Großes Nachschlagewerk zum 800. Geburtstag der Kirche

Wo „Unser Andreas“ lebt

Freuen sich über das umfangreiche Nachschlagewerk zum Jubiläum der Kirche St. Andreas (v.l.): Pastorin Bettina Kattwinkel-Hübler, Herausgeber Dr. Walter Jarecki und Co-Autor Matthias Langemeier präsentieren den Band vor dem Bauwerk in der Verdener Süderstadt.
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Freuen sich über das umfangreiche Nachschlagewerk zum Jubiläum der Kirche St. Andreas (v.l.): Pastorin Bettina Kattwinkel-Hübler, Herausgeber Dr. Walter Jarecki und Co-Autor Matthias Langemeier präsentieren den Band vor dem Bauwerk in der Verdener Süderstadt.

Verden – Eigentlich sollte gefeiert werden. Vor 800 Jahren erwähnten Urkunden erstmals die St. Andreaskirche, doch der hohe Geburtstag fällt in die Zeit der Pandemie. Die Feier findet nicht statt, aber die Geschichte von St. Andreas sollte damit nicht unter den Tisch fallen. Nun gibt es ein Nachschlagewerk von über 160 Seiten. Für die Gemeindeglieder ein kleiner Schatz, für alle, die St. Andreas kennenlernen möchten, ein ebensolcher Fundus an Geschichte(n).

Zahlen, Daten, Fakten, Herausgeber Dr. Walter Jarecki und seine Mitstreiter, darunter Matthias Langemeier vom Kirchenvorstand und der ehemalige Pastor der Gemeinde, Michael Speer, haben in den Archiven gegraben und zudem viel eigene Sachkenntnis beigesteuert. „Entstanden ist keine fortlaufende Darstellung, sondern das Wissen über Kirche und Gemeinde aus 800 Jahren ist in vielen Einzelaspekten wiedergegeben“, so Jarecki.

Wer das Buch oder vielmehr St. Andreas kennenlernen möchte, der stößt natürlich auf den Namenspatron. Der Apostel Andreas, immerhin der Bruder von Simon Petrus, hat es zwar nicht zu dessen Popularität gebracht, aber er wacht dafür praktisch über die Verdener Gemeinde. Der Märtyrer, der für seinen Glauben starb, blickt unweit des Altars in das Kirchenschiff. Das war nicht immer so. Denn, so erfährt der Leser, die Figur galt als verschollen. „Unser Andreas“, wie die Figur von der Gemeinde liebevoll gerufen wird, sah auch mal völlig anders aus. Heide Wehmeier, bis in die 1990er-Jahre Pastorin der Gemeinde, machte sich auf die Suche nach der Figur, weil sie im Kirchensiegel abgebildet ist. Für Wehmeyer ein Indiz, dass es dazu auch eine Skulptur geben könnte. Sie fand den Verschollenen im Jahr 1976 auf dem Turmboden in einer Ecke. Gut sah der Kirchenmann nicht mehr aus, eine viele Jahre zurückliegende Restaurierung passte so gar nicht zu seiner Geschichte. So trug er ein blaues und nicht das rote Gewand der Märtyrer. Auch das blonde Haar wirkte auf besondere Weise entstellend, zudem durchzogen den Korpus etliche Risse. Ein Restaurator, finanziert durch Spenden der Gemeinde, brachte den Namenspatron wieder auf den geschichtlichen einwandfreien Stand: das Gewand zinnoberrot, dunkle Haare, goldenes Kreuz, so begleitet „Unser Andreas“ Gottesdienste, Taufen und Konfirmationen.

Das Haus von St. Andreas, die Kirche, wurde erstmals im Jahre 1220 erwähnt. „Bischof Yso von Wölpe stiftete ein Kanonikerstift mit zwölf Kanonikern“, erzählt Jarecki. „Doch ist die Kirche eigentlich viel älter, denn sie hatte einen Vorgängerbau von etwa gleicher Größe, auf dessen Fundament die heutige Kirche steht.“ Die erste Andreaskirche, so hat Jarecki in den Archiven recherchiert, könnte als Ersatz für den hölzernen Dom gedient haben. Der Dom brannte um das Jahr 1000 ab, danach, so die Vermutung, ist das Andreaspatrozinum des Gotteshauses auf die benachbarte kleinere Kirche übertragen worden und dort, auch nach Wiederaufbau des großen Nachbarn, verblieben.

