Mission gescheitert

Afghanistan: 40.000 Ortskräfte sitzen unter Taliban-Regime fest

4000 gerettet, aber 40.000 zurückgelassen: Die Bundeswehr hat vor dem US-Abzug weniger Ortskräfte ausgeflogen als gedacht. Kann Heiko Maas das ausbügeln?  

Berlin – Der letzte US-Soldat hat in der Nacht zu Dienstag den Flughafen in Kabul verlassen*, doch noch immer sitzen bis zu 40.000 Ortskräfte und Helfer der Bundeswehr in Afghanistan fest: Vor diesem Hintergrund hat der Vorsitzende der konservativen EVP-Fraktion im EU-Parlament, Manfred Weber (CSU), ein stärkeres Engagement des Westens angemahnt.

Land am Hindukusch:Afghanistan
Fläche:652.860 km²
Bevölkerung:38,04 Millionen (2019)
Hauptstadt:Kabul

Die Regierungen der EU ständen in der „moralischen Pflicht“, sagte er dem „Münchener Merkur“. Denn die Menschen hätten „für uns den Kopf hingehalten“. Doch Außenminister Heiko Maas (SPD) dämpfte bereits die Erwartung an eine umfassende Flüchtlingshilfe.

Schlechte News aus Afghanistan: US-Abzug beendet – 40.000 Ortskräfte sitzen fest

Tatsächlich halten sich derzeit noch bis zu 40.000 Afghaninnen und Afghanen am Hindukusch auf, denen die Bundesregierung eine Aufnahme in Deutschland wegen ihrer Unterstützung der Bundeswehr-Mission zugesagt hat. Diese Zahl bestätigte das Auswärtige Amt, nachdem zuerst die „Bild“-Zeitung und die „Welt“ darüber berichtet hatten.

Zunächst war die Bundesregierung von rund 10.000 Menschen ausgegangen. Doch es habe in den vergangenen zwei Wochen noch Nachmeldungen von Hilfs- und Entwicklungsorganisationen und aus anderen Ministerien gegeben, hieß es.

Steht wegen der Evakuierung von Ortskräften aus Afghanistan unter Druck: Außenminister Heiko Maas (SPD). (Montage von kreiszeitung.de)

Doch wer genau wurde aus Afghanistan ausgeflogen? Bei der hektisch eingerichteten Luftbrücke nach der Übernahme der radikal-islamistischen Taliban evakuierte die Bundeswehr 5200 Menschen innerhalb einer Woche. Doch dabei handelte es sich zum Großteil um deutsche Staatsangehörige, die noch in dem Land waren.

Bundeswehr-Mission und Luftbrücke von Theresa Breuer: Wer wurde aus Afghanistan ausgeflogen?

Unter den Geretteten waren den Angaben zufolge nur 138 ehemalige afghanische Ortskräfte mit 496 Familienangehörigen, die mittlerweile in Bundesländern wie Hamburg oder Niedersachsen aufgenommen worden sind. Hinzu kommen noch einige wenige Menschen, die durch private Initiativen wie die „Kabuler Luftbrücke“ gerettet werden konnten, die die Filmemacherin Theresa Breuer gestartet hatte.

Unter dem Strich ist die Ernüchterung aber angesichts dieser Zahlen groß. Bereits am Montag musste sich ein Sprecher des Auswärtigen Amtes deswegen rechtfertigen. Es sei leider nicht möglich gewesen, mehr Ortskräfte auszufliegen. Das Problem: Menschen mit afghanischen Pässen schafften es nicht durch die Kontrollen der Taliban – im Gegensatz zu den deutschen Staatsangehörigen. Ergo: Die Ortskräfte musste man zurücklassen.

Flüchtlingsorganisationen sehen sich in ihrer Kritik jetzt bestätigt. Bereits vor dem US-Abzug und der Beendigung der deutschen Mission hatte Pro Asyl auf diesen Missstand hingewiesen. Die deutsche Bundesregierung habe viel zu spät gehandelt, hatte Hauptgeschäftsführer Günther Burkhardt im Gespräch mit kreiszeitung.de kritisiert. Er fürchte, dass nun Tausende Menschen am Hindukusch ihrem Schicksal und der Rache der Taliban überlassen würden. Das würde für viele „die nackte Verzweiflung“ bedeuten, so Burkhardt.

Ausreise von Flüchtlingen: Vertraute von Außenminister Heiko Maas (SPD) verhandeln mit Taliban

Die Hoffnung auf Rettung schwindet allmählich. In der Nacht zu Dienstag zogen auch die USA ihre letzten Truppen aus Kabul ab. Nach 20 Jahren militärischer Präsenz ist damit der Kriegseinsatz der NATO-Verbündeten offiziell beendet. Wer jetzt noch rauswill, ist mehr oder weniger auf die Gnade der neuen und alten Taliban-Machthaber angewiesen. Verhandlungen über Ausreisemöglichkeiten laufen bereits.

Am Montag brach Außenminister Maas zu einer viertägigen Reise in die Region am Hindukusch auf. In den Nachbarländern, in die einige Afghaninnen und Afghanen noch über den Landweg geflüchtet sind, suchte er Einigungen mit den dortigen Regierungen über ein geordnetes Flüchtlingsverfahren zu erzielen. Nach einem Besuch in Usbekistan machte der SPD-Minister am Dienstag Station in Pakistan. Danach stehen auch noch Gespräche im Iran an.

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Parallel dazu versucht die deutsche Regierung, in geheimen Verhandlungen auch Regelungen mit den Taliban zu treffen. Es gehe dabei aber ausschließlich darum, die als Ortskräfte identifizierten Personen aus dem Land zu bekommen. „Es geht uns nur um diese Personengruppe“, stellte Maas klar.

Was er damit sagen wollte: Alle anderen sollten sich keine Hoffnung auf Ausreise nach Deutschland mehr machen. * kreiszeitung.de und merkur.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Bernd von Jutrczenka/dpa/picture alliance & Uwe Anspach/dpa/picture alliance

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