Die Beerdigungsgemeinschaft Verdener Domweih und ihre Traditionen

Wehe dem, der den Sarg klaut

Der Trauerzug der Beerdigungsgemeinschaft Verdener Domweih im Jahr 1987 an der Kreuzung Wall/Ostertorstraße.
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Und mittendrin ein Auto: Der Trauerzug der Beerdigungsgemeinschaft Verdener Domweih kommt nicht immer auf geraden Wegen vorwärts. Das war auch schon 1987 so.

Die Beerdigungsgemeinschaft Verdener Domweih hat in diesem Jahr tatsächlich allen Grund, traurig zu sein, fällt das beliebte Volksfest doch bereits zum zweiten Mal in Folge aus. So bleibt den Mitgliedern nur das Schwelgen in Erinnerungen, verbunden mit der Hoffnung, dass im kommenden Jahr endlich wieder alles beim Alten ist.

Verden – Noch mal mittags über die Domweih bummeln, sich eine Leckerei gönnen und mit einem Sahneeis in der Hand an einem Karussell das Festgeschehen auf sich wirken zu lassen. Unterwegs Freunde treffen, sich für den Abend verabreden und gegen Mitternacht an der Südbrücke die „Beerdigung“ der Domweih zu feiern: Das war ein Traum, den gestern wohl viele Verdener hatten.

Idee entstand aus einer Bierlaune heraus

Leider blieb es bei dem Traum. Das Volksfest musste wie schon 2020 wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden. Davon betroffen war auch die Beerdigungsgemeinschaft Verdener Domweih, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, das beliebte Volksfest „würdevoll“ zu beenden. Die Gruppe blieb gestern inaktiv und hofft auf das kommende Jahr.

Aus einer Bierlaune heraus ließen sich Carl-Bernhard Gramm und Kurt Rosenbach von einer ähnlichen Zeremonie zum Ende des Bremer Freimarkts inspirieren. 1976 zogen sie erstmals mit einem Katafalk über das Verdener Festgelände. „Aber schon Anfang der 1950er-Jahre war die Domweih von Fußballern der Liga-Reserve des TSV Verden beerdigt worden“, weiß Franz-Josef Jurdzik, der mit seiner Ehefrau Renate vor über 30 Jahren der Gemeinschaft beitrat.

1999 Ausfall, weil die Feuerwehr nicht sichern konnte

„Es ist einfach nur frustrierend, dass auch in diesem Jahr die Verdener Domweih wieder abgesagt werden musste“, zeigte sich das Ehepaar traurig. Nur ein einziges weiteres Mal sei die Beerdigung ausgefallen: 1999, als die für die Absicherung benötigte Feuerwehr wegen eines Großbrandes nicht zur Verfügung stand.

Schwindelfrei sollten die Mitglieder schon sein – und der Sarg auch.

Ein Ausfall mit Folgen. Denn als man weit nach Mitternacht unverrichteter Dinge mit dem Sarg den Heimweg antreten wollte, war der verschwunden. Aus Frust über den kurzfristigen Ausfall hatten sich die Mitglieder in ihre Stammkneipe zurückgezogen und den Katafalk in einem Nebenraum abgestellt. Vier „Spaßvögel“ hatten ihn geklaut, und es dauerte drei Wochen, bis er wieder da war. Das Motto zum Umzug des Jahres 2000 hieß deshalb auch: „Wer den Sarg klaut, bezahlt die Domweih.“

Die Musiker spielten im Ranger über Kopf

„Es sind für uns fast nur schöne Erinnerungen, die uns über die Zeit der beiden abgesagten Domweihen hinweg helfen“, sagt Jurdzik. Er denkt zurück an einen Spaß im Ranger. Die Musiker waren eingestiegen, das Fahrgeschäft stoppte – auf dem Kopf stehend. Die Freigabe erspielte sich die Gruppe mit der Nationalhymne. Anschließend musste der Ranger seinen Betrieb kurzzeitig einstellen; einige Musiker mussten ihre verloren gegangenen Noten suchen.

Bis 1996 war der Sarg eine instabile Holzkiste, die jedes Jahr beim Aufprall auf dem Fluss kaputt ging. Inzwischen sind zwei Särge abwechselnd im Einsatz. Zum 25-Jährigen gönnte sich der Verein ein Modell mit gläsernem Deckel, unter dem ein kleiner Jahrmarkt aufgebaut ist.

Zum 25-jährigen Bestehen im Jahr 2008 gönnte sich der Verein einen Sarg mit Glasdeckel und Rummel-Modell.

Von 1995 bis vor wenigen Jahren stand Jurdzik dem Verein vor. Er folgte seiner Frau Renate, die vier Jahre amtierte, sein Nachfolger ist Hans-Joachim Rauba. „Trotz der vielen Arbeit im Vorfeld sowie am Tag des Trauerzuges hat mir dieses Amt viel Freude bereitet. Mir ist dabei nie langweilig geworden.“

Vierstündiger Zug über die Festmeile

Schließlich muss der vierstündige Zug über das Festgelände geplant werden. Bereits zwei Stunden zuvor trifft sich die Beerdigungsgemeinschaft im Hotel Höltje zum gemeinsamen Abendessen, natürlich in Trauerkleidung. Die Musiker vom Bläsercorps Dörverden gesellen sich dazu, und nach dem obligatorischen Ehrentanz und der übergabe eines Gastgeschenks für die Wirtsleute setzt sich der Zug gegen 20 Uhr in Bewegung. Mit „Pastor“ Udo Grotzsch an der Spitze.

Melder sind zu den ersten Stationen unterwegs, an denen die Trauergemeinde eine Pause einlegt, und kündigen deren Ankunft an. An vielen Stationen werden Getränke oder auch kleine Speisen für die „Trauernden“ spendiert. Als Dank wird ein gerahmtes Foto aus der Bildersammlung der Gemeinschaft überreicht.

Tapfer kämpft sich der Trauerzug vor allem durch die Massen auf dem Wall. Von der Bodega aus, die er kurz vor Mitternacht erreicht, folgen einige hundert Festbesucher der Gruppe zur Südbrücke und werden Zeuge der Beerdigung der Domweih: Der Sarg wird in die Aller herabgelassen und gleich wieder von Helfern der Ortswehr Bendingbostel geborgen, die Feuerwehr leuchtet den Bereich aus und setzt mit einem am Bollwerk gezündeten Feuerwerk den Schlusspunkt.

Daumen drücken für Schausteller und Wirte

„Wir sind alle sehr wehmütig, denn uns fehlt die Domweih mitsamt den Vorbereitungen für den Umzug und den krönenden Abschluss am letzten Tag des Festes“, sagt Petra Schnedler, die seit etlichen Jahren dem Verein angehört.

Es fehlten die Geselligkeit, die Fröhlichkeit und das Miteinander. „Wir hoffen auf 2022 und drücken die Daumen, dass die Schausteller und die Wirte diese zwei schrecklichen Jahre überstehen und wir wieder eine Domweih wie immer feiern können!“ Das Fest beginnt am Sonnabend vor dem ersten Montag im Juni. Kommendes Jahr ist das aber der Pfingstmontag. So verschiebt sich der Beginn der Domweih 2021 auf den 11. Juni. Sie dauert dann bis zum 16. Juni.

Von Harald Röttjer

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