An Oscar Wildes „Bunbury“ scheiden sich die Geister in der Stadthalle

Wider den tierischen Ernst

Vergnügen und Ablehnung: das Publikum reagierte unterschiedlich. Fotos: niemann

Verden - Von Christel Nemann. Mit einer spritzig-modernen Version des Komödienklassikers „Bunbury – oder die Kunst ernst zu sein“ von Oscar Wilde, ist das Verdener Theaterabo in die zweite Hälfte der Spielzeit gestartet. Die Frage nach gesellschaftlicher Moral und Doppelmoral wurde hier auf ebenso komödiantische wie scharfzüngige Weise neu gestellt. Die von Nadja Blank mit viel Mut zum Risiko in Szene gesetzte Komödie beinhaltete ein gehöriges Maß an krudem skurrilem Humor, sodass längst nicht alle Besucher Gefallen an der modernen Adaption durch die Burghofbühne Dinslaken fanden und mehrere Besucher zur Pause sichtlich enttäuscht die Stadthalle verließen.

Die Meinungen des Publikums fielen ohnehin sehr gegensätzlich aus und von Begeisterung über eher neutrales Gefallen bis hin zu richtiger Enttäuschung war alles dabei. Aber wenn Kunst auch kontroverse Diskussionen anregen soll, hat die Inszenierung ihr Ziel erreicht. Und schauspielerisch überzeugte das Ensemble allemal und hat auch den verdienten Applaus erhalten.

Poppig und quietschbunt und am Ende von Konfetti beflittert war die Bühnenwelt, in die das Stück das Verdener Publikum entführte. Gespielt wurde in einer Art Zirkusmanege, immer im Fokus die zugespitzte Gesellschaftskritik Wildes unter dem Motto: „Mir ist gerade zum ersten Mal in meinem Leben klar geworden, wie wichtig es ist, ernst zu sein.“ Das jedoch hat in dieser Inszenierung nur ganz wenige Momente funktioniert, da Blank der klassischen Gesellschaftskomödie von 1895 ein mit komödiantischen Attributen gespicktes Tempo verpasst hat. Die Schauspieler agierten teils bis an die Schmerzgrenze des nicht erträglichen Klamauks: Augen aufreißen, derbe Sprüche und heftiges Kreischen und Keifen und Prügeln von Frauen. Es ist alles nur Schein, erfährt der Zuschauer gleich zu Beginn.

Ernst und die Philosophie des „Bunburysierens“ spielen eine große Rolle. Diese Philosophie ist nämlich eine ganz besondere, weil sie ein Doppelleben ermöglicht. Ihr Erfinder ist Algernon Moncrieff (Malte Sachtleben), der, um sich seinen gesellschaftlichen Pflichten zu entziehen, Bunbury, einen chronischen kranken Freund, erdacht hat, der häufig seine Anwesenheit benötigt. Auch sein Freund Jack Worthing (Philip Pelzer) hat sozusagen einen Bunbury. Bei ihm heißt er Ernst und ist sein jüngerer Bruder, dem er immer wieder aus heiklen Situationen heraushelfen muss. So kann Jack seinem Landsitz entfliehen und das Nachtleben in der Stadt genießen, während Algernon sich in ländlichen Gefilde bewegt.

Beide haben eine raffinierte Art und Weise gefunden, sich in der strengen, englischen Gesellschaft ein Stück Freiheit zu erkämpfen.

Doch das „Bunburysieren“ geht leider nur so lange gut, bis die Männer sich verlieben. Und das Chaos nimmt seinen Lauf, als Algernon vorgibt, Jacks Bruder zu sein und sich darüber hinaus auch noch in dessen Ziehtochter Cecily (Talisa Lara) verliebt, während sich John in Algernons Kusine Gwendolen Fairfax (Marie Förster) verguckt.

Die jungen Damen haben nämlich beide die seltsame die Eigenart, nur beim Vornamen Ernst in Wallung zu kommen. Jacks Heiratsantrag ist jedoch zum Scheitern verurteilt, da Lady Bracknell, die Mutter Gwendolens (Jasmina Music´) die Verbindung wegen Jacks nebulöser Herkunft ablehnt: er wurde in einer Reisetasche im Bahnhof Viktoria Station gefunden. So kommt es zu immer mehr Verwicklungen und nur die Diener Lane, die Gouvernante Muss Prism (beide Andreas Petri) und der Geistliche Chasuble (Jasmina Music´) scheinen Ruhe zu bewahren.

„Klasse, so macht Theater Spaß”, fand Jessica Glück, die ihre Mutter in die Verdener Stadthalle begleitet hatte und für den vom Fasching begeisterten Vater eingesprungen war. „Ich hatte eigentlich keine Lust auf Theater, aber jetzt bin ich froh, dass ich mich mitgekommen bin.“

Begeistert zeigte sich auch Ralf Schünemann, der ein kleines Theater-Abo hat. „Ich bin für eine moderne Aufbereitung von Klassikern immer zu haben. Auch das sparsame Bühnenbild gefällt mir gut“, sagte er und, dass er die Verlagerung der Geschichte in die Gegenwart äußerst gelungen fand. Über die vielen überdreht dargestellten Szenen und über die kräftige Dosis an Klamauk habe er herzlich lachen müssen. „Etwas weniger hätte auch gereicht, aber ich kann es verkraften“, meinte er. „Ich kann verstehen, wenn dem einen oder anderen der Klamauk zu viel wurde. Aber für mich hat es gepasst.“

Im Ansatz gut, dann aber eher enttäuschend“, meinte dagegen Ben Kröpke. Der 16-jährige kritisierte den seiner Auffassung nach zu dünnen Handlungsfaden. „Das Stück ist zu überdreht“, meinte er und ein Ehepaar in Reihe 5, das namentlich nicht genannt werden möchte, hätte das Stück lieber deutlich traditioneller gesehen. „Es ist uns zu verrückt”, urteilten sie, hielten dann aber doch tapfer bis zum Ende durch.

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