Vortrag von Dr. Christoph Künkel beim Empfang des Kirchenkreises im Dom

„Ankommen ist schwierig“

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Begegnungen bei Wasser, Wein und Brot in den Seitenschiffen.

Verden - „Wollen, wir, dass Flüchtlinge zu Mitbürgern werden?“ Diese provokante Frage stellte Festredner Dr. Christoph Künkel auf dem Jahresempfang des Verdener Kirchenkreises nicht ohne Grund. Denn: „Das Leid der Flüchtlinge hat vielen ans Herz gegriffen.“ Allerdings gebe es auch die Sorge, dass die Stimmung kippt und sich Luft macht in Abwehr und Ausschreitungen.

Zuvor hatten Superintendentin Elke Schölper und die Vorsitzende des Kirchenkreistages, Dr. Viva Katharina Volkmann, zahlreiche Gäste aus Verwaltung, Politik, Verbänden, Institutionen, Wirtschaft und dem Kirchenkreis im Dom begrüßt. Traditionell wird zum Beginn des neuen Kirchenjahres zum Jahresempfang eingeladen. Später gab es in den Seitenschiffen des Doms bei Wein, Wasser und Brot die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen.

„Ankommen ist immer mit Schwierigkeiten verbunden“, begann Dr. Christoph Künkel seinen Vortrag und erinnerte sich an seine eigene Ankunft 1973 in Verden. Seinerzeit war er als Sohn des damaligen Superintendenten gegen seinen Willen in die fremde Stadt verpflanzt worden.

Der heutige Vorstand des Diakonischen Werkes Evangelischer Kirchen kommentierte die Warnungen vor einem Kippen der Stimmung in der Bevölkerung mit den Worten: „Das kann man aber auch herbeireden, und ich habe das Gefühl, das geschieht gerade. Ich gestehe, auch ich bin nicht frei von Angst. Angst vor dem, was Menschen anderen Menschen antun können“, sagte der Theologe. Wichtig sei aber, nichts zu dramatisieren und vor allem, die Flüchtlinge nicht unter Generalverdacht zu stellen. „Ich bin überzeugt, wir stehen mit unserer Flüchtlingsarbeit erst am Anfang“. Bei allen Fehlern könne man aber auch sehr stolz sein auf das, was die Bundesrepublik, Beamte und Ehrenamtliche bislang geleistet hätten. Er riet, sich in der Flüchtlingsarbeit darauf zu konzentrieren, was jeder am besten kann. „Vernetzung und Zusammenarbeit ist besser als Aktionismus und Dilettantismus.“

Dass jetzt 1200 Soldaten nach Syrien in den Krieg geschickt werden, hält Künkel jedoch für die falsche Lösung. Er erinnerte daran, dass bei den Terroranschlägen von Paris sechs der acht Terroristen aus dem eigenen Land kamen. „Krieg ist eine reflexartige Antwort, die schon vorher zu nichts geführt hat. Europas Wertegemeinschaft ist brüchig geworden, das macht mir Angst“, sprach Künkel aus, was vielen zurzeit Kopfzerbrechen bereitet.

Eine deutliche Absage erteilte Künkel der Forderung, die Flüchtlingszahlen zu begrenzen. „Wer von einer Obergrenze spricht, der muss bereit sein, Waffen nach außen zu richten und Menschen ertrinken zu lassen. Wir brauchen in Teilen eine andere Perspektive zu Menschen, die zu uns kommen“, so der Theologe weiter. Es seien Menschen, die gezeigt hätten, dass sie in der Lage sind, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. „Bei uns werden sie versorgt, bekommen ein Dach über den Kopf, ohne etwas dafür tun zu müssen. So wird ihnen die Möglichkeit zur Selbstentfaltung genommen, sie werden noch einmal zu Opfern.“

Künkel rief die freiwilligen Helfer dazu auf, den Flüchtlingen nicht alles abzunehmen. „Das erzeugt irgendwann Frust.“ Auf lange Sicht sei es besser, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. „Wir müssen die Flüchtlinge fordern, unterstützen und integrieren. Sie müssen die Möglichkeit haben, ihre eigene Leistungsbereitschaft unter Beweis zu stellen.“

Gleichzeitig machte Dr. Christoph Künkel deutlich, „dass wir klar zu den Werten stehen müssen, die unsere Gesellschaft ausmachen.“

ahk

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