Bildung und Veränderungen des Kirchspiels St. Andreas lesen sich gleichermaßen spannend und ungewöhnlich. „Das ursprüngliche Kirchspiel hatte eine sehr auffällige Gestalt“, so Jarecki. Es habe im Wesentlichen aus einem schmalen Streifen zu beiden Seiten der Aller bestanden und ging von Rieda an der Weser bis nach Barnstedt und Lehringen. Im Verdener Süderende gehörten nur wenige Häuser in der Grünen Straße, in der Andreas- und Strukturstraße sowie am Mühlentor dazu. „Außerhalb der Stadt bildet die Eitzer Straße bis heute die Grenze zwischen Dom- und Andreaskirchspiel, auf der anderen Allerseite hatte die Nienburger Straße diese Grenzfunktion“, erklärt Jarecki.

Heute gehören neben dem Verdener Bereich die Ortschaften Ahnebergen, Döhlbergen, Eitze, Hönisch, Rieda, Stedebergen und Wahnebergen zum Kirchspiel. „Eine jahrhundertealte Geschichte, in deren Verlauf uns die Gemeinden die Treue gehalten haben“, freut sich Pastorin Bettina Kattwinkel-Hübler. Seit 2017 ist sie in St. Andreas zu Hause. „Trotz der vielen, verschieden aufgestellten Dörfer und dem kleinen Stadtgebiet am Burgberg, ergeben sich durch die Kirche immer wieder Schnittstellen über die Stadt hinaus, die die Menschen verbinden“, sagt die Pastorin. Und: „Bei all den Veränderungen hat es immer eine große Stabilität gegeben. Ich bin zuversichtlich, dass St. Andreas ihre eigene Stärke bewahrt und noch für lange Zeit ein durchbeteter Raum und eine sinnstiftende Gemeinde sein wird – ein Zuhause für viele.“

Zeitliches

• Die Kirche St. Andreas wurde bald nach 1200 aus Backstein gebaut und ist seitdem im Wesentlichen unverändert. Die Kirche gehört zu den ältesten Bauten dieser Art in Norddeutschland.

• 1220 erwähnt, wegen Gründung eines Kanonikerstiftes an der Kirche durch Bischof Iso von Wölpe.

• Kanoniker: Gemeinschaft von Geistlichen für feierliche Gottesdienste und zur Unterstützung des Bischofs. Das Stift wurde 1650 von den neuen schwedischen Landesherrn aufgehoben. Der Klosterkammer gehört in Nachfolge des Stiftes immer noch der Chorraum der Kirche.

• Letzte große Renovierung der Kirche in der Zeit von 1968 bis 1970.

• Heutiger Taufstein von 1649; Stiftung des schwedischen Beamten Johann Pfeil.

• Andreasfigur: 1734 erhielt die Kirche eine neue Kanzel, hergestellt vom Tischler A. Meier aus Verden. Als Bekrönung des Schalldeckels schnitzte Meier eine Andreasfigur, die heute noch in der Kirche vorhanden ist.

Kontakte

Wer mehr über die Gemeinde St. Andreas und deren 800-jährige Geschichte erfahren möchte, über die Glocken, die Orgel, das Taufbecken und die vielfältige Musik und Jugendarbeit, kann darüber in dem Buch „St. Andreas Verden – 800 Jahre“ nachlesen. Das Buch wird für 19,50 Euro im örtlichen Buchhandel, im Gemeindebüro der Kirche, Dienstag bis Donnerstag, 9 bis 11 Uhr, sowie am ersten und dritten Advent nach dem Gottesdienst und am zweiten Advent vor dem Gottesdienst im Küsterhaus von St. Andreas angeboten. Außerdem gibt es das Werk in Ahnebergen bei M. Konradt, Telefon 2853, Eitze bei Cl. Wittboldt-Müller, Telefon 63443 und in Verden bei W. Jarecki, Telefon 84125.

Von Markus Wienken

Die Figur des St. Andreas war eine Zeitlang verschollen. Heute blickt der Namenspatron in das Kirchenschiff und wacht über die Gemeinde.

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