Wenn ein Wink mehr sagt als 20 Sätze

Familie Flöz begeistert mit nonverbalem Theater in der Stadthalle

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Am Ende von „Hotel Paradiso“ ließen die Mitglieder von Familie Flöz die Masken fallen. Zuvor wussten sie ihr Publikum ohne Worte und ohne Mienenspiel zu begeistern.

Verden - Die Masken fielen ganz am Ende, aber da war es dem total begeisterten Publikum eigentlich gar nicht mehr wichtig, hinter die Fassade zu schauen. Ein außergewöhnliches „Hotel Paradiso“ haben die restlos begeisterten Zuschauer in der ausverkauften Verdener Stadthalle auf der Bühne gesehen – hören aber konnte man kein Wort.

Das spannende Kriminalstück mit vielen Überraschungen hatte der Beirat des Theaterabos ausgesucht. Wie aber funktionierte das wortlose Theater? „Wie einen Stummfilm auf die Bühne zu bringen“, diesen Vergleich zog Edgar Röpke aus Oyten. Er besuchte zum ersten Mal eine Theaterveranstaltung in Verden: „Meine Erwartungen wurden übertroffen!“, freute er sich. Lob gab es von ihm auch für die Stadthalle selbst. Der Saal habe ihm gut gefallen, „weil man hier so viel Sitzfreiheit hat“.

Gespielt wurde „Hotel Paradiso“ von der Gruppe Familie Flöz. Sie stammt ursprünglich aus dem Ruhrgebiet und hat sich daher vor 21 Jahren nach der Erdschicht mit den wertvollen Rohstoffen, dem Flöz, benannt. Familie Flöz konnte das Theaterstück erzählen, ohne zu reden. Dabei fehlten den Akteuren nicht nur die Worte, sondern auch die menschlichen Gesichter. Überdimensionierte Masken ließen die Zuschauer im Unklaren, welche Schauspieler gerade auf der Bühne standen.

Slapstick und akrobatische Einlagen

Edgar Röpke war von dieser Form der Gestaltung fasziniert. Am Anfang habe er es fast beängstigend gefunden, „wie sehr man aus dem Aussehen und der Maske schon auf den Charakter der jeweiligen Person schließen würde“. Viele verschiedene Persönlichkeiten tummelten sich in der gesunden Bergwelt, in der das Hotel lag. Und gleich zu Beginn wurde klar, geschenkt wird sich in der Hoteliers-Familie nichts.

Aber auch das Personal zeigte sich in der mörderischen Umgebung alles andere als paradiesisch. Geschickt über das Bühnenbild umgesetzt, war der Zuschauer immer nur mittelbar Zeuge der tödlichen Handlungen. Toneffekte machten viel deutlich, aber auch mit Slapstick und akrobatischen Einlagen trugen die Schauspieler die makabere Geschichte vor.

In den modernen Forschungen gibt es die Theorie, dass die menschliche Kommunikation nach einem bestimmten Schlüssel funktioniert: Nonverbale Körpersprache einschließlich Mimik mache 55 Prozent, 38 Prozent der Tonfall und den kleinsten Teil, nur 7 Prozent, mache das gesprochene Wort in der Wahrnehmung einer Unterhaltung aus.

Eifersucht, Liebe, Neid und Alter

Nonverbale Kommunikation soll reichen für einen ganzen Abend? Kein Problem, wer kennt das nicht, ein einziger Wink kann mehr sagen als 20 Sätze. Familie Flöz spielte die schwarze Komödie hinter starren Masken, musste deshalb ohne Mimik noch mehr an Körpersprache leisten. Durch ausgefeilte Beweglichkeit haben sie die verschiedenen Persönlichkeiten so intensiv umgesetzt, dass man fast glaubte, die Darsteller sprechen zu hören.

Was aber in diesem beschaulichen Berg-Hotel zum Tode führte, das waren die Gründe und Abgründe des täglichen Lebens: Eifersucht, Liebe, Neid und Alter.

Mit nur vier Schauspielern konnte die Familie Flöz eine ganze Armada von Charakteren erschaffen, die immer in sich völlig schlüssig dargestellt wurden. Damit hat Flöz seit der Gründung 1996 weltweit in über 32 Ländern die Zuschauer in den Bann geschlagen und 17 Auszeichnungen erhalten.

Zum Abschluss der mörderisch guten 90 Minuten gab es eine musikalische Einlage der vier perfekten Darsteller. Mit Standing Ovations und langem Beifall verabschiedeten die Verdener Zuschauer nach einem faszinierenden Abend die begnadeten Schauspieler von der Bühne.  - cc

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