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Mit vier Kindern in die Obdachlosigkeit

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Von: Heinrich Kracke

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Eheleute an Kaffeetafel.
Ungewisse Zukunft: Die Eheleute Gebrahiwat-Meles suchen für sich und ihre vier Kinder eine Wohnung. © Kracke

Eine sechsköpfige Familie sucht verzweifelt eine neue Unterkunft. Bisher gab es nur Absagen. Teilweise mit fadenscheinigen Aussagen.

Verden – Zuweilen kramen sie die kleinen Tassen noch hervor, jenes weiße Porzellan für die Kaffeezeremonie, die sie aus Eritrea kennen. Aber nur, wenn Zeit ist. Schließlich hat sich das Leben verändert. Auch das der Eheleute Gebrahiwat-Meles. Die Kinder gehen zur Schule. Vater Hisha ist in der Montage des Hoyaer Fahrradherstellers beschäftigt. Sie alle kleckern also zu unterschiedlichen Zeiten herein und machen sich auf den Weg, je nachdem, wann ihre Zeit ist.

Vier Kinder, zwei Erwachsene, eine ganz normale Familie irgendwo in Verden eben. Aber so wird es nicht bleiben. Die Familie Gebrahiwat-Meles hat Post erhalten. Schon vor längerer Zeit. Post, die sie aus der Bahn zu werfen drohte. Den Sechsen ist die Wohnung gekündigt. Und jegliche Hoffnung auf neue vier Wände zerstob bisher. „Wir finden einfach nichts.“

Das Schicksal der Familie aus Eritrea, die auch in ihrer neuen Heimat schon wieder vertrieben zu werden droht, ist sogar in Ansätzen an die Öffentlichkeit gelangt. Ratsfrau Sonja Toaspern (Linke) berichtete darüber bereits vor vier Wochen vor dem Stadtparlament, jetzt machten die Gebrahiwat-Meles’ selbst vor dem Stadtrat auf ihre Not aufmerksam. „Die Familie mit vier Kindern steht vor der Obdachlosigkeit.“

Auf den ersten Blick ein Fall, wie er Großstädten nicht unbekannt ist. Der Vermieter kündigt wegen Eigenbedarf, gleichzeitig hat er sich zur Wohnungssanierung entschlossen, weil die Zustände unhaltbar sind. Die Mieter klagten bereits über Rattenbefall. „Der Achtjährige ist sogar gebissen worden“, sagt jemand, der es wissen muss, sagt die Verdenerin Britta Wahlers. Sie gehört zu den Ehrenamtlichen, die sich der Menschen mit Migrationshintergrund annehmen. Seit sechs Jahren begleitet sie die Familie Gebrahiwat-Meles.

Den Mietvertrag aufheben, die Vollsanierung starten – ganz so simpel ist es in diesem Fall nicht. Vermieter ist der Landkreis Verden. Das betroffene Haus gehört zu der Reihe von Wohneinheiten, die für Geflüchtete angemietet wurden. Allerdings sollen hier lediglich Neuankömmlinge unterkommen, deren Status ungeklärt ist. Sobald eine Entscheidung getroffen wurde, sollen sich die Betroffenen selbst um eine Wohnung kümmern. Tat sie auch, die Familie Gebrahiwat-Meles, die als anerkannte Flüchtlinge gelten. Nur, dass sie eben bisher ausschließlich verschlossene Türen vorfand. Bisher durfte sie deshalb die ihr zugewiesene Wohnung weiternutzen, aber jetzt braucht die Kreisverwaltung jeden Quadratmeter. Neue Flüchtlinge werden erwartet. Verzweifelt wurden schon Anzeigen in den einschlägigen Immobilien-Teilen von Zeitungen und Internetportalen geschaltet.

