ARD-Dokumentation

Zins-Tricksereien auf der Mattscheibe

Gerhard Stelter ist Interview-Partner in der Berliner Produktion für die ARD. Foto: Klee
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Gerhard Stelter ist Interview-Partner in der Berliner Produktion für die ARD.

„Das war pure Habgier“, hatte der damalige Vorstandsvorsitzende der Kreissparkasse, Klaus Brandes, erklärt, als er dem Verdener Kreistag über die Finanzkrise berichtete. Damals, 2008, war gerade die Immobilienblase geplatzt und die Sparkassen und Volksbanken standen mit weißer Weste da. Jetzt geraten genau die kleinen regionalen Banken immer häufiger ins Visier von Kritikern. Eine ARD-Dokumentation mit Fallbeispielen aus Verden titelt „Der rote Riese zockt ab“.

Verden/Berlin – Der Schwarze Mann, Rüdiger Meyer aus Kirchlinteln, hat es mit seinem schrägen Protest und einer Flut von Klagen versucht. Der Schwarmer Gerhard Stelter kämpft seit der Pleite seines ehemaligen Arbeitgebers Polar-Fenster 2008 um sein Recht und sein Geld. Dem Thedinghauser Landwirt Johann Grothenn hat das Oberlandesgericht Celle Recht gegeben. Die VAZ berichtete über ihren Kampf, in dem es neben anderen Vorwürfen immer wieder darum geht, dass sie Opfer von falschen Zinsabrechnungen wurden.

Zins-Tricksereien nennt Film-Produzent Fabian Sabo das Vorgehen der Banken im Untertitel seines Films. „Seit der Bankenkrise 2008 gelten sie als besonders seriös. Sparkassen und Volksbanken haben deshalb mittlerweile mehr Umsatz als Deutsche Bank und Commerzbank zusammen. Doch die Kundenklagen häufen sich und mehr noch: Es gibt zahlreiche Geschädigte, die systematisch abgezockt worden sind.“ So kündigt die Vorschau im Internet Sabos 45-Minuten-Film an, den das Erste am Mittwoch, 2. September, um 23.15 Uhr zeigt.

Im Mittelpunkt des Films steht das Vorgehen, das Landwirt Grothenn an den Rand des Ruins gebracht hat. Die fehlerhafte Zinsanpassung, „Der Trick der Sparkasse ist simpel: Zinsveränderungen werden nicht sofort an den Kreditnehmer weitergegeben, wie es der Gesetzgeber vorschreibt. Es kann jeden treffen, beim Dispo etwa, bei Konsumkrediten und sogar beim Sparkonto“, deutet die Programm-Vorschau an.

Johann Grothenn musste dem Celler Urteil zufolge jahrzehntelang zu viel Zinsen zahlen. Mit Zins und Zinseszins ist da eine Summe von mehr als 200 000 Euro zusammengekommen. Geld, das sein Betrieb gut gebraucht hätte, als er vor ein paar Jahren modernisieren wollte.

„So wird der Wirtschaft Kapital entzogen“, sieht der renommierte Kreditsachverständige aus Lauffen, Hans Peter Eibl, einen Schaden über die „Täuschung“ des Kunden bei der Abrechnung hinaus. Eibl, der auch die Berliner Filmproduktion beraten hat, berichtet, dass er selbst mittlerweile 1 000 Gutachten über Kreditverläufe erstellt hat. Nur ein einziges Mal sei alles korrekt gewesen.

Um die Kunden zu schützen, schlägt Eibl vor, dass der Gesetzgeber aktiv wird. „Gesetzgeberische Maßnahmen wären m.E. dahingehend notwendig, dass wenn ein Kreditinstitut Kredite kündigt, dieses zu beweisen hätte, die gesetzlichen Regelungen wie auch die vorhandene Rechtsprechung eingehalten zu haben.“ Das verhindere juristischen Aufwand, entlaste Gerichte, erhalte Jobs und vermeide „den einen oder anderen Griff in die ,Kundenkasse’, erklärt der Sachverständige auf Nachfrage.

„Mit Eibl treten wir eine Reise an: Vom Nord-Ostsee-Kanal bis nach Karlsruhe treffen wir auf Kunden, die ihre Sparkasse verklagen“, kündigt das Berliner Produktionsteam an. Recht häufig steuern sie dabei offenbar den Raum Verden an. Nicht nur der Thedinghauser Landwirt, auch die Morsumer Geschäftsfrau Susanne Jürgensen (wir berichteten) und der der ehemalige Polar-Manager Gerhard Stelter waren Fabian Sabos Gesprächspartner.

Immer wieder geht es um Zinsen und zweifelhafte Geschäftsspraktiken. Bei Stelter allerdings steht nicht nur die Sparkasse, sondern auch die Volksbank in der Kritik. Der ehemals gut verdienende Geschäftsführer hat persönlich im Zusammenhang mit der Insolvenz des Morsumer Handwerksunternehmens alles verloren. „Ich hab nichts mehr zu verlieren“, sagt der Schwarmer. Umso mehr sammelt er die Argumente, warum die Pleite des Betriebes mit 90 Beschäftigten vermeidbar gewesen ist und mehrere Urheber hatte. Auch hier weist er auf Unregelmäßigkeiten in Darlehensabrechnungen hin.

Nach wechselhaften Erfahrungen in vielen Prozessen erhielt Stelter vor einem Jahr Schützenhilfe aus Bielefeld. Professor Dr. Martin Schwab, der dort an der Uni den Lehrstuhl für Bürgerliches Recht, Verfahrens- und Unternehmensrecht innehat, untersuchte den Fall. Seine Ergebnisse veröffentlichte er auf 50 Seiten unter dem Titel „Eine Unternehmenspleite, die keine war – mit fatalen Folgen“.

Sendetermine:

Der Film „Der rote Riese zockt ab - Wie Sparkassen bei den Zinsen tricksen“ von Fabian Sabo ist erstmals Montag, 2. September, 23.15 bis 0 Uhr auf Das Erste zu sehen.

Wiederholungen folgen am 5. November, 20.15 Uhr, auf tagesschau24;

am 7. September, 14.15 Uhr, auf tagesschau24;

am 10. September, 19.15 Uhr, auf tagesschau24;

und am 14. September, 9.15 Uhr auf tagesschau24.

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