Update: „Augenblicksversagen“

Patientin stirbt nach Kalium-Injektion – Geldstrafe für Ärztin

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Die Angeklagte mit ihrem Verteidiger Hans Holtermann.

Eine Ärztin der Aller-Weser-Klinik Verden muss sich seit Dienstag vor dem Landgericht Verden wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Die 37 Jahre alte Angeklagte hat gestanden, am 21. August 2017 aus ihr unerklärlichen Gründen einer Patientin auf der Intensivstation Kalium unverdünnt injiziert zu haben. Nun wurde sie verurteilt.

Update, 23. August: Ärztin zu Geldstrafe verurteilt

Das Landgericht Verden hat eine 37 Jahre alte Assistenzärztin am Freitag wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen á 85 Euro verurteilt. 

Die Medizinerin hat aus Sicht der Strafkammer in einem „Augenblicksversagen“ einer 45-jährigen Patientin im Jahr 2017 auf der Intensivstation eines Krankenhauses in Verden über einen Venenkatheter eine Direkt-Spritze mit Kalium verabreicht. 

Die Frau erlitt in der Folge einen Herzstillstand und musste reanimiert werden. Sie fiel aber dann in ein Wachkoma und verstarb schließlich am 7. November 2017.

Verden: Staatsanwalt fordert Bewährungsstrafe

Mit der Art der Medikamentengabe verstieß die Angeklagte nach Auffassung des Gerichtes gegen die ärztliche Sorgfaltspflicht sowie eine zuvor von der Oberärztin getroffene Anordnung. 

Zugunsten der 37-Jährigen sprach, dass sie nicht vorbestraft sei, die Vorgänge eingeräumt, Reue gezeigt, die volle Verantwortung übernommen und sich bei den Hinterbliebenen entschuldigt habe, teilte ein Gerichtssprecher mit. 

Die Staatsanwaltschaft hatte eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten gefordert. Mit der jetzt ausgesprochenen Geldstrafe gilt die Ärztin nach Angaben des Sprechers als nicht vorbestraft.

dpa

Originalmeldung

Verden - Die 45 Jahre alte Frau aus Martfeld (Kreis Diepholz) konnte reanimiert werden, war dann aber ins Wachkoma gefallen und ist am 7. November 2017 verstorben.

„Unglücklicherweise, versehentlich habe ich ihr das Medikament verabreicht“, sagte die Medizinerin. Dass Kalium niemals als Bolus, also direkt über die Vene, verabreicht werden darf, sei ihr bewusst, erklärte sie. Dies sei „allseits bekannt und in Lehrbüchern beschrieben“, heißt es auch in der Anklageschrift. Der Tod der Patientin sei somit „vorhersehbar und vermeidbar“ gewesen, so der Vorwurf.

„Die Situation war neu und stressig“

Seit dem 1. Januar 2017 ist die Angeklagte bei der Aller-Weser-Klinik beschäftigt, doch auf der Intensivstation war es an jenem Abend ihr erster Dienst, berichtete sie weiter. Schon im Vorfeld habe sie sich überfordert gefühlt, doch niemand habe sich für den Dienst gefunden. „Die Situation war neu und stressig.“ Mehrere Anrufe von der Notaufnahme und mehrere Patienten in einem lebensbedrohlichen Zustand.“

Die Patientin aus Martfeld sei abends in einem sehr schlechten Zustand eingeliefert worden. „Die Blutzuckerwerte waren nicht mehr messbar hoch und die Frau im Bewusstsein eingetrübt.“ Sofort habe sie eine Flüssigkeitszufuhr, Blutuntersuchungen und das Verbringen auf die Intensivstation veranlasst. Als die Befunde vorlagen, habe sie telefonisch Kontakt zu der Oberärztin aufgenommen. Das sei eine übliche Vorgehensweise, wie die Oberärztin und der Chefarzt in ihren Aussagen bestätigten.

Angeklagte will Anweisung weitergegeben haben

Die Oberärztin kannte die Patientin, gab telefonisch konkrete Medikamentengaben durch. Das Kalium sollte sofort, aber verdünnt und über zwei Stunden mittels eines Perfusors verabreicht werden. Diese Anweisung will die Angeklagte an den Pfleger weitergegeben haben. Aufgabe der Pflegekräfte ist das Verabreichen der Medikamente. Dies konnte der Chefarzt, der währenddessen als Anästhesist den zentralen Venenkatheter gelegt hatte, am Dienstag bestätigen.

Eingeräumt hat die Angeklagte die Kaliumgabe als Bolus. Der Pfleger konnte dazu nicht gehört werden. Er hat die Aussage am Dienstag verweigert. Unklar blieb damit, ob die 37-Jährige selbst den Fehler erkannt und während des Spritzens abgebrochen hat, oder ob der Pfleger sie gestoppt hat. Sofort sollen dann jedoch die Reanimationsmaßnahmen gestartet worden sein.

Prozess in Verden: Fortsetzung am 21. August

Die Ärztin ist weiter in der Klinik beschäftigt. „Sonst hätten wir sie traumatisiert zurückgelassen, und es ist eine Botschaft an unser Mitarbeiter. Wir stehen zu ihnen“, so der Chefarzt, zugleich ärztlicher Direktor der Klinik. Aber genauso habe man sich um die Angehörigen der 45-Jährigen gekümmert. Diesen sogar Rechtsbeistand empfohlen. Der Sohn ist Nebenkläger in dem Prozess.

„Diese Sachen sind nicht erklärlich“, sagte der Chefarzt und sprach auch von einem „Augenblicksversagen“. „Das ist ein Fehler, wo jeder froh ist, dass ihm dieser nicht passiert.“ Der Prozess wird am 21. August fortgesetzt. Dann sollen ein Sachverständiger gehört und eventuell Plädoyers gehalten werden.  wb

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