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Verdener und Achimer Einzelhandel goes online

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Von: Manfred Brodt

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Kassenbereich mit großem Tablet.
Auch „Vivaldi“ ist in der Verdener Kinderwelt von Carmen Witte online zu haben. © Brodt, Manfred

Kleine Geschäfte brauchen zweites Standbein. In Verden und Achim haben sich einige Internet-Pioniere etabliert.

Verden/Achim - Ortskerne kleiner und mittlerer Städte verkommen oft genug. Geschäftsleerstände, zugeklebte Schaufenster, mit Brettern vernagelte Türen und die „üblichen Verdächtigen“ wie Spelunke und Spielhalle. Wie auch jüngere Untersuchungen belegen, ist das insbesondere der Fall, wenn der Ortskern ohnehin nicht besonders attraktiv ist, nicht zum Besuch und Bummeln einlädt, wenn in der Nähe ein mächtiger Konkurrent in Form einer Großstadt oder eines Einkaufszentrums „auf der Wiese“ sich befindet. Auch der Onlinehandel macht den kleinen Geschäften arg zu schaffen, der mittlerweile auch bei den Deutschen sehr beliebt ist, die von Amazon bis Zalando sich munter Pakete schicken lassen und sie oft genug zurücksenden. Strukturell und baulich benachteiligte Orte geraten durch aufgebende Geschäfte in eine weitere Abwärtsspirale.

Für den bedrohten innerstädtischen Einzelhandel lautet jedoch nicht die Devise, den Onlinehandel zu verteufeln, sondern ihn selbst zu nutzen, wie die Wirtschaftsförderung des Landkreises Verden 2020 und die Industrie- und Handelskammer Niedersachsen nach einer Umfrage zur Digitalisierung im Einzelhandel vom Herbst vorigen Jahres festgestellt haben. Danach bleibt das stationäre Geschäft der wichtigste Vertriebskanal der kleinen Läden, aber immerhin betreibt schon jeder vierte der befragten 140 Einzelhändler einen Online-Shop. Dieses zweite Standbein sei gerade für die Innenstadtgeschäfte wichtig, da viele der in Innenstädten verkauften Waren auch im Onlinehandel größerer Konkurrenten zu beziehen seien, stellt die IHK fest.

Frau im kleinen Laden
Heike Bischoff im „Fachwerk“: Auch vom Sofa aus sich alles in Ruhe ansehen. © Brodt

Mittlerweile sind das unumstrittene Erkenntnise, die allerdings in der Geschäftswelt außerhalb der großen Online-Händler und der bundesweiten Geschäftsketten bis jetzt nur unzureichend umgesetzt werden. Da ist noch viel Luft nach oben bei den kleinen, von Inhabern geführten Geschäften.

Aber es existieren im Landkreis Verden auch Einzelhändler und Einzelhändlerinnen, die hier die Zeichen der Zeit erkannt haben.

Zum Beispiel „Das Kinderparadies“ in Verden, wo von der Eisenbahn, Rennbahn und dem Kuschelhund über das Puzzle, den Lesebär und die Kleine Raupe Nimmersatt bis zu dem Ritterschwert, der Wikinger Axt und Grimms Märchen fast alles zu finden ist, was das Kinderherz begehren könnte. Stationär und online.

Inhaberin Carmen Witte ist während des Corona-Lockdowns online mit Click and collect, also bestellen und abholen, gegangen und bis heute dort geblieben.

„Ohne die Verzahnung vom Verkauf im Geschäft und über das Internet geht es heute nicht mehr“, ist sie sich zumindest für ihr Geschäftsfeld sicher. Dabei geht es nicht nur ums Verkaufen. Die möglichen Kunden können sich auf ihrer Homepage auch über ihre Artikel informieren, sie sich anschauen, ohne weite Wege und Zeit zum Geschäftsbesuch auf sich nehmen zu müssen.

Und natürlich wird dann auch oft genug virtuell etwas in den Einkaufswagen geworfen und an der Onlinekasse bezahlt. Immerhin 1 000 Bestellungen waren das im letzten Jahr, auch wenn der Verkauf im realen Laden das Kerngeschäft ausmacht.

