„VW weiß sehr wohl, was wir tun“

VW-Dieselgate: Verdener Anwalt führt Musterprozess mit 21.000 Klägern

Führt in einem Musterprozess 21 000 Kläger gegen den VW-Konzern: Der gebürtige Verdener Anwalt Claus Goldenstein, der jetzt in Potsdam eine Kanzlei unterhält. Foto: rag
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Führt in einem Musterprozess 21 000 Kläger gegen den VW-Konzern: Der gebürtige Verdener Anwalt Claus Goldenstein, der jetzt in Potsdam eine Kanzlei unterhält.

Verden – Er hat den Kampf gegen Goliath aufgenommen. Der gebürtige Verdener Claus Goldenstein vertritt rund 21.000 Kläger im Dieselgate-Musterprozess gegen den VW-Konzern.

Am kommenden Montag wird das Urteil des Bundesgerichtshofes erwartet. Redakteur Heinrich Kracke sprach mit dem 60-jährigen Anwalt, der in Potsdam eine Kanzlei unterhält.

Welche Erwartungen haben Sie an den kommenden Montag?

Claus Goldenstein: Nach der Verhandlung am 5. Mai vor dem Bundesgerichtshof klar positive. Das Gericht hat deutlich durchblicken lassen, VW hat betrogen. Wir sind sicher, wir hören am Montag ein positives Urteil. Das heißt, VW nimmt das jeweilige Auto zurück, die Kläger erhalten minus Nutzungsentschädigung ihr Geld zurück. Wir fahren nur noch nach Karlsruhe, um die Entscheidung zur Kenntnis zu nehmen.

Dass noch etwas schiefgehen könnte, glauben Sie nicht?

Nein.

Aber es kann noch was schiefgehen?

Stimmt schon, vor Gericht und auf hoher See bist Du in Gottes Hand. Grundsätzlich ist alles möglich. Allerdings haben die Richter in ihrer vorläufigen Einschätzung Anfang Mai sehr klar ausgeführt, Dieselkunden dürfte schon mit dem Kauf ein Schaden entstanden sein, den VW ersetzen muss. Ein anderslautendes Urteil wäre also eine Überraschung.

Macht es Ihnen nicht Angst, als David gegen einen Goliath wie den VW-Konzern anzutreten?

In der Tat ein sehr emotionales Thema. Das ist schon ein Brocken. Letztendlich erfüllt es mich mit Stolz, dass es in diesem Land möglich ist, als kleiner Verbraucher in der Lage zu sein, gegen den größten Automobilkonzern der Welt Recht zu erhalten.

Wird man denn als Kläger oder als Anwalt überhaupt von diesem gigantischen Unternehmen ernst genommen?

Wir hatten in Einzelklagen den Eindruck, VW weiß sehr wohl, was wir tun. Sie haben uns sehr schnell sehr ernst genommen. Das läuft bei denen sehr professionell ab. VW verfolgt zwar deutlich die Strategie, wer nicht klagt, kriegt nichts. Wer aber klagt, bei dem wird nichts dem Zufall überlassen.

Hinter der Musterklage steht der Fall des Bad Kreuznachers Herbert Gilbert. Wie sind Sie als Potsdamer Anwalt auf einen streitbaren Rheinland-Pfälzer gekommen?

Herbert Gilbert ist ein deutscher Ingenieur, der wirklich auf deutsche Ingenieurkunst vertraut. Er fühlt sich betrogen. Er hat der VW-Werbung vertraut, er wollte was für die Umwelt tun, er hat erstmals einen Diesel gekauft, er ist schwer enttäuscht. Das Auto steht in der Garage, es ist abgemeldet. Herr Gilbert will jetzt sein Recht.

Aber so geht es vielen unter den 21 000 Klägern.

Herr Gilbert hatte noch vor dem Landgericht Bad Kreuznacht verloren, aber das Oberlandesgericht in Koblenz entschied für ihn. Er gehört damit zu den ersten, die vor dem Bundesgerichtshof landen würden. Und er gehört zu jenen, die keinen Vergleich akzeptieren. Ich lasse mir meine Ansprüche nicht bezahlen, sagt er. Er will sein Recht.

Aber nicht nur er. Insgesamt 21 000 wollen ihr Recht. Und wer weiß, wie viele es nach dem Urteil ebenfalls noch wollen. Wie wird Ihr Anwaltsbüro dieser Massen gerecht?

Das geht nur mit spezieller Software. Alle eingehenden Schreiben, Anregungen, Neuaufnahmen, alles läuft in Realtime in unser System ein. Alles ist komplett digitalisiert, alle internen Prozesse laufen automatisch ab. Wer unsere Räume betritt, hat das Gefühl, er ist in einer IT-Bude gelandet, und nicht in einer Anwaltskanzlei. Eine IT-Firma hat in Softwareprogrammen unsere Verfahrensabläufe abgebildet.

Das klingt nicht gerade nach individueller Betreuung.

Im Gegenteil. Durch die hohe Automatisierung und die immer aktuell gehaltene Aktenlage ist es möglich, jeden Fall individuell zu betreuen. Es gibt kein Papier mehr, wir können hocheffizient arbeiten. Auf diese Weise ist es den Anwälten möglich, jederzeit vollständig auf die Bedürfnisse jedes einzelnen zu reagieren. Und das sind nicht wenige. Im Schnitt kommunizieren wir pro Tag mit rund 150 Mandanten.

Und dennoch wäre es nicht verwunderlich, würden Sie irgendwann den Überblick verlieren. Macht Ihnen das keine Angst?

Es war in der Tat ein steiniger Weg. Zu Anfang sahen wir einen Riesenberg vor uns. Die Chancen standen 20:80 gegen uns, hieß es in den Medien. Zumal die Gerichte sich nicht vorstellen konnten, dass VW betrogen hat. Ein erster Meilenstein war ein OLG-Urteil, in dem dem Kläger Recht gegeben wurde. In der Folge wurde der Berg, den wir vor uns hatten, immer kleiner.

Am Montag erhalten Sie Recht, und plötzlich ist der Dieselskandal beendet, und für Sie endet ein Riesenaufgabengebiet. Können Sie das kompensieren?

Ich bin sehr davon überzeugt, dann beginnt der Dieselskandal erst richtig. Dann werden die anderen 21 000 Verfahren abgearbeitet. Und wahrscheinlich kommen weitere hinzu.

Das heißt, wir werden Sie also erstmal nicht in Verden sehen?

Das glaube ich doch. Ich bin häufig an der Aller. Ich bin auf dem GAW zur Schule gegangen, meine Eltern leben in Verden, ich habe natürlich mit höchstem Bedauern zur Kenntnis genommen, dass in diesem Jahr die Domweih ausfällt. Ich bin ein Verdener Jung‘.

Klingt so, als würden Sie den Kleinstadt-Charakter in Potsdam vermissen?

Die norddeutsche Art vermisse ich schon ein wenig. Dieses Verlässliche, dieses Handfeste, diese Art, Dinge anzusprechen. Wenn ich nach Verden komme, dann fahr ich erstmal durch die Stadt. Was hat sich jetzt wieder getan? Das interessiert mich. Was ist passiert? Vielleicht hat auch mein Freund Lutz Brockmann Zeit zum kleinen Plausch. Darauf freue ich mich. Und auf die Jazz- und Blues-Tage auch. Hoffentlich finden sie dieses Jahr statt.

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