Projekt Probierstadt: Zwei Teilnehmer berichten

Wir würden den Laden übernehmen, wenn...

Zwei Frauen mit einem Alpaka.
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„Schon einige Level übersprungen“: Alpacara-Gründerin Beate Hillwig (l.).

Verden – Einige ihrer Kunden hatten bereits die ersten Level übersprungen. Wer Textilen aus Alpaka-Wolle anbietet, der rechnet in Level, genaugenommen in Schnupper-Level. Beate Hillwig ist da keine Ausnahme. „Mit Socken geht es los“, sagt die Eisselerin, „Socken kann man mal ausprobieren, man kann sie mal mitnehmen, man kann damit nichts falsch machen.

  • Erfahrungen mit der Probierstadt Verden. Die Gründungswilligen Kandidaten berichten.
  • Viele haben bei dem Versuch Mut zur Ladenidee gefasst.
  • Der Lockdown hat vieles nur aufgehalten, aber nicht dazu geführt, dass die Ideen fallen gelassen werden.

“ Und einige, sagt Alpacara-Inhaberin, einige sind nicht bei den Socken geblieben. Stirnbänder folgten, Mützen gehörten schon dem Level drei an, einige trauten sich an Level vier heran, an die Mäntel. „Es begann gerade zu brummen“, sagt sie. Und dann kam der Lockdown.

Probierstadt Verden heißt das Projekt, an dem sie teilnahm. Drei Monate eine Ladenidee testen, das steht dahinter. Gemeinsam mit Künstlerin Katja Priebe bekam sie ein Dauersorgenkind der Stadt kostenlos zur Verfügung gestellt. Das ehemalige Fisch Bremer, einst Publikumsmagnet mit einem Einzugsgebiet weit über die Stadt hinaus und anschließend über lange Jahre ein Leerstand, diese Flächen bekamen neues Leben eingehaucht, nur vorübergehend, aber mit der Hoffnung, aus dem Temporär ein Dauerhaft zu machen. Mapdid lautete die zweite Idee, die kostenlos getestet werden durfte. Ein Langwedeler Designer personalisierter Landkarten öffnete dafür die Ladentüren an der Großen Straße 10 an der Ecke Norderstädtischer Marktplatz. Die dritte Idee, ein Textileinzelhandel mit dem Hauptaugenmerk auf nachhaltigen Umgang mit Kleidung an der Großen Straße 80 war erst in der zweiten Novemberwoche gestartet. Nur wenige Tage später die coronabedingte Schließung. Zu wenig Öffnungszeit, um schon Aussagen zu treffen.

„Bei denen, die längerfristig dabei waren, fiel die erste Resonanz positiv aus“, sagt Fabian Fortmann. Er zeichnet als Wirtschaftsförderer der Stadt für die Initiative verantwortlich. Gewiss, der zweite Lockdown im November, er kam nicht nur unerwartet, er betraf nicht nur das Weihnachtsgeschäft, er traf nicht nur mitten ins Herz des Einzelhandels, er stoppte jäh auch jene, die erst kurz zuvor gestartet waren. Die Probierstadtler. „Wir müssen die Situation nehmen wie sie ist, das sagen auch die frischgebackenen Ladenbetreiber“, so Fortmann, „aber auf die Erfahrungen der ersten beiden Monate wolle man aufbauen, haben sie betont.“

Das trifft beispielsweise auf die Firma Mapdid zu. „Nach dem Lockdown öffnen wir wieder“, sagt Geschäftsführer Nico Holtkamp. Der Auftakt habe bewiesen, es sei das eine oder andere möglich, ferner wolle man noch einige Varianten ausprobieren. „Unser Angebot der individuellen Landkarte ist sehr beratungsintensiv. Da sind uns die Corona-Beschränkungen im Oktober und November in die Quere gekommen.“ Das einfachste Aktionsangebot, einen Weihnachtsstand mit Glühweinausschank, habe man nicht nutzen können, aber Aufmerksamkeit habe man dennoch erlangt. „Interessierte schauten herein und fanden das für sie individualisierte Angebot.“ Ob daraus eine Langfristigkeit abzuleiten sei, ein zu mietender Laden über Jahre, das müsse die Zukunft weisen.

Einen Schritt weiter ist man andernorts. Sie sei ja bisher nur auf Märkten unterwegs gewesen, sagt Alpacamode-Spezialistin Beate Hillwig, das Risiko eines Ladens wäre sie nicht ohne Unterstützung der Stadt eingegangen. „Hätte ich mich nicht getraut“, sagt sie. Die ersten beiden Monate im ehemaligen Fischgeschäft schufen Klarheit. „Macht das Ganze Sinn, war die Frage, auf die ich sonst keine Antwort gefunden hätte. Es macht Sinn, das steht jetzt immerhin fest.“ Sie würde auch wieder öffnen, sagt sie, „die Textilien aus Alpaka-Wolle sind mir eine Herzensangelegenheit“, aber dazu müssten sich die Rahmenbedingungen ändern. Ladenverpächter dürften halt nicht mit einem Fünf-Jahres-Vertrag winken und auf Mieten von 20 Euro pro Quadratmeter pochen. Man müsse behutsam anfangen dürfen, sagt Beate Hillwig, dann würde ich es versuchen. Sie hätte präzise Pläne: Ein Start im Herbst mit viel wärmenden Socken und einigen Mänteln, und dann bei Level fünf oder sechs im darauffolgenden Sommer vielleicht sogar Mode für 32 Grad. „Das Potenzial ist in Verden vorhanden.“

Nur eines würde sie anders einfädeln als beim ersten Versuch. „Ich würde lateinamerikanischen Schnaps anbieten. Und andere Lebensmittel. Dann dürfte ich auch im Lockdown öffnen.“

Alapaka-Wolle, Landkarten und nachhaltige Kleidung sollen indes nicht die einzigen Geschäftsideen bleiben, die in Verden getestet werden dürfen. „Wir planen eine Fortsetzung der Probierstadt zum Frühjahr hin“, sagt Wirtschaftsförderer Fortmann. Aktuell gehe man von nächsten Pop-up-Eröffnungen im Mai aus. „Interessenten jedenfalls“, sagt er, „haben sich schon gemeldet.“

Von Heinrich Kracke

„Hohe Beratungsintensität“: Mapdid-Geschäftsführer Nico Holtkamp zur Erstellung individueller Landkarten.

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