94-jähriger Hans Thölke gestern am Gedenktag als Zeitzeuge in Gudewillschule

Am Wegesrand schnelles Grab

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Hans Thölke (Mitte), inzwischen fast 95 Jahre alt, Soldat an mehreren Fronten des Zweiten Weltkriegs und zuletzt im Rang eines Unteroffiziers, wurde beim Vortrag in der Gudewill-Schulaula von seiner 20-jährigen Enkelin Kathrin begleitet und unterstützt. Rechts Geschichtslehrer Andreas Haulick.

Thedinghausen - Es gibt immer weniger direkte Zeitzeugen aus der Nazi-Ära. Mit dem fast 95-jährigen Hans Thölke aus Emtinghausen hatten Schüler/innen und Lehrer des neunten Jahrgangs der Gudewill-Schule Thedinghausen für gestern einen solchen Zeugen eingeladen. Hans Thölke berichtete allerdings nicht aus Sicht eines Verfolgten, sondern aus der eines Soldaten, der gleich an mehreren Fronten eingesetzt war.

Faszination fürs Militärische, für moderne Kanonen und Flugzeuge klang durchaus mit bei seinem Vortrag in der Aula auf der jährlichen Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus. Doch auch die Gräuel dieses Weltkriegs vergaß er nicht. Etwa, wenn wegen der vielen Getöteten gar nicht mehr Zeit für würdige Beerdigungen blieb, sondern Gefallene schnell am Wegesrand mit einem Kreuz aus Papierstreifen auf der Brust „eingegraben wurden“.

Spätestens nach der verheerenden Schlacht um Stalingrad 1943 hätten die meisten Soldaten und auch Vorgesetzte gewusst, dass dieser Krieg für Deutschland verloren war.

Der 94-Jährige berichtete zudem von einem beliebten Kommandeur, der nach zwei Jahren ohne Urlaub verheirateteten Soldaten seiner Truppe Heimataufenthalt gewährte. Später sei dieser Mann verhaftet, für den Vormarsch der Sowjetarmee in der Krim-Region mit verantwortlich gemacht und hingerichtet worden.

Sowohl am so genannten Westfeldzug in Frankreich wie auch an Kämpfen in der Ukraine und um Leningrad nahm der Emtinghausener teil. Wegen einseitiger Ernährung etwa durch aus Flugzeugen abgeworfenem Trockengemüse seien abgekämpften Soldaten die Zähne ausgefallen, und er selber erkrankte irgendwann an Gelbsucht. Unzähligen anderen erging es sehr viel schlimmer, und auch aus Thedinghausen und Emtinghausen blieben Kriegsteilnehmer vermisst, ohne dass je Näheres über ihr Schicksal zu erfahren war.

Hans Thölkes Vortrag beruhte auf teils auch kritischen Tagebucheintragungen während der Kriegszeit. Er wolle dazu beitragen, dass heutzutage junge Leute von der NPD oder anderen rechtsextremen Gruppierungen und Parteien ferngehalten werden, betonte er im kurzen Gespräch mit der Zeitung.

Mit einst feindlichen Kriegsteilnehmern etwa aus dem belgischen Flandern hätten sich später sogar freundschaftliche persönliche Beziehungen entwickelt, hob er noch hervor und würdigte sehr die grenzübergreifende Arbeit der Deutschen Kriegsgräberfürsorge.

Im Vorfeld der Gedenkveranstaltung hatten sich die vier neunten Klassen der Gudewill-Schule zusammen mit ihren Fachlehrkräften Ina Stössel, Silvia Rieser, Judith Rothärmel und Andreas Haulick im Geschichtsunterricht mit der NS-Schreckensherrschaft beschäftigt und sich in vergangenen Wochen besonders mit der Judenverfolgung auseinander gesetzt.

Der pensionierte Lehrer Klaus Domröse belegte gestern zur Einführung anhand alter Schwarz-Weiß-Dias, dass es auch in Thedinghausen größere Nazi-Aufmärsche gab. Eine Aufnahme, auf der kreisbekannte junge Neonazis mit Flugblättern nahe der Schule zu sehen waren, sollte veranschaulichen, dass braunes Gedankengut bei manchen noch lebendig ist und versucht wird, gerade Schüler und Jugendliche damit zu infizieren. Dagegen werde sich die Gudewill-Schule als anerkannte „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ weiterhin zur Wehr setzen. · la

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