Sabine Lühning bietet neue Stadtführung in Verden an

Von Mord und Totschlag

Gästeführerin Sabine Lühning an ein Fußeisen gekettet.
+
Gästeführerin Sabine Lühning mit Fußeisen. Und das war eine milde Strafe für kleinere Vergehen.

Verden – Seit mehr als 25 Jahren lebt Sabine Lühning im beschaulichen Verden, das gar nicht so idyllisch ist. Zum Beweis kehrt sie die kriminelle Seite Verdens heraus und bittet zum mörderischen Gang durch die Allerstadt. „Mord und Totschlag“ nennt die erfahrene Gästeführerin ihr neuestes Angebot, in dessen Verlauf sie den Teilnehmenden von alten und neuen Verdener Verbrechen berichten wird.

Mal ganz ernst, mal mit einem Augenzwinkern.

Am 18. Juli hat die Führung Premiere. Ein gutes Jahr intensiver Recherche liegt dann hinter Sabine Lühning. Es war eine ergiebige Suche, die einen weiten Bogen schlägt vom Mittelalter mit seinen grausamen Strafen für vermeintliche Hexen bis in die Gegenwart mit „Maskenmann“ und „Rathaus-Raser“. Und die Suche zeigt, dass sich die Zeiten und auch die Strafen geändert haben mögen, die menschliche Natur aber nicht.

Stadtgeschichte mal ganz anders

Die Frage, ob sie denn gerne Krimis lese, verneint Sabine Lühning, die bei ihrer Suche nach interessanten Begebenheiten durchaus kriminalistischen Spürsinn an Tag legte. „Es ist Stadtgeschichte mal ganz anders“, sagt die Gästeführerin.

Vor hundert Jahren gabs dort Drogen

Da gibt es beispielsweise dieses Haus in der Großen Straße. Heute wird dort Bekleidung verkauft. Vor gut hundert Jahren konnte man dort Drogen erwerben, ganz offiziell. Sabine Lühning lächelt vielsagend und plaudert gerne noch das eine oder andere mehr aus.

Beispielsweise darüber, dass in Verden in den 50er-Jahren Kriminalgeschichte geschrieben wurde. Seinerzeit verübte ein gewisser Erich Cedrick von Halacz drei Briefbomben-Attentate. Auch gegen den Verdener Fabrikanten Anton Höing. Der allerdings überlebte den Anschlag, anders als zwei weitere Menschen. Von Halacz sei bundesweit der erste Verbrecher gewesen, nach dem mithilfe eines Phantombildes gefahndet worden sei, weiß Sabine Lühning über den Attentäter, der später vom Verdener Landgericht zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt wurde.

2,7 Millionen Mark veruntreut

Der Rundgang mit Sabine Lühning führt also auch an den Wall. Er beginnt jedoch am historischen Rathaus, in dem einst Verdens erste Sparkasse untergebracht war, ein stadteigenes Geldinstitut. Es geriet Anfang der 1880er-Jahre durch seinen damaligen Direktor Ernst Voss landesweit in die Schlagzeilen, hatte dieser doch 2,7 Millionen Mark veruntreut. Nach heutigen Maßstäben entspricht dies mehr als 20 Millionen Euro.

In alten Zeitungsartikeln und auch in der Chronik der Kreissparkasse wird darüber berichtet. „Es war genau beschrieben, was das für ein Typ war und was er für das Geld gekauft hat“, sagt Sabine Lühning und nennt Rittergüter, edle Pferde und teure Kunstwerke als Beispiele.

Ärzte attestierten ihm Größenwahn

Ende 1884 flog der Schwindel auf. Voss wurde der Prozess gemacht; die Ärzte attestierten ihm Größenwahn; er wurde in der „Heilanstalt zu Hildesheim“ untergebracht. Von dort, so ergaben die Nachforschungen Lühnings, gelang es dem betrügerischen Banker, sich in die USA abzusetzen. Für den von ihm angerichteten finanziellen Schaden aber mussten Verdens Grundbesitzer aufkommen. Über 22 Jahre hinweg zahlten sie die sogenannte „Voss-Steuer“, erst dann war die Stadt die Schulden los.Die

Die mörderische Hebamme Schmidt

Was Bremen die Gesche Gottfried, ist Verden die mörderische Hebamme Schmidt, die im März 1897 vor dem Schwurgericht stand. Gatte und Schwiegervater hatte sie mit Quecksilbersublimat vergiftet. Der Ehemann starb, dessen Vater überlebte, weshalb sie wegen Mordes zum Tode und wegen des Versuchs zu einer Zuchthausstrafe verurteilt wurde. „Ein bisschen unlogisch“, findet Sabine Lühning und fügt lächelnd hinzu: „Wie und wann das tatsächlich vollstreckt wurde, das konnte ich nicht herausfinden.“

Dafür kann die Gästeführerin aber vieles andere zum Besten geben über die großen und kleinen Verbrechen, die sich hinter den Fassaden und in den Straßen dieser Stadt zugetragen haben.

Führungen

Die erste öffentliche „Mord und Totschlag“-Führung findet am Sonntag, 18. Juli, statt. Treffpunkt ist das Rathaus um 15 Uhr. Die Teilnahme kostet neun Euro pro Person. Eine Anmeldung ist unbedingt erforderlich, Telefon 04231/8709507, E-Mail info@stadtfuehrungen-verden.de. Gruppen können ab sofort individuelle Führungen wie den „verbrecherischen Rundgang“ für 85 Euro bei Sabine Lühning buchen.

Unter www.stadtfuehrungen-verden.de sind zudem Informationen zu den weiteren vielfältigen Angeboten der Gästeführerin zu finden.

Von Katrin Preuss

Die Große Straße vor mehr als 100 Jahren: Im Haus vorne links konnte man Drogen erwerben. Darunter verstand man seinerzeit aber nichts Illegales. Quelle: Sabine Lühning
Die Große Straße 2020: Heute wird in dem Gebäude Bekleidung für Sie und Ihn verkauft.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

Komplett neu für circa eine halbe Million Euro

Komplett neu für circa eine halbe Million Euro

Komplett neu für circa eine halbe Million Euro
Sonnige Tage und ein wenig Sorge

Sonnige Tage und ein wenig Sorge

Sonnige Tage und ein wenig Sorge
Schnäppchen im September

Schnäppchen im September

Schnäppchen im September
Von der Dauercamperin zur Gastronomin

Von der Dauercamperin zur Gastronomin

Von der Dauercamperin zur Gastronomin

Kommentare