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Erste Ukraine-Geflüchtete in Verden: Wir reden nicht darüber, weil dann alle gleich zu weinen beginnen

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Von: Heinrich Kracke

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Drei Frauen auf Sportplatz.
Wie es in ihnen aussieht, geht niemandem etwas an: Alla (Mitte) lebt mit ihrer Mutter Stanislava und ihrer Großmutter Stasia seit drei Wochen in Verden. © Fortmann

Ihren Vater habe sie zu Hause zurücklassen müssen, ihren Bruder, ihren Onkel. Die 17-jährige Alla gehörte zu den ersten Ukraine-Geflüchteten, die in Verden eine Unterkunft fanden. „Aktuell geht es ihnen gut“, sagt die junge Frau aus Odessa. Aber die Sorge schwinge immer mit

Verden – Alex ist acht, und er nimmt die Sache ernst, die schönste Nebensache der Welt. Den Fußball ordentlich stoppen, ihn weiterspielen, das klappt schon ganz gut. Und wenn nicht, gibt Jugendleiter Gerd Adomeit Tipps. Und schon wird es noch besser. Und Alex blickt herüber. Ja, sie haben sein sauberes Zuspiel gesehen, die Leute am Spielfeldrand, seine Zuschauer, pardon: seine Zuschauerinnen. Ein Lächeln huscht über ihre Lippen, ein anerkennendes Lächeln, das viel mehr sagt als jedes laute Lob. Und das ist ihm wichtig. Es gibt dem Achtjährigen das, was abhanden gekommen war, es gibt ihm Sicherheit in einer Welt, die von einem auf den anderen Tag auf dem Kopf stand und in der plötzlich nichts mehr so ist, wie es war.

Viele Menschen vor Hoteleingang.
Längst ein großes Team: Die Geflüchteten aus der Ukraine mit den Gastgebern aus dem Niedersachsenhof. „War uns eine Herzensangelegenheit“, sagt Julia Fortmann. © Fortmann

Am Spielfeldrand steht Alex‘ Mutter. Stanislava heißt sie. Fußball gehörte bisher eher nicht zu den Dingen, die sie besonders interessierten. Das ist jetzt anders. Die schönste Nebensache kann zwar die Hauptsache nicht verdrängen, aber sie kann ablenken. Für ein paar Momente jedenfalls. Und das tut gut, nicht nur ihr, sondern auch ihrer Tochter Alla und der Großmutter Stasia. Sie stehen ebenfalls am Spielfeldrand.

Vor gut vier Wochen sind sie aufgebrochen. Aus Odessa kommen sie. Die Vier gehören zu den ersten Geflüchteten, die im Landkreis Verden eine Unterkunft gefunden haben. Der Niedersachsenhof stellte sein Gästehaus an der Gibraltarstraße zur Verfügung. „Ein Bus mit 53 Personen kam vorgerollt. Wir haben sie alle untergebracht“, sagt Julia Fortmann. Sie ist die stellvertretende Geschäftsführerin des Hotels. „Es war vor allem meinem Vater eine Herzensangelegenheit, hier zu helfen, schnell und unkompliziert.“ Ihrem Vater Gerd Haag.

Alla ist 17. Eine Odyssee vom Schwarzen Meer bis an die Aller-Mündung liegt hinter ihr. „Wir sind mit dem Zug nach Polen gefahren. Wir sind dort eine Woche bei Freunden von Freunden untergekommen“, sagt sie. Als sie registriert waren, führte sie der Treck nach Berlin, anschließend strandeten sie in Verden. Alla blickt versonnen über den Fußballplatz. Plötzlich ist Fußball Nebensache. „Meine Freunde sind jetzt in Finnland, einige auch in Berlin“, sagt sie mit stockender Stimme, „ich konnte mich nicht verabschieden.“ Aber es gehe ihnen gut, soweit sie wisse, und das beruhige ein bisschen.

Unklarer die Lage bei denen, die sie zurücklassen musste. „Mein Bruder, mein Vater, mein Onkel, sie sind alle in Odessa geblieben, und mein Hund auch.“ Alla hält Kontakt zu ihren Lieben. Jetzt erst wieder. „Unser Haus ist nicht zerstört“, sagt sie in einem Grundton, der Dankbarkeit und Sorge gleichermaßen einschließt. Nicht zerstört, das sei lediglich eine Zwischennotiz ohne große Bedeutung. „Die Stadt wird weiterhin beschossen.“

Alla kämpft mit den Tränen. Nach außen hin möglichst lächeln, nach außen hin Freude über die Gastfreundschaft signalisieren, das hat sie in den vergangenen Wochen gelernt, und wie es drinnen aussieht, geht niemanden etwas an. „Wir reden nicht darüber, weil dann alle gleich zu weinen beginnen.“ Sie freue sich über den großen Zusammenhalt innerhalb der Geflüchteten-Gruppe, sie danke für die riesige Unterstützung, die ihr hier zuteil werde. Nur ganz selten gibt sie ihr Innerstes preis. Und wenn, dann kommen folgende Worte über ihre Lippen: „Wir wissen nicht, wie es weitergeht.“ Dem Internet-Geschäft, das sie betrieben haben, ist der wirtschaftliche Boden entzogen. „Da können wir nicht weitermachen.“ Und das sei auch nur zweitrangig. Wie gehe es dem anderen Teil ihrer Familie, das sei wichtig. Könne sie ihren Vater, ihren Bruder wieder in die Arme schließen, das bewege sie.

