Junge Saumurerin wollte nur ein Jahr bleiben

Madame Arlette und der ganz lange Sommer

Vier ältere Menschen vor der Verdener Stadtsilhouette.
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Gruppenbild mit Damen und Dom: Sophie und Carl-Christian Hesse (l.) sowie Arlette und Heinz-Dieter Schütte hatten beim Jubiläum der etwas anderen Art viel zu erzählen und noch mehr zu lachen.

Verden – Wie strandet eine Französin, die eigentlich nur deutsch lernen will, als Lehrerin an einer Realschule? Wo lernen sich Saumurer und Verdener 25 Jahre nach dem Krieg näher kennen? Und was hat das alles mit dem kleinen Verdener Bahnhof zu tun? Das war der Stoff, der einen ganzen Nachmittag ausfüllte, und wahrscheinlich noch den Abend. Der Stoff, über den sie heute lachen können, und sie lachen viel, und hatten viel zu lachen bei einem besonderen Jubiläum.

Vor 50 Jahren kam die junge Saumurerin Arlette Maillard als Aupair-Mädchen nach Verden. Es sollte ein ungefähr zwölfmonatiges Gastspiel werden, ein verlängerter Sommer. Ein halbes Jahrhundert ist daraus geworden. Bisher.

Ihr Leben hielt einige Wendungen bereit

Und so saßen sie jetzt bei Kaffee und köstlichem Apfelkuchen und dem Dom am Horizont zusammen. Das Verdener Ehepaar Sophie und Carl-Christian Hesse, das Achimer Ehepaar Arlette und Heinz-Dieter Schütte. Und wunderten sich, welche Wendungen das Leben so manchmal bereit hält. Angefangen hatte alles mit einer 23-jährigen Sekretärin von der Loire zu einer Zeit, als zwar erste Freundschaften zwischen dies- und jenseits der französischen Grenze geschlossen waren, die Tinte unter der Partnerschaftsurkunde von Verden und Saumur war bereits vier Jahre trocken, aber in den Hinterköpfen, da schwelte die mörderische Nachbarschaft noch. Die Gräuel des Zweiten Weltkriegs. Es war ja erst gut ein Vierteljahrhundert her, damals im Jahr 1971, als alles begann.

Irgendwie spielte der Krieg auch im Hause Maillard eine Rolle, wie Tochter Arlette 50 Jahre später bestätigt. Dies allerdings anders als sonst. „Mein Vater war Kriegsgefangener in Deutschland. Er erzählte viel Gutes über das Land. Ich wollte zumindest die Sprache lernen.“ Als zweite Fremdsprache, zusätzlich zu englisch, und kombiniert mit jeweils einem einjährigen Auslandsaufenthalt. Zuerst in der jungen Bundesrepublik, dann im alten Königreich, so ihr Plan. Zur Hälfte ging er auf.

Einige Briefe wechselten zwischen Verden und Saumur, Curt Troue und Hans Meyer und M. Pelletier spielten eine Rolle, das junge Ehepaar Hesse vom Gut in Hönisch ebenfalls, es suchte für seine zwei- und vierjährigen Kinder eine Haushaltshilfe, und so stand sie schließlich auf dem Bahnhof. Oder besser: Schon wieder draußen. „Ich kannte den Bahnhof von Saumur. Sowas Ähnliches hatte ich mir auch für Verden vorgestellt. Aber ich war kaum eingetreten, da war ich auch schon wieder rausgetreten.“ Und verpasst hatten sie sich, Arlette und derjenige, der sie am Bahnhof abholen wollte, Carl-Christian Hesse. „Wir hatten eine andere Vorstellung voneinander.“ Jetzt können sie darüber lachen, damals war es ein Kennenlernen mit Hindernissen und zwei großen Koffern.

Sie zog mit ein ins sogenannte Verwaltergebäude auf dem ausladenden Gutshof jenseits der Aller. „Ich habe mich die ganze Zeit als Mitglied der Familie gefühlt, als Freundin, manchmal auch als Kind.“ Eigentlich wollte sie deutsch lernen. „Aber die Eheleute Hesse sprachen sehr gut französisch, und am Ende des Tages stellten wir fest, wir haben wieder kein Wort deutsch gesprochen.“ Jetzt lachen sie darüber, damals habe sie sich zwingen müssen, sagt die heutige Frau Schütte. Ein Tagebuch bescherte die Wende. „Ich hab‘ es auf Deutsch geführt, Sophie hat es korrigiert.“

Schnell entwickelte aber auch sie sich zum gefragten Gesprächspartner. Der Französisch-Unterricht nahm an Verdener Schulen Fahrt auf. „Mit Frau Füllgraf vom Gymnasium am Wall befand ich mich im regen Austausch. Sie hatte einiges zu klären.“ Die Ehefrau des ehemaligen Stadtdirektors lehrte jungen Menschen den Umgang mit dem Accent Aigu.

Gleichzeitig war sie in Verden angekommen. Freundschaften begannen heranzureifen. „Ich fühlte mich wohl.“ Die Domweih ließ auch nicht lange auf sich warten. Und damals, als Diskotheken noch nicht so richtig Fuß fassen konnten, wo traf man sich, wo feierten Saumurer und Verdener? Genau, bei den Briten. Der Anglo-German-Club unweit des Andreaswalls lud ein. „Da sind wir uns das erste Mal begegnet“, sagt Madame Arlette. Sie lacht, ihre Augen leuchten. Heinz-Dieter Schütte lacht mit. Er nickt. Stimmt. Seither sind sie zusammen.

Fehlte nur noch der Job, ihr Job. „Ich bin beim Bremen-Tourismus fündig geworden.“ Als Hostess sollte sie Besuchern der Hansestadt ein Willkommen entgegenrufen und deren Fragen beantworten. Ob es noch Prospekte gebe? „Sorry, alle zergriffen.“ Ja, sagt die heutige Frau Schütte, ja, ich hatte damals meine Probleme mit den Präfixen, mit den Vorsilben, „sie haben mich in den Wahnsinn getrieben.“ Endgültig im Nordkreis sesshaft wurde das Ehepaar mit dem Quereinstieg Frau Schüttes. Einen Französischlehrer suchte die Realschule Achim. Es wurde eine Französischlehrerin. Der Kontakt nach Verden, nach Hönisch, er riss nicht ab. Und wird er wohl auch in Zukunft nicht. Es gibt noch viel zu bereden. Und vor allem: Noch viel zu lachen.

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