Land. Was macht das mit den Menschen? Ein Interview.

Berlin – Die Lage in Afghanistan spitzt sich nach der Machtübernahme der Taliban immer weiter zu: Mit Selbstmordattacken haben radikal-islamistische Kämpfer die Evakuierungsaktion von Deutschland, den USA und anderen westlichen Ländern abrupt und blutig beendet. Die Bundeswehr stellte die Rettungsflüge für afghanische Ortskräfte ein. Am Freitag, 27. August werden die Militär-Transportmaschinen wieder auf dem Fliegerhorst im niedersächsischen Wunstorf zurückerwartet. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer begleitet die Flüge von Usbekiastan nach Niedersachsen.

Wer?Pro Asyl
Was?Engagement für Flüchtlinge und Menschenrechte
Seit wann? 1986

Lage in Afghanistan: Bundeswehr stoppt Evakuierung – Pro Asyl kritisiert Bundesregierung

Zurück bleibt die Verzweiflung von Tausenden Menschen, die nun die Rache der Taliban fürchten müssen. Obwohl zahlreiche Ortskräfte gerettet und nach Deutschland ausgeflogen werden konnten, stehen viele Menschen am Hindukusch weiterhin vor einer ungewissen Zukunft. Wie geht es nach dem Ende der Evakuierung jetzt weiter? Über die Belange der Geflüchteten und die prekäre Lage in Afghanistan spricht Günter Burkhardt, Geschäftsführer der Flüchtlingsorganisation Pro Asyl im exklusiven Interview mit kreiszeitung.de:

Herr Burkhardt, wie erleben Sie die aktuelle Lage in Afghanistan innerhalb Ihrer Hilfsorganisation?
Wir sind oft mit Menschen in Deutschland konfrontiert, die sich um ihre Angehörigen in Afghanistan sorgen. Die werden von den Taliban verfolgt oder fürchten Racheakte der Terrororganisation. Unsere Organisation unterstützt Geflüchtete dann dabei, Familienangehörige nach Deutschland zu holen. Das ist allerdings durch die Machtübernahme der Taliban noch einmal deutlich schwieriger geworden. Jetzt müssen diese Familienangehörigen verbindliche Aufnahmezusagen aus Deutschland erhalten. Nur zu wissen, dass man auf einer Liste steht, reicht nicht mehr aus.
Kritisiert die Bundesregierung für Fehler in der Afghanistan-Politik: Pro-Asyl-Geschäftsführer Günter Burkhardt. (Montage kreiszeitung.de)
Politiker zeigten sich vielfach überrascht von den Ereignissen in Afghanistan. Pro Asyl hat allerdings bereits Ende April für die Ausreise von Ortskräften aus dem Land geworben. Was haben andere vielleicht übersehen?
Wir haben uns bereits seit 2013 mit der Situation der Ortskräfte in Afghanistan befasst. Damals haben wir von einem Fall gehört, bei dem der Sohn eines Geflüchteten in Afghanistan noch Jahre nach dem Kontakt mit westlichen Ländern von den Taliban verfolgt und gefoltert wurde. Das hat uns die Dringlichkeit der Lage schon damals deutlich gemacht. Als dann der Abzug der Nato-Gruppen dieses Jahr feststand, haben wir ein komplettes Programm für die Evakuierung der betroffenen Menschen in Afghanistan mit konkreten Handlungsvorschlägen entworfen. Das hat in der Bundesregierung allerdings wenig Anklang gefunden.
Wie beurteilen Sie die Reaktion von Deutschland und die laufenden Evakuierungsmaßnahmen für die Menschen im Krisengebiet?
Es wurde insgesamt zu spät und falsch gehandelt. Wir sind aktuell aber einfach dankbar für jeden einzelnen Evakuierungsflug, der noch stattgefunden hat. Denn das Wichtigste ist jetzt die Ausreise aller gefährdeten Ortskräfte und ihrer Angehörigen. Ich fürchte allerdings, dass weitaus mehr als die 10.000 geplanten Ortskräfte und ihre Angehörigen aus Angst vor Verfolgung und Unterdrückung das Land verlassen müssen. Und wenn die Evakuierung endet, werden Tausende von ihnen in Afghanistan zurückbleiben.

Das Ende der Evakuierungsflüge wird für viele Menschen die nackte Verzweiflung bedeuten

Günter Burkhardt, Geschäftsführer der Flüchtlingsorganisation Pro Asyl
Was erwartet die Menschen, die in Afghanistan zurückbleiben?
Das Ende der Evakuierungsflüge wird für viele Menschen in Deutschland und Afghanistan die nackte Verzweiflung bedeuten. In Deutschland werden sich die Menschen um ihre Angehörigen im Krisengebiet sorgen und in Afghanistan selbst sind die Leute nahezu schutzlos mit der unberechenbaren Herrschaft der Taliban konfrontiert. Und es sind sehr viele Menschen bedroht. Neben den direkten Ortskräften müssen zum Beispiel auch Mitarbeiter in Subunternehmen eine Verfolgung befürchten. Das kann sogar der Türsteher in einem Gebäude einer Hilfsorganisation sein.
Verhandeln mit den Taliban – gute Idee oder hoffnungslos? 
Wer Menschenleben retten möchte, der muss zwangsläufig mit den Taliban verhandeln. Das ist ja das große Dilemma des Westens. In dem Land herrscht Armut, es droht eine Hungersnot und viele Menschengruppen sind jetzt gefährdet. Wohl oder übel wird man also ein Abkommen mit der Terrororganisation schließen müssen. Die Taliban müssen einer Ausreise zustimmen.
Wie wird sich die Lage in Afghanistan Ihrer Meinung nach auf die Bundestagswahl auswirken?
Ich hoffe sehr, dass die Lage in Afghanistan genauso wie die gesamte Flüchtlingsthematik nicht von einschlägigen Parteien genutzt wird, um kurz vor der Bundestagswahl noch einmal Stimmung zu machen. Grundsätzlich finde ich, dieses Thema gehört nicht in einen polarisierenden Wahlkampf. Ich erwarte vielmehr von allen Parteien, die auf dem Boden des Grundgesetzes stehen, dass sie menschlich und solidarisch reagieren, ohne Wahlkampf mit einem solchen Desaster zu machen.
Afghanistan ist ein großes Thema auf Ihrer Webseite. Warum geht uns die Lage in Afghanistan eigentlich alle etwas an?
Bei Afghanistan geht es um Grundrechte und Menschenrechte. Das sind Werte, die wir in Deutschland vertreten, dabei geht es eben auch um den Schutz von Flüchtlingen. Wir setzen uns also dafür ein, dass sich Deutschland und andere westliche Staaten zu einem solidarischen Umgang mit Geflüchteten verpflichten. * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Marc Tessensohn/dpa/picture alliance & Maurizio Gambarini/dpa/picture alliance

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