SERIE KRIEGSENDE UND NEUANFANG (TEIL 3): Heinz Bischoff und Familie finden eine neue Heimat

Vertriebene erreichen Eissel

Zu sehen sind auf dem Hochzeitsfoto von 1948 die Mutter (1) von Heinz Bischoff und seine Schwester Rosemarie (2). Es ist auf der Hochzeit von Hanne und Heinz Schröder, aus der gleichnamigen Gaststätte in Eissel.
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Zu sehen sind auf dem Hochzeitsfoto von 1948 die Mutter (1) von Heinz Bischoff und seine Schwester Rosemarie (2). Es ist auf der Hochzeit von Hanne und Heinz Schröder, aus der gleichnamigen Gaststätte in Eissel.

Verden – Der Zweite Weltkrieg war vorbei, die deutsche Bevölkerung musste die Ostgebiete, darunter auch Niederschlesien, räumen und wurde ausgewiesen. Für Heinz Bischoff, damals elf Jahre alt, ging es per Zug in den Westen. Mit ihm im Viehwaggon seine Mutter und die fünf Jahre jüngere Schwester Rosemarie. Außerdem weitere Verwandte und Anwohner, insgesamt 60 Personen, aus der Cochiusstraße. Erste Station war das Grenzdurchgangslager Friedland. Teil 3 der Serie:

An die Zeit im Lager kann sich Bischoff noch genau erinnern, allerdings nicht mehr genau, wie lange er und die weiteren Bewohner aus der Cochiusstraße dort ausharren mussten. „Knapp eine Woche“, so glaubt Bischoff. Wahrscheinlich eher kürzer, denn der Platz war knapp. „Wir haben in einer Halle gewohnt, die Kinder waren für sich, die Erwachsenen auch. Immer mehr Menschen kamen in dem Lager an. Es wurde immer voller und voller“, erzählt der 85-Jährige. Die Menschen waren froh, wenn sie das Lager verlassen durften. Für die Waldenburger sollte es weiter in Richtung Eissel, nach Verden gehen. „Wir hatten den Ort nie zuvor gehört, warum auch“, erzählt Bischoff, und muss dazu ein wenig schmunzeln. Die Erinnerungen, so ist bei dem Gespräch zu spüren, kommen schnell zurück. Und so sieht Bischoff die Waldenburger in einen Bus steigen. „Das Ziel, so meine ich, wurde uns gar nicht genannt. Aber vielleicht wussten es die Erwachsenen und haben es uns nicht erzählt. Oder auch nicht richtig verstanden.“ Vielleicht war es für viele auch gar nicht mehr wichtig. Hauptsache, irgendwo ankommen und endlich bleiben können.

Von Friedland bis Verden, etwa 220 Kilometer, was geht in einem elfjährigen Jungen vor, der mit Mutter und Schwester in eine ungewisse Zukunft fährt. Der Vater noch in Kriegsgefangenschaft, das Land am Boden. „Wir Kinder haben auch da die Ausweisung immer noch nicht richtig wahrgenommen, es ist keine schlimme Erinnerung“, schildert Bischoff die Fahrt. Mit im Bus sitzen zudem seine Freunde, sein Cousin Wolfgang Förster, dessen Bruder Klaus und Horst Fritzsch, auch ein enger Freund von Bischoff. Also wurde geredet und sicherlich bei den Kindern auch gemeinsam gelacht.

Und so rumpelte der Bus nach stundenlanger Fahrt durch Verden auf die Ortschaft Eissel zu. Dort, so hat Heinz Bischoff später erfahren, war die Bevölkerung auf die Zuwanderer vorbereitet. Das Dorf war auf den Beinen, als die Waldenburger um die Ecke bogen und sich kurz darauf die Türen des Busses öffneten. An die erste Begegnung kann sich Bischoff noch ganz genau erinnern und muss, wenn er es erzählt, lachen. Ein sympathisches Lachen, das sein Gesicht in Falten legt: „Die Tür ging auf, ich stieg mit meiner Mutter und meiner Schwester aus dem Bus, als wir, vermutlich, freundlich von offizieller Seite begrüßt wurden. Vermutlich deshalb, weil meine Mutter und ich kein Wort verstanden haben.“ Das hatte seinen Grund, denn, wie sollte es anders sein, der Eisseler spricht platt. Das war zunächst nichts für die Ohren des Elfjährigen, der in einer größeren Stadt in Niederschlesien aufgewachsen ist und gepflegtes Hochdeutsch sprach. Heinz Bischoff machte sich schon mit dem Gedanken an eine weitere Fahrt vertraut: „Hier sind wir nicht richtig, hier versteht uns doch keiner“, wandte sich der Junge an seine Mutter.

Was zunächst ein wenig holprig schien, sollte dennoch in die Gänge kommen. „Es gab im Dorf einen Flüchtlingsberater, der schnell schaltete und uns auf hochdeutsch ansprach“, erzählt Bischoff. Auch wenn sich angesichts der herrschenden Not die Begeisterung im Dorf sicherlich in Grenzen hielt, die Eisseler ließen es die Waldenburger nicht spüren. „Ich habe da keinerlei Distanz oder Abneigung gemerkt“, so Bischoff rückblickend. Und so wurden die Familien auf die einzelnen Höfe verteilt. Bischoffs kamen bei Schröders, im örtlichen Gasthaus unter. Aber einige Waldenburger aus der Cocchiusstraße landeten sogar in Dörverden. Da musste noch mal verhandelt werden.

• Im nächsten Teil: Leben in Eissel. Freundschaften und Ausflüge

Info

Heinz Bischoff hat nach der Ausweisung seiner Familie aus Schlesien bis in die 1950er-Jahre in der Ortschaft Eissel in Verden gelebt. In einer kleinen Serie schildert er seine Erlebnisse. Heute lebt Bischoff in Uphusen. Günter Palm, ebenfalls in Eissel aufgewachsen und auch Verfasser der Dorfchronik Eissel, arbeitet an einem Buch, in dem das Zeitgeschehen aus der Epoche des Dorfes ausführlich aufgearbeitet werden soll. In den Nachkriegsjahren zählte Eissel 307 Einwohner, davon 169 Einheimische und 138 Flüchtlinge. Stand 1948.

Von Markus Wienken

In den Erinnerungen blättern: In der Eisseler Dorfchronik findet Heinz Bischoff ein bekanntes Bild.

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