1. Startseite
  2. Lokales
  3. Landkreis Verden

Zwei Welten auf der Gambe

Erstellt:

Von: Ronald Klee

Kommentare

Ein Porträt der Gambistin Sarah Perl vor einem Grünen Busch.
Gambistin Sarah Perl. Die heute in Berlin lebende und arbeitende Musikerin ist in Verden aufgewachsen. © Wild

Verden/Berlin – „Von Mensch und Welt“: Das klingt im ersten Moment allgemein und umfassend. Aber da Welt natürlich immer jeweils das ist, was sie für einen Menschen selbst ausmacht, sagt der Titel, den die aus Verden stammende Gambistin Sarah Perl für ihr neustes Werk gewählt hat, viel mehr aus. In ihrer vielleicht persönlichsten CD-Produktion der letzten Jahre stellt sie hochbarocke Kompositionen von Antoine Forqueray (1672–1745) abwechselnd mit neuen, modernen Tonsätzen für die Viola da Gamba des Berliner Cembalisten Peter Uehling (*1970) zusammen. Und dieser Kontrast funktioniert erstaunlich gut.

Der Pariser Gambenvirtuose Forqueray taucht in den CD-Programmen von Sarah Perl immer wieder auf. „Ich habe es immer so empfunden, dass Forqueray sehr genaue Vorstellungen von den Figuren oder den Dingen hat, die ihm im Paris des 17./18. Jahrhunderts begegnet sind und sich nicht scheut, diese eins zu eins auf sein Instrument zu übertragen. Dafür bewundere ich ihn“, bekennt die Musikerin im Begleitheftchen.

Hochvirtuose kurze Stücke

Für das Programm des Tonträgers wählte sie sieben Stücke aus, typische Beispiele für die Musik ihrer Zeit, hochvirtuose kurze Stücke. Oft sind sie als Gelegenheitsarbeiten entstanden, wie es bei Dichtungen der Zeit und in den beliebten gemalten und gedruckten Genre-Szenen üblich war. Sie tragen Titel wie „La Regente“ und „La Leclair“ und deuten da schon mal Anlässe oder Inspirationen für ihre Entstehung an. Da scheint es nur allzu plausibel, wenn Uehling die klangliche Ähnlichkeit nutzt und sein Instrument mit dem Lautenzug registriert, wenn er Perls Part in „La Mandoline“ begleitet. Das ist die kompetente Originalklang-Interpretation, die die Hörer von Sarah Perl und ihren Kollegen gewohnt sind. Klar, ausgefeilt und auf technisch hohem Niveau.

Die Besinnung auf eine persönlich erlebte Welt, die in den Stücken eingefangen ist, liegt der heute in Berlin lebenden Künstlerin am Herzen. Das ist ein gutes Stück weit ihr Thema. Dem CD-Titel hängt sie denn auch Worte an, die wie eine Widmung wirken, aber auch wie eine Erklärung: „den Kindern / den Eltern / den Lebensmenschen / und dem Freund der nicht mehr ist.“

Gambe als Schnittstelle zur Gegenwart

Die Musik und der Klang von Sarah Perls Gambe wird in den Aufnahmen nicht nur die Schnittstelle für die Welt von Antoine Forqueray zu ihrer Welt heute. Auch die zwischen 2015 und -18 entstandenen Kompositionen von Peter Uehling, die zwischen den barocken Stücken für echte Kontraste sorgen, spüren den klanglichen und musikalischen Möglichkeiten der Gambe nach. Das gilt für beide Komponisten und bringt sie trotz des zeitlichen Abstands von drei Jahrhunderten einander näher.

Uehlings Sprache ist natürlich heutigen Ohren viel näher. Elektronische Hörgewohnheiten und alternative Harmonie-Systeme und das Spiel mit Tonalität und atonalen Elementen in seinem Repertoire setzt er wie selbstverständlich ein. Wie bei dem barocken Gambenmeister gelingt es Sarah Perl auch hier, die Klangschönheit und kompositorische Geschlossenheit der Stücke zutage zu fördern. Sie beweist eindrucksvoll und überzeugend, dass ihr Instrument nicht nur für Alte Musik, sondern auch für unsere Tage taugt. Der Kontrast der musikalischen Ausdruckmittel wirkt in der Zusammenstellung denn auch nicht störend, sondern eher unerwartet integrierend.

Eine erfrischende und unterhaltende Produktion, die auch klanglich dem hohen Niveau gerecht wird, dem sich das Label Coviello Classics verpflichtet hat.

Das CD-Cover.
Musik aus zwei Welten auf der neuen CD. ©  Repro: Klee, Ronald

Auch interessant

Kommentare