Forscherin aus Ostfriesland stößt auf Dokumente aus dem späten Mittelalter

Verdens Piratengeschichte

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Der Mühlenteich in Dauelsen ist heute ein idyllisches Plätzchen. Am Abfluss in den Halsebach ist der ideale Ort für eine Wassermühle. Hier soll Gödeke Michels Gut gelegen haben.

Verden - Das Oldenburger Wunderhorn ist spektakuläre spätmittelalterliche Goldschmiedekunst. Legenden ranken sich darum und das Kleinod bietet viele Ansätze für die Forschung. Für Gudrun Anne Dekker aus der ostfriesischen Stadt Norden waren ihre Entdeckungen über das hochverzierte Trinkgefäß eher ein Nebenprodukt. Sie stieß darauf bei ihren Nachforschungen über den Freibeuter Klaus Störtebeker und fand sich plötzlich ganz tief in der Verdener Geschichte wieder.

Seit zwei Jahrzehnten, so berichtet die Autorin aus Norden, forscht sie in Archiven, alten Dokumenten und Registern nach der Geschichte des Piraten, der zumindest mit den Verdener Traditionen so eng verbunden ist. Gudrun Anne Dekkers Interesse geht da weiter. Die Historikerin sucht nach der realen Person und ihrer Geschichte, die im Jahr 1400 auf dem Hamburger Grasbrook ein jähes Ende fand.

Derselbe Henker wie bei Störtebeker namens Rosenfeld habe ein Jahr später auch Gödeke Michel dort den Kopf vom Halse getrennt, schreibt die Historikerin. Sie berichtigt den Namen, der sich in der Verdener Tradition eingebürgert hat. „Gödeke Michaels“ müsse es heißen. Der Kumpan des berühmten Piraten habe seinem Nachnamen nach dem Herkunftsort seiner Frau „aus dem Stamm Borgwardt“ gewählt: Michaelsdorf an der Ostsee. Er sei etliche Male mit Störtebeker zusammengetroffen „und bildete mit ihm zeitweise einen gemeinsamen raubenden Seeverband“.

„Ritter Gödeke Michaels“

Den „Ritter Gödeke Michaels“ hatte die ehemalige Lehrerin Dekkers gleich dreimal in den figürlichen Darstellungen des Wunderhorns entdeckt. „So wird er dargestellt als Magister mit seinen Büchern, als Schiffsführer mit einem Riemen, aber auch als Hochzeitsgast.“ Sie berichtet darüber in ihrer jüngsten Veröffentlichung „‘Oldenburger Wunderhorn’: Geheimnis nach 600 Jahren enträtselt“. (Verlag: Books on Demand; ISBN-13: 978-3744869980) Hauptquelle für die Entdeckungen sei eine handschriftliche Chronik des Bremers Johann Renner. Die hatten Verwandte nach seinem Tod 1583 dem Bremer Rat übergeben. Erst Ende des vergangenen Jahrtausends wurde sie in der Uni-Bibliothek Bremen wiederentdeckt und 1995 von Lieselotte Klink herausgegeben.

Als die Autorin dafür dem Namen nachging, landete sie zwangsläufig in Verdens Geschichte. Der Vertreter des niederen Adels so berichtet sie, habe 1388 dem Erzbischof von Verden, Johann II. von Zesterfleht, sein halbes Gut mit Wassermühle und Weiden verkauft. „...eine andere Hälfte ging an die Stadt Verden“, schreibt Dekker. Die Wassermühle lokalisierte sie in Halsmühlen, „wo der Mühlenweg nördlich auf die Brücke über den Halsebach stieß“. Also ziemlich genau am Dauelser Mühlenteich.

Begegnung mit Störtebeker

Nach dem Verkauf der Liegenschaft, so die Forscherin, habe sich Gödeke Michaels – „aus dem Stamm der ,Wessels’“, schreibt Dekker – ein Schiff gekauft und sich zunächst als ehrbarer Seefahrer betätigt. Im Zusammenhang mit einem Zwist der Städte Wismar und Rostock habe er, wie viele andere auch, einen Kaperbrief erhalten und sich dem raueren Gewerbe zugewandt. Da sei es wohl auchzu den Begegnungen mit Störtebeker gekommen.

Für die Nordener Geschichtsforscherin schließt sich an diesem Punkt der Kreis. Über eine nähere Verbindung der Stadt Verden mit dem Piraten Klaus Störtebeker hat sie allerdings keine Entdeckungen gemacht. Den Geschichten über gespendete Domfenster sowie die Lätare-Spende mit Brot und Fisch für die Bediensteten und die Armen der Stadt kann Gudrun Anne Dekker keine historischen Fakten beisteuern.

Gudrun Anne Dekkers neues Buch wirft auch Schlaglichter auf Verden und seine Legenden.

Aber als von Halsmühlen und dem Sachsenhain die Rede war, tauchten bei der geschichtsinteressierten Nordenerin gleich auch Bilder aus einer ganz anderen Zeit vor den Augen auf. Die Sachsenkriege Karl des Großen und das Blutgericht. Sie hält es für möglich, dass die legendäre Massenhinrichtung der Sachsen genau dort stattfand, wo Gödeke Michel sein Gut hatte, am Dauelser Mühlenteich.

kle

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