Toten ein Gesicht geben

Volkstrauertag ohne Pathos und Standardformeln

Referent Dr. Jens Binner.

Verden - Mit dem Netzwerk Erinnerungskultur möchte der Landkreis Verden nicht nur die Aufarbeitung der Regionalgeschichte des 20. Jahrhunderts fördern, sondern die Inhalte auch pädagogisch nutzbar machen. Beim dritten Plenum am Mittwoch im Kreistagssaal ging es um die Neugestaltung des Volkstrauertags.

Dr. Jens Binner von der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten, referierte über die notwendige Veränderung der Erinnerungskultur. Anschließend berichtete Hans-Jürgen Lange von den Ergebnissen der Arbeitsgruppe „Didaktik“ mit dem Ziel, auch jüngeren Menschen einen Zugang zum Volkstrauertag zu ermöglichen. Am Ende kamen verschiedene Projektgruppen zu Wort, die von ihrer Gestaltung des Gedenktages in diesem Jahr erzählten.

„Der bisherige Umgang mit unserer Geschichte muss hinterfragt werden“, so Binner. Wichtig sei es heute, Lerneffekte zu erzielen. Binner erinnerte daran, dass die Weimarer Republik, aus der sich der Nationalsozialismus entwickelte, ein ähnliches Staatssystem war wie unsere heutige Bundesrepublik. „Der Übergang zum Nationalsozialismus kam nicht plötzlich. Es waren kleine Schritte, die von der Demokratie zur Diktatur führten“, erinnerte Binner. Allein die Betrachtung der Geschichte aus der Sicht der Opfer reiche nicht aus, um Ähnliches in Zukunft zu verhindern, betonte der Referent. Gerade bei der Gedenkstättendidaktik reichten Pathos und Standardformeln nicht aus. Wichtig sei auch zu hinterfragen, was im Umfeld passiert ist, damit es so weit kommen konnte.

Auch die Berichte von Zeitzeugen sieht Binner kritisch. „Diese Berichte werden zu selten hinterfragt. Persönliche Erlebnisse können nie für das Ganze stehen.“ Weiter machte Binner deutlich, dass sich die Verbrechen des Nationalsozialismus keineswegs in der Ferne abspielten, sondern unter Beteiligung breiter Teile der Gesellschaft oft vor der eigenen Haustür.

Saskia und Clemens mit Günter Palm (Heimatverein Eissel) erklären ihre Ergebnisse. - Fotos: Haubrock

Der Volkstrauertag würde heute dazu benutzt, verschiedener Opfergruppen zu gedenken, so Binner weiter. „Damit ist aber wenig geholfen, wenn gedacht wird, ohne deutlich zu machen, dass es sich um verschiedene Kausalitäten handelt“, erklärte er. Beim Besuch von Gedenkstätten müsse deutlich werden, was die damaligen Ereignisse mit dem heutigen Leben zu tun haben. Die Besucher müssten sich den Sinn der Geschichte selbst erarbeiten. Wichtig sei, dass aus Relikten keine Reliquien werden. Nur durch forschendes und entdeckendes Lernen könne man ein historisches Urteilsvermögen entwickeln.

„Dabei muss man die Täter, Mittäter und Zuschauer stärker in den Blick nehmen“, forderte der Experte. Gerade die Mitmachbereitschaft im Nationalsozialismus biete ein hohes didaktisches Potenzial. „Bei den Gedenkstätten geht es nicht um entleerte Pietät, sondern um die Einbettung in die Realität. Es geht nicht darum, einfache Antworten zu finden, sondern Fragen aufzuwerfen, wer warum etwas getan hat, wer die Opfer waren und was uns das heute angeht“, machte Binner deutlich.

In diese Richtung gehen auch die Ergebnisse der Arbeitsgruppe „Didaktik“. „In der Erinnerungskultur müssen Ereignisse mit konkreten geschichtlichen Menschen und ihren Situationen verbunden und lebendig gemacht werden“, so Lange. Dies könne durch die Biografien, Bilder, Äußerungen und Zeitzeugenberichte geschehen „Wir wollen die Menschen, um die getrauert wird, sehen und sie zu Wort kommen lassen.“ Dieses sei gegenüber den allgemein gehaltenen Feiern zum Volkstrauertag ein neuer, wichtiger Zugang zum Verstehen. Wichtig sei dabei die generationsübergreifende Vorgehensweise, betonte Lange. Mitglieder von Jugendfeuerwehren, Schulklassen unterschiedlicher Altersstufen, kirchliche Jugend- und Konfirmandengruppen sollen bei der Gestaltung der Gedenkfeiern einbezogen werden.

Bereits in diesem Jahr haben Projektgruppen die Kriegstoten aus der Anonymität herausgeholt und ihnen ein Gesicht gegeben. 

ahk

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