Vier „fremde Freireisende“ machen in Verden Station / Drei Jahre fern der Heimat auch zu Weihnachten

Auf der Walz sind selbst Handys tabu

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Schwarze Cordhose, schwarze Weste, Hut, Wanderstab und „Charlie“: Max frd. Schmied FBS, Stefanie frd. Goldschmiedin FBS, Claudi frd. Tischlerin FBS und Jesse frd. Zimmerer FBS. Frd. steht für fremder Freireisender.

Verden - Die Weihnachtsfeiertage im Kreise der Familie sind für die meisten Menschen eine Herzensangelegenheit. Für wandernde Gesellinnen und Gesellen verbieten jedoch die Regeln der Wanderschaft eine Reise nach Hause. Damit es aber trotzdem ein geselliges Fest wurde, waren die reisenden Gesellen des Freien Begegnungsschachtes (FBS) Claudi, Stefanie, Max und Jesse – die Nachnamen werden während der Wanderschaft ablegt – unterwegs nach Berlin, wo sich viele Wandergesellen trafen und gemeinsam die Festtage verbrachten.

Die vier Tippelbrüder und -schwestern hatten auf dem Weg in die Hauptstadt einen kurzen Zwischenstopp in Verden eingelegt und dabei auch den Dom besucht. „Die teils freitragende Dachkonstruktion ist schon ein Wahnsinn“, so das fachmännische Urteil von Tischlerin Claudi und Zimmerer Jesse.

Drei Jahre und einen Tag lang dürfen sich die Wandergesellen nicht näher als 50 Kilometer ihrem jeweiligen Heimatort nähern. Eine Vorschrift, die auch zur Weihnachtszeit gilt. Alles, was sie bei sich haben – einschließlich Schlafsack –, passt in das Bündel, den so genannten Charlottenburger oder kurz „Charlie“ genannt, und was sie zum Lebensunterhalt brauchen, müssen sie sich verdienen. So fragen sie überall, wo sie gerade sind, bei Handwerksbetrieben nach Arbeit.

Was die eigentliche Faszination der so genannten Walz ausmacht, erklären die vier Wandergesellen nur allzu gerne: Für Claudi, eine Tischlerin aus Potsdam, könnte die Zeit ihrer Wanderschaft im Mai kommenden Jahres enden. Die 27-Jährige ist bereits seit zweieinhalb Jahren unterwegs, möchte aber möglicherweise am Ende noch mehr an die Pflichtzeit dranhängen, die für die Wanderschaft erforderlich ist.

Die Walz hat Claudi abseits von Deutschland bereits in die Schweiz, nach Österreich, Holland und Dänemark geführt, auch konnte sie durch die finanziellen Mittel einer Begabtenförderung bis nach Südamerika reisen. Dabei, so sagt sie, habe sie nicht nur beruflich dazugelernt, sondern auch viel über sich selber erfahren.

Eine Aussage, die die anderen Gesellen durch Nicken bestätigen. „Natürlich gäbe es nicht nur gute, sondern auch schlechte Tage“, so der Tenor der Gruppe. Doch unter dem Strich fiel das Fazit aller sehr positiv aus. „Ich habe bislang keine Sekunde bereut“, meint Max.

„Ich habe bislang keine Sekunde bereut“

Der 25-jährige Schmied aus dem sächsischen Chemnitz ist seit 13 Monaten in deutschen Landen unterwegs, und im nächsten Jahr soll es endlich auch ins benachbarte Ausland gehen. Goldschmiedin Stefanie aus der Nähe von Lörrach hat bislang Deutschland, Österreich und die Schweiz bereist. „Ich habe noch viel vor und will sehen, was alles so geht“, sagt sie.

Ganz frisch auf Wanderschaft und erst wenige Tage unterwegs ist dagegen Jesse aus dem Raum Pinneberg, der als Aspirant auf Wanderschaft von anderen Wandergesellen solange begleitet wird, bis er sich zutraut, alleine zu reisen und weiß, wo er Schlafplätze und wie er Arbeit findet. Dass ihm hierfür der Tariflohn zusteht, gehört auch dazu.

In der Regel, so Jesse, werde die Hälfte der drei Jahre gearbeitet und in der anderen Hälfte die Welt kennen gelernt. Der 24jährige Zimmerer ist voller Neugierde und Freude auf das Arbeiten sowie Leben in der Fremde. Verbunden mit der Möglichkeit weiter Reisen für Jesse die optimale Kombination.

Das Gespräch mit dem Quartett zeigt, dass sich mit ihrer Entscheidung, sich auf die Walz zu begeben, alle einen Traum verwirklicht haben, den sie teils schon zu Beginn ihrer Lehrzeit hatten. Aber auch die vielfältigen beruflichen Erfahrungen, die persönliche Entwicklung und die menschlichen Kontakte und Begegnungen werden von allen als außerordentlich bedeutsam hervorgehoben und beschrieben. „Es ist schon toll, was man während der Wanderung an Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft erfährt. Und es gibt so viele Dinge, die man machen kann, sofern man die Augen offen hält“, zeigt sich das Quartett überzeugt, in der Hoffnung, über die Wanderschaft auch viele Inspirationen für das weitere berufliche Fortkommen zu erhalten. Die Wanderroute steht übrigens bei keinem fest. Es gilt der Leitspruch: „Wo es Arbeit gibt, da wird geblieben.“ Natürlich sind alle ein bisschen traurig, fern von ihren Familien und Freunden zu sein. Doch über den Bannkreis werde nicht viel nachgedacht. Außerdem werde überwiegend ganz altmodisch per Brief, da Handys tabu sind, der Kontakt zu den Lieben daheim gehalten.

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