Mit einem breiten Lächeln kommt der älteste Sohn der Familie durch die Haustür. Sein Name ist der Redaktion bekannt, soll aber hier nicht veröffentlicht werden. Beim Fußball hat er sich als zuverlässiger Offensivspieler erwiesen. „Acht Tore in elf Spielen in der U18“, sagt er über seine jüngste Bilanz. Er strahlt. Auch seine jüngeren Geschwister haben sich unterschiedlichen Vereinen angeschlossen. Nicht ausgeschlossen, dass dieses Kapitel bald wieder beendet ist.

„Es ist bitter“, stellt Britta Wahlers fest. „Diese Kinder kennen nur die Flucht, ihr ganzes Leben lang nur die Flucht. Zwischenzeitlich schienen sie so etwas wie ein neues Zuhause gefunden zu haben, aber jetzt werden sie schon wieder fortgejagt.“ Sie habe alles versucht, sagt die Ehrenamtliche, die einst aus der Zionsgemeinde der Selbstständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) heraus in die Flüchtlingsunterstützung kam. Sie hat bei Wohnungsbaugesellschaften geklingelt. „Sorry, Wohnungen von der benötigten Größe haben wir gar nicht“, habe es von der Kreisbau geheißen. Ähnliches hörte sie von der ZBVV mit Immobilien an der Moorstraße und am Schwarzen Berg. „Nichts frei.“ Aber nicht nur das. Sogar den Antrag auf Umzugserlaubnis, der beim Landkreis vorzulegen wäre, sonst eher ein Routineschritt, schnell ausgedruckt, selbst diesen Service habe man ihr verweigert. Und private Vermieter reagierten ebenfalls ablehnend. „Vier Kinder? Sorry, nix frei.“ Und das waren noch die netten Antworten.

Gut möglich nun, dass die Verdener Obdachlosenzahlen demnächst um sechs Personen steigen. Ungewöhnlich wäre es nicht. Schon vor drei Jahren stand eine siebenköpfige Familie vor dem Verlust ihrer Wohnung. Ihr konnte eine Herberge angeboten werden. Aktuell allerdings sei nichts Passendes mehr frei, heißt es weiter. Insgesamt stehen in der Stadt Verden, so die Antwort von Bürgermeister Lutz Brockmann auf eine Anfrage der Linken-Ratsfrau, insgesamt stehen fünf Immobilien für obdachlose Personen zur Verfügung. Die Bauten unterscheiden sich dem Bericht zufolge in ihrem Typus. Ein Mehrfamilienhaus mit insgesamt vier einzelnen Wohnungen und jeweils vier Zimmern sei darunter, ein Einfamilienhaus mit sechs Zimmern ebenfalls. Die Auslastung der städtischen Obdachlosenunterkünfte betrage in der Regel 80 bis 90 Prozent, unterliege aber einer hohen Fluktuation. Stehe eine anspruchsberechtigte Person vor der Tür, könne ihr auf jeden Fall ein Platz zugesichert werden.

Ferner sei davon auszugehen, bei jeder dritten bis vierten Zwangsräumung, die ein Gerichtsvollzieher durchführe, finden die ins Freie beförderten Personen keine Unterkunft. Sie seien dann befristet in einer städtischen Obdachlosenunterkunft unterzubringen. Einzelfälle sind dies nicht. In 10 bis 18 Fällen pro Jahr stand der Gerichtsvollzieher in Verden vor der Tür.

Die ehrenamtliche Flüchtlingsbetreuerin Britta Wahlers hofft, dass der sechsköpfigen Familie aus Eritrea dieses Schicksal erspart bliebe. „Sie haben sich hier integriert, der Vater hat Arbeit gefunden, die Kinder sind in Vereinen organisiert, sie alle sprechen gut deutsch – ich kann nur jeden bitten, der freie Wohnraum verfügbar hat, sich bei mir zu melden.“

Balkengrafik.
Leichten Schwankungen erlegen: Obdachlosenzahlen in Verden in den vergangenen vier Jahren. Quelle: Stadt Verden © Kreiszeitung

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