Mann hinter Legofiguren.
Alles Lego bei Sebastian Kirsts Kiseba in Achim. Auch das kleinste Teilchen, das der Liebhaber begehrt. © Brodt, Manfred

Online gekaufte Artikel können im Verdener „Kinderparadies“ abgeholt oder auch an die vom Kunden gewünschte Adresse geschickt werden. Beispielsweise, wenn die Oma aus Kiel der Enkelin in Verden etwas schenken will. Beispielsweise bei sperrigen Artikeln wie einem Bollerwagen oder einem Trampolin. Gut wenn man die nicht durch die Verdener Fußgängerzone schleppen und ins Auto hieven muss.

Carmen Witte hat eine Begebenheit nicht vergessen: Ein Handelsvertreter aus Indonesien war geschäftlich in Verden unterwegs und suchte für sein Kind zu Hause ein Eichhörchen aus der Familie der Sylvanian Family. Aber was ist das richtige, das das Kind noch nicht hat? Kein Problem. Zusammen mit seiner Frau, sie in Indonesien, er in Verden, schauten sie sich die niedlichen Tierchen online an, er kaufte im Verdener Laden und nahm das Eichhörnchen nach Südostasien mit.

Die Corona-Situation brachte auch Heike Bischoff in Achim an der Verdener Straße mit ihrem Lädchen „Fachwerk – Besonders Schenken“ dazu, die Online-Vertriebsschiene zu nutzen. „Andernfalls hätte ich den Laden schließen müssen“, erzählt sie. Zusammen mit ihrer Familie fotografierte sie am Küchentisch die vielen Präsente und Beschreibungen der Artikel und transportierte sie ins World-Wide- Web.

Bis heute ist sie in der virtuellen Welt geblieben und wünscht den Nutzern „viel Spaß beim Stöbern und Shoppen auf den nächsten Seiten.“ So können sie jetzt nicht nur Geschirr, Handtaschen oder Schmuck anschauen, sondern auch etwas Nettes zu Ostern, Schilder mit Lebensweisheiten oder Gläschen mit erlesener Marmelade auswählen.

„Die Kunden können sich am Wochenende vom Sofa aus unser Sortiment ansehen und dann bestellen“, beschreibt die Inhaberin diese Ergänzung. Kunden können sich den in Ruhe ausgewählten Artikel im „Fachwerk“ abholen oder deuschlandweit zuschicken lassen.

„So ein Onlineshop ist aber mit viel Arbeit verbunden, wenn er laufen soll“, erzählt Heike Bischoff, die auch Facebook, Instagram und Whatsapp „bespielt“. „Ich muss die Artikel fotografieren, online stellen und auf die vorhandene Stückzahl achten.“ Sie ist gelernte Schaugewerbestellerin und inszeniert so selbst die Artikel und verbindet ihre persönliche Note damit.

Diese Arbeit hat eine Buchhandlung wie zum Beispiel „Vielseitig“ in Verden nicht. Die Verlage stellen die Ansichten und Kurzbeschreibungen der Bücher und auch Autoren zur Verfügung. Ein Buch als Geschenk lässt sich portofrei zustellen und natürlich auch übers Internet verschicken, wie Vielseitig-Mitinhaberin Kristine Westphal betont. Gutschein online bezahlen, verschicken und einlösen. Weltweit.

Für Sebastian Kirst, der seinen Laden „Kiseba“ in der Straße Zum Achimer Bahnhof führt, stellte sich nie die Frage, ob er online geht. Das macht er jetzt schon im zehnten Jahr. „Das ist meiner Ware geschuldet“, sagt er. Er bietet Lego-Teile an, Figuren, Häuser, Autos, Flugzeuge und anderes, komplett oder nur einzelne Bausteine. Second-hand-Ware ist es in der Regel. Spezielles.

Der Onlinehandel macht bei ihm bis zu 90 Prozent seides Umsatzes aus. „Der Laden ist nur ein Zubrot“, sagt der Achimer. Diese Kunden kommen aus Achim, Oyten und Bremen. Die Online-Kunden je zur Hälfte aus Deutschland und aus dem Ausland. Vor allem aus Europa, Nord- und Südamerika und auch Asien. „Überall, wo das Geld ist, wo die Menschen Geld für diese Liebhaberei haben“.

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