Linda Zervakis erobert die Verdener Herzen

„Wir haben die deutsche Kultur hautnah miterlebt“

Die Lesung mit Linda Zervakis moderierte Hilke Theessen (r.) vom Nord-West-Radio . - Foto: Niemann

Verden - Sie kam, las und erzählte und hat mit Natürlichkeit, Charme und Humor rund 400 Menschen begeistert: Linda Zervakis, einem Millionenpublikum als Tagesschau-Sprecherin bekannt, war am Montagabend in Verden zu Gast, um in der KSK–Veranstaltungsreihe „Literatur vor Ort“ ihr Romandebüt „Die Königin der bunten Tüte“ vorzustellen. Darin erzählt sie von ihrer Kindheit im Kiosk der griechischen Eltern in Hamburg-Harburg.

Als Tochter der Kiosk-Betreiber war sie stets ausreichend mit Süßigkeiten versorgt. Später am Gymnasium hat sie dieses Privileg auch dazu genutzt, sich die Sympathien von Mitschülern zu sichern, sodass sie zur „Königin der bunten Tüte“ wurde.

Linda Zervakis erzählte gut gelaunt davon, dabei hätte der Gast eher ins Bett als auf die Bühne in der Kundenhalle gehört. Auf der Fahrt von ihrem Wohnort Hamburg zur Veranstaltung in Verden hatte die Autorin ein Magen-Darm-Virus ereilt. Absagen kam für Zervakis aber nicht „in die Tüte“. „Wir schauen mal, wie lange ich durchhalte. Ansonsten steht ein Eimer hinter der Bühne“, sagte sie ohne Umschweife. Für die besondere Lesung hatten sich auch die Organisatoren der KSK mächtig ins Zeug gelegt: Auf den Stehtischen lagen bunte, mit Süßigkeiten gefüllte Tüten und das Publikum bekam, während Zervakis las, sogar ein Glas Ouzo serviert.

„Das ist toll hier, wirklich sehr schön“, lobte Zervakis, die sich über die netten Gesten offensichtlich sehr freute. Das alles fühle sich ein bisschen wie früher im Kiosk der Eltern an. Und der stehe schließlich im Mittelpunkt des Abends und des Buches. „80 Prozent sind wahr. Einiges habe ich hinzu erfunden, weil ich mich nicht mehr richtig erinnert habe“, sagte sie im Gespräch mit Moderatorin Hilke Theessen. Dabei verriet sie auch, was ihrer Ansicht nach in eine gute bunte Tüte gehört. „Cherrys, Schnuller, saure Pommes, weiße Mäuse und Lakritze; die unbedingt.“ Abwechselnd las und erzählte die attraktive Hamburgerin von ihrer Kindheit im Arbeitermilieu. Berichtete von der nachhaltigen Prägung durch die frühe Mithilfe im Kiosk und den Umgang mit den Kunden. Menschen aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten. „Der Stinker“ roch sehr streng oder Johnny, der ein Spinnennetz ins Gesicht tätowiert hatte, und der ein ganz Lieber war. „Ich habe früh die Facetten des Lebens kennen gelernt, auch die weniger schönen. Manchmal habe ich mich schon wie im Backstagebereich der Gesellschaft gefühlt“, räumte sie ein. Zervakis erzählte auch, wie es überhaupt zu dem Buch gekommen ist, das sie als Revue-Tagebuch für ihre Familie beschrieb und ein besonderes Geschenk für ihre Mama sei. „Ich hatte zunächst ein bisschen Angst, wie sie auf mein Buchvorhaben reagieren wird. Aber sie hat gelacht und sich köstlich amüsiert.“ Schließlich widmete sich Zervakis ihrer Arbeit als Tagesschau-Sprecherin. Richtig übel ihr vor ihrer ersten Sendung am 17. Mai vor drei Jahren gewesen. Davor war sie unter anderem bereits in „Tagesschau“-Nebenausgaben zu sehen. „Es ist aber alles fehlerfrei gelaufen.“ Dass sie als Vorzeigefrau mit Migrationshintergrund gesehen wird, behagt ihr indes gar nicht. „Ich bin kein politischer Mensch.“ Sie wolle in dieser Hinsicht kein Vorbild sein. Ihre Familie habe sich damals gut integriert, so die zweifache Mutter. „Wir Kinder (Zervakis hat noch zwei Brüder) hatten außerdem das große Glück, dass die Eltern uns einer deutschen Tagesmutter anvertrauten. „Wir haben so die deutsche Kultur schnell hautnah kennengelernt.“

Nochmals auf ihren Tagesschau-Arbeitsplatz angesprochen, sagte sie, dass der 20- Uhr-Gassenfeger schon in ihrer Kindheit eine besondere Bedeutung hatte. „Das war bei uns eine heilige Viertelstunde. Wir Kinder saßen mit den Eltern vor dem Fernseher, niemand sprach, das Telefon blieb still, während Dagmar Berghoff die Nachrichten verlas.“ Und heute? Heute sei die Bedeutung der Nachrichten-Sprecher durch die Medienvielfalt eine ganz andere. Viele Meldungen gehen ihr persönlich sehr nahe: „Manchmal schaue ich bewusst nicht hin.“ Als das Thema Griechenland im Fokus stand, sei sie gerade in Elternzeit gewesen. „Da hatte ich Glück. Es war schließlich schon hart, was und wie über Griechenland geschrieben und gesprochen wurde.“ Als die KSK-Vorstandsvorsitzende Silke Korthals dem sympathischen Gast gegen Ende der Veranstaltung mit einem Blumenstrauß verabschiedete, war ihr die Bewunderung für Zervakis anzumerken. - nie

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