Alla antwortet nicht etwa in akzentfreiem Deutsch. Einige Begriffe hat sie zwar gelernt, „Danke, ich heiße Alla, kann ich helfen, Hallo, Tschüss“, und es kommen täglich neue hinzu, aber ihr wie den meisten ist Deutsch oder Englisch fremd. „Der Google-Übersetzer leistet wertvolle Dienste. Mit ihm kommunizieren wir“, sagt Julia Fortmann. Vom ersten Tag an koordiniert sie die Hilfe für die 53 Geflüchteten.

Gerd Haag weiß, was Flüchtling bedeutet. Es war uns eine Herzens-angelegenheit, sagt er

Eine Herzensangelegenheit Gerd Haags, die nicht so einfach aus heiterem Himmel geboren war. Der Hotel-Chef vermag sich in die Lage der Menschen vom Schwarzen Meer zu versetzen. Bessarabien heißt der Landstrich unweit Odessas, in dem er geboren wurde. Als kleines Kind strandete er mit Schwester und Mutter an der Aller. So etwas vergisst man nicht. „Wir haben alle Hebel in Bewegung gesetzt, den Menschen helfen zu können.“ Kostenlose Unterkunft, kostenlose Verpflegung, das habe er dem Landkreis zunächst mal für die ersten Wochen signalisiert, ein Angebot, das gern angenommen wurde.

Als dramatisch bezeichnet Julia Fortmann die Ankunft der 53 mit immerhin 25 Kindern unter 18 Jahren. „In Windeseile haben wir die Zimmer so hergerichtet, dass zumindest Familien nicht auseinander gerissen wurden.“ Dann kam der Corona-Test. Sechs positive Fälle. Jetzt war das Haus mit einer Quarantänestation zu versehen. Erst unterstützte das DRK, dann übernahmen die Johanniter. Und es setzte eine Welle der Hilfe ein, die niemand für möglich gehalten hatte. „Am vierten Tag hatten wir um Kleiderspenden gebeten. Wir mussten die Aktion nach drei Stunden stoppen. Wir kamen gegen die Flut nicht mehr an. Es war unglaublich. Unglaublich berührend.“

Oder der Verdener Christopher Uhlig. In einer privaten Aktion sammelte er Geld für einen Besuch im Magic-Park. Als die Kinder jedoch vor den Toren standen, wurden sie kostenlos hereingelassen. Zauberer Ben begleitete sie. Uhlig stopfte daraufhin für jedes Kind eine Tüte mit gesammeltem Geld. Am Ende ein unvergesslicher Nachmittag für alle. Oder die Familien Sibbel und Blume, die ein Trampolin spendeten. Der FC Verden, der zum Fußballtraining einlud und die zehn Kicker mit Trikots ausstattete. Dann die Freunde des Niedersachsenhofes, die sich für Rollschuhe und Skateboards verwendeten. Als die Kinder auf Rollen auf der Gibraltarstraße unterwegs waren, kam zufällig die Polizei vorbei. Der Streifenwagen kehrte um, und als er nach kurzer Zeit zurück war, stiegen Beamte mit den Händen voller Skaterhelme aus. Und sicherer war die Gibraltarstraße auch dank eines Hinweises auf Kinder Und, und, und.

Eingespielt hat es sich, das Leben für Irina, für Valeria, Evelina und all die anderen. „Es wird nur über Gutes geredet“, stellt Julia Fortmann fest. Die Geflüchteten äußerten ihre Wünsche, sie bekommen jetzt auch Briefe aus der Heimat, sie seien dankbar, „extrem dankbar“, sie telefonierten mit Zuhause. „Ich habe nie jemanden weinen gesehen.“ Aber es gebe sie eben doch, jene Menschen, die das Haus nicht verlassen. In sich gekehrt seien sie. „Viele wollen nach Hause, aber darüber wird nicht geredet.“ Der Verdener Focus-Familien- und Sozialdienst habe die psychologische Betreuung übernommen.

Für einige ist sogar schon so etwas wie Alltag eingekehrt. Fünf Kinder gehen zur Jahnschule, eine ganze Reihe besucht den Verdener Campus, zwei ältere Jugendliche haben inzwischen eine Ausbildung im Niedersachsenhof begonnen. Und für Alex steht fest, es war nicht das letzte Fußballtraining, das er besucht hat. Er will wiederkommen.

Polizist vor drei Kindern.
Hilfe von allen Seiten: Als Polizeibeamte die Kinder auf Rollen sahen, holten sie Helme und einen Aufsteller für Verkehrssicherheit. © Fortmann

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