„Wollen dein Leben ruinieren“

„Artikel über Gleichberechtigung wurde Iranerin Arezoo Sharghi zum Verhängnis

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Arezoo Sharghi ist froh, dass sie heute auf eigenen Beinen stehen kann.

Landkreis - Ein Artikel über Gleichberechtigung sorgte dafür, dass Arezoo Sharghi ihr Heimatland Iran verlassen musste. Mittlerweile lebt die 45-Jährige seit 14 Jahren in Deutschland. Sie musste noch einmal völlig von vorn beginnen und einige Rückschläge verkraften, ließ sich aber nicht entmutigen.

Heute steht sie auf eigenen Beinen und ist stolz darauf. Einfach war das Leben im Iran nicht. Alles war streng geregelt, schon für Kleinigkeiten wurde man bestraft“, erinnert sich Sharghi. In einer kleinen Stadt im Nordiran wuchs sie mit vier Schwestern auf. „Mein Vater hat dafür gesorgt, dass wir alle die Universität besuchen.“ 

Dreieinhalb Jahre studierte die junge Frau Mathematik und Informatik. Mit 14 anderen jungen Leuten brachte sie eine Uni-Zeitung heraus, in der sie eines Tages auch das Thema Gleichberechtigung aufgriff.

Uni-Besuch wurde verweigert

„Der Artikel war nicht aggressiv und enthielt auch keine Kritik am Regime“, versichert Sharghi. Dennoch waren die Konsequenzen weitreichend. Nach zwei Wochen kam ein Brief, der sie informierte, dass sie die Universität nicht mehr besuchen dürfe. „Dann standen eines Tages zwei Männer vor der Tür, einer schlug mich mit seiner Waffe bewusstlos“, schildert Sharghi. In einer winzigen Zelle, in der sie nicht einmal gerade liegen konnte, kam sie wieder zu sich.

Auch ihre Mitstreiter waren verhaftet. „Wir wurden stundenlang verhört und angeschrien“, so Sharghi. „Wie habt ihr euch organisiert?“, war die Frage, die immer wieder gestellt wurde. Arezoo hatte Glück, dass ihr Ehemann vermögend war und Kontakte hatte. „Im Iran kann man sich mit Geld Freiheit und Gerechtigkeit kaufen“, sagt sie bitter.

Verschiedene Ausbildungen absolviert

Nach ihrer Freilassung war nichts mehr wie zuvor: „Ich durfte nicht mehr studieren.“ Die junge Frau ließ sich also in verschiedenen Berufen ausbilden: Kosmetikerin, Maskenbildnerin und Friseurin. „Alles Tätigkeiten, die nichts mit dem Staat zu tun haben.“ Ihre Ehe scheiterte und sie hatte es als geschiedene Frau noch schwerer.

Trotz der Repressalien habe sie nicht geplant, ihr Heimatland zu verlassen, erzählt Sharghi. Dann warnte ihr Ex-Mann sie, dass sie auf einer „schwarzen Liste“ stehe und in großer Gefahr sei. Mittlerweile hatte Arezoo im Iran einen Deutschen geheiratet und sie konnte das Land ohne Probleme verlassen.

Als die Ehe in die Brüche ging, musste die Iranerin lernen, auf eigenen Füßen zu stehen. Ihr Plan war, in Bremen das Studium wieder aufzunehmen. Um die Zeugnisse zu holen, wagte sich in die Heimat zurück, vergeblich. „Wir wollen dein Leben ruinieren und verhindern, dass du dir in Europa ein schönes Leben machst“, zitiert sie die Behörden. „Da wusste ich, dass ich schnell weg musste.“

Eine Schwester lebt auch in Deutschland

Glücklicherweise lebt auch eine von Arezoos Schwestern in Deutschland. Sie ist Pächterin des Restaurants im Golfclub Verden. Hier fand Arezoo erst einmal Arbeit. „Dann hatte ich Glück und fand, obwohl ich schon 33 war, einen Ausbildungsplatz als Bürokauffrau bei adata“, erzählt sie. Parallel jobbte sie weiter in der Gastronomie. Dass ihr als Auszubildende Hilfe vom Staat zugestanden hätte, wusste sie nicht. Für einen Deutschkurs reichte das Geld nicht. Mit einer CD und der Hilfe von Freunden lernte sie die Sprache.

Nach der Ausbildung war sie arbeitslos und schrieb jeden Monat 50 bis 60 Bewerbungen. Als die Flüchtlingswelle kam, jobbte die Iranerin als Übersetzerin beim Landkreis. Schließlich hatte eine Bewerbung als Bürokraft bei der Kreisvolkshochschule Erfolg. Arezoo Sharghi hat jetzt einen festen Job als Projektsachbearbeiterin. Daneben arbeitet sie weiter ehrenamtlich als Übersetzerin. Außerdem hat sie zwei Mündel aus Afghanistan und Gambia.

Obwohl sie in Deutschland viel erreicht hat, fühlt sich Arezoo Shargi nicht recht heimisch. „Man ist fremd und bleibt fremd“, sagt sie. Manchmal kämpft sie noch mit der Sprache. „Zu Hause fühle ich mich bei Menschen, die interessiert und tolerant sind und mir Zeit geben, meine Gedanken zu formulieren.“

ahk

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