Im Wandel: Zurück zu Brief und Telefon

Kirche findet neue Formen der Seelsorge - Gespräch mit Pastor Marko Stenzel angesichts Corona

Wie seine Kolleginnen und Kollegen muss auch Marko Stenzel, Pastor von St. Johannis in Verden, seine Arbeit umstellen. Foto: Preuß
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Wie seine Kolleginnen und Kollegen muss auch Marko Stenzel, Pastor von St. Johannis in Verden, seine Arbeit umstellen.

Verden - Pastorin Anja Sievers aus Lunsen hat ein Rezept für einen „Bibelkuchen“ ersonnen. Ihre Kollegin Cathrin Schley aus Thedinghausen plant eine – kontaktlose – Blumenstrauß-Aktion zu Ostern. Pastor Wilhelm Timme aus Wttlohe hielt erstmals eine Videoandacht. „Wir machen uns als Kirche auf den Weg, neue Formen zu finden“, fasst Pastor Marko Stenzel aus Verden zusammen.

Die Corona-Pandemie stellt die Institution Kirche vor besondere Herausforderungen. Auch wenn Stenzel sagt, dass die Menschen jetzt noch nicht um Hilfe bitten. „Ich glaube, dass sie zurzeit sehr mit sich selber beschäftigt sind.“ Die Nachfrage werde aber sicher kommen. „Wir haben noch ‘ne lange Strecke vor uns“, befürchtet er.

„Pastor sein heißt, in Kontakt zu sein“, sagt Stenzel. Doch die Verkündigung, die Seelsorge, das Besuchen von Gemeindegliedern, all das darf im Augenblick nicht auf die gewohnte Weise stattfinden. Selbst die stille Einkehr, für die Kirchen gerne aufgesucht werden, muss in die eigenen vier Wände verlegt werden, denn auch die Gotteshäuser sind geschlossen.

Videogottesdienst zu Karfreitag und an Ostern trotz Corona geplant

Was also tun in dieser Krise? Vieles verlagert sich nun auf die digitalen Medien. „Ich mache natürlich auch was im Internet“, sagt der Pastor von St. Johannis. So wird es zu Karfreitag und an Ostern einen Videogottesdienst von ihm geben.

Doch alle Menschen, vor allem die älteren, sind darüber nicht zu erreichen. Außerdem, das wird im Gespräch deutlich, möchte Marko Stenzel sich nicht dem Druck aussetzen, jetzt seine Arbeit als Pastor über das Internet zu erledigen. Vielleicht auch, weil er, geboren 1963, noch ohne Twitter, Instagram und Co. aufwachsen durfte. Und so kommen bei seiner täglichen Arbeit nun das gute alte Telefon und die Post zu neuen Ehren.

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„Seit der Kontaktsperre rufe ich jeden Tag ganz gezielt Menschen an“, berichtet Stenzel. Wunderbare und ganz persönliche Gespräche seien so in den zurückliegenden zwei Wochen entstanden. Gespräche, aus denen der Pastor auch Positives für sich zieht, und sei es durch Sätze wie „Bleiben Sie gesund, wir brauchen Sie noch“.

Lesungen und Andächte für Bewohner des Johannisheims

Eine weitere schöne Idee: Lesungen für die Bewohner des Johannisheims, die zurzeit wegen des Betretungsverbotes keinerlei Besuch erhalten dürfen. Dafür wird die Technik genutzt, über die sonst die Gottesdienste in Ton und Bild in die Zimmer und Wohnungen der Senioren übertragen werden. Nur, dass demnächst Gudrun Heine, Buchhändlerin in der Zwangspause, auf dem Bildschirm erscheinen und ausgewählte Literatur vorstellen wird. Stenzel: „Ich reihe mich dann da mit einer Andacht ein.“

Die Arbeit als Pastor, als Pastorin gewinnt augenblicklich eine andere Qualität. Stenzel macht das am Beispiel einer Hochzeit fest. Wer sich kirchlich trauen lassen möchte, führt im Normalfall ein Traugespräch, klärt Organisatorisches und tritt dann zum vereinbarten Termin vor den Altar. Fertig.

Jetzt sitzen sich Pastor und Paar zwar nicht von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Dennoch beschreibt Stenzel den Kontakt als persönlicher, wenn er erlebt, wie Paare die Frage umtreibt, ob sie ihre Hochzeit nun absagen müssen. „Jetzt mache ich mit ihnen das Wohl und Weh mit“, sagt er. „Ich begleite sie auf dem Weg des ausgefallenen Festes und der Neuorientierung.“

Personalisierte Briefe für Konfirmanden in der Corona-Krise

Das eine oder andere möchte der Pastor daher gerne weiterführen, wenn die Krise vorbei ist. Zum Beispiel den persönlichen Brief an jeden Konfirmanden. Eine Kollegin habe ihn auf diese Idee gebracht. Seine Post an die Jugendlichen, deren Konformation nun verschoben ist, geht demnächst raus – und soll der Beginn einer neuen Tradition werden.

Zwiegespräch mit Gott: "Er hat uns nicht Corona geschickt"

Selbst bei den Trauerfeiern hat Marko Stenzel etwas gefunden, was er für die Zukunft übernehmen möchte. An Beerdigungen dürfen zurzeit maximal zehn Personen teilnehmen, und das ausschließlich unter freiem Himmel. So wird nun auch am offenen Grab statt in der Kirche gesungen. „Das hatte ich sonst nie“, berichtet der Pastor. „Aber das war ganz schön.“ Die Menschen seien an der Grenze des Lebens gezwungen, Abstand zu halten. „Das stellt uns vor die große Herausforderung, ihnen dennoch Beistand und Nähe zu vermitteln“, stellt der Pastor fest. Er selber schöpft die Kraft dafür aus Gesprächen mit Kollegen und aus dem Zwiegespräch mit Gott. „Ich bete jetzt mehr als vorher“, sagt er. „Ich glaube nicht, dass Er uns Corona geschickt hat, sondern dass Er uns aus dieser Krise führen wird.“

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