Frauenquote zum Frühstück

Bernd Michallik gibt SPD-Kreisvorsitz ab: Politische Debatten in der Küche

Ehepaar im Garten
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Lebhafte Diskussionen zu politischen Themen: Andrea und Bernd Michallik. Den kommenden Sonnabend dürfte sie rot im Kalender anstreichen.

Langwedel/Landkreis – Da war sie wieder, jene Debatte, die sich quer durch alle Gesellschaftsschichten zieht. Im Hause Michallik gern auch mal quer über den Frühstückstisch. Andrea Michallik pflegt den Finger in die Wunde zu legen. Im Kreisfrauenrat bekleidet sie das Amt der stellvertretenden Vorsitzenden. Diesmal ist es die Kommunalwahl, die die Gemüter bewegt.

Ihres besonders, und ihr Vorwurf zielt in Richtung der zweiten Hälfte des Ehepaares. „Ihr habt betont, die Frauenquote muss steigen. Aber dann zieht die SPD-Fraktion mit nur einer einzigen Frau in den Langwedeler Gemeinderat ein. Unter zehn Fraktionsmitgliedern nur eine Frau.“ Worte, die zwischen Brötchen, Butter und Marmelade wie Wurfgeschosse ankommen. Selbstverständlich fühlt sich auf der anderen Seite des Küchentisches der Ortsvereinsvorsitzende angesprochen, wahrscheinlich sogar angegriffen. Bernd Michallik (76) verteidigt das Ergebnis. „Stimmt schon, aber Kommunalwahlen sind Direktwahlen. Da sind eben Männer gewählt worden.“ Sätze, die vielleicht das Geschehen erklären, vielleicht sogar die Schärfe aus der Diskussion nehmen. Beendet indes ist die Debatte nicht. „Es geht doch um die Rahmenbedingungen, die endlich auch auf die Ansprüche von Frauen zugeschnitten sein müssen.“

Den kommenden Sonnabend dürfte Andrea Michallik rot im Kalender anstreichen. Denn dann geschieht genau das, was sie nicht müde wird zu fordern. Eine Frau tritt an die Spitze der Kreis-SPD, ein Mann ebnet dafür den Weg. Eine Lösung sozusagen vom Frühstückstisch. Es ist ihr Mann. Bernd Michallik macht seine Ankündigung wahr, das Amt des Vorsitzenden abzugeben, ein Jahr später als von ihm ursprünglich geplant, wie er sagt, aus Altersgründen, wie er sagt, und er selbst hat Dr. Dörte Liebetruth als Nachfolgerin vorgeschlagen. Die Landtagsabgeordnete aus Kirchlinteln darf sich inzwischen der Rückendeckung des Gesamtvorstandes gewiss sein, was ein wichtiger Fingerzeig ist, aber das letzte Wort haben im Achimer Kasch die Mitglieder.

Eine ungewöhnliche Konstellation strebt damit dem Ende entgegen. Ein Sparkassen-Direktor als SPD-Vorsitzender? Das Kapital einerseits und eine soziale und gerechte Ausrichtung andererseits in einer Person – geht das überhaupt? Wie konnte dieser Widerspruch in sich, wie konnte er ein Jahrzehnt unbeschadet überleben, das er nun schon währt? Bernd Michallik schmunzelt. Ihn überrasche diese Frage nicht, sagt er, er habe sich darauf vorbereitet, er gibt Folgendes zu Protokoll: „Sparkassen sind etwas anderes als Großbanken. 60 bis 70 Prozent der Gesamtbevölkerung sind Kunden der Sparkasse, weite Kreise also. Ich hab‘ bei unseren Mitarbeitern dafür geworben, mit Verständnis zu reagieren, hat mal wieder jemand das Konto überzogen. Man kann als Bank-Mitarbeiter bei finanziellen Schieflagen der Kunden natürlich auch mit bösen Worten arbeiten, bei Schieflagen, die sie manchmal nicht selbst zu verantworten haben, etwa bei Insolvenzen der Arbeitgeber. Ich habe mich deshalb für eine großzügigere Umgangsform ausgesprochen.“ Geschadet hat es der Sparkasse offenbar nicht. Das Görlitzer Institut, für das Michallik anderthalb Jahrzehnte Verantwortung trug, zähle zu den ertragsreichsten der fünf neuen Bundesländer.

Allerdings, er räume es ein, sagt Michallik, „so richtig passen Sparkassen-Verantwortung und politisches Mandat nicht zusammen, im Gegenteil, sie schließen sich aus.“ Auf bemerkenswert verschlungene Art beeinflusste das Kreditinstitut dennoch die politischen Ambitionen, die er sich erlaubte. Mal stoppte der Job jegliches Parteienengagement, mal beflügelte er die Partei-Laufbahn sogar. Eines aber ist geblieben. Das Parteibuch, das sie ihm in seiner hannoverschen Heimat vor 52 Jahren feierlich überreichten, das hält er in Ehren, wie er sagt.

Am besten zu verbinden vermochte er Arbeit und Politik noch in den 80er-Jahren. Nach Bremen hatte es ihn verschlagen, als Kreditdirektor des Bankvereins übernahm er Verantwortung, in Langwedel wurden sie sesshaft, in Ortspolitik und Ortsvereinen engagierte er sich, unter anderem als Vorsitzender der Daverdener Tennisabteilung. Die ehrenamtliche Tätigkeit endete abrupt mit der Grenzöffnung. 16 Jahre und bis zum Eintritt ins Pensionärsleben führte Michallik die Sparkasse Görlitz. Und nun? Wieder spielte der Job eine große Rolle. Wer bei der Sparkasse arbeitet, muss schon gehörige Kraft aufbringen, will er nicht bei nächster Gelegenheit in seinem Verein das Ehrenamt des Kassenwartes mit nach Hause nehmen. Ihm stülpten sie das Amt des Finanzvorstands im SPD-Kreisverband Verden über. Als dann Vorsitzende Gwendolin Jungblut ausschied, führte Michallik den Kreisverband zunächst kommissarisch. „Es traf mich einigermaßen unvorbereitet.“ Später vereinigte er Mehrheiten auf sich. „Als Rentner hatte ich Zeit. Das war nicht das Problem.“

Den inneren Zusammenhalt der SPD zu sichern, das sei ihm das Wichtigste über all die Jahre gewesen. „Bloß kein offener Streit“, sagt Michallik, „das schätzt der Wähler nicht.“ Hart diskutiert wurde dennoch, sagt er, aber am Ende fanden die Genossen eine einheitliche Linie. Auch den Blick über Parteigrenzen scheute er nicht. Schon in Görlitz nicht, wo er mit dem CDU-Landrat eine langjährige Freundschaft schloss. „Beim ersten Besuch stellte ich mein Auto vor dem Landratsamt ab. Als ich zurückkehrte, lag der Staub drei Zentimeter dick auf dem Fahrzeuglack.“ Die Region Weißwasser galt damals noch als Kohleabbaugebiet. Gemeinsam sei es gelungen, die Sparkassen in Sachsen zu kommunalen Instituten zu formen, gegen den Willen der Landesregierung, die ein Landesbanken-Modell favorisierte.

Auch im Kreis Verden scheute er vor christdemokratischen Kreisen nicht zurück. „Wir arbeiten gut zusammen.“ Als wichtigstes gemeinsames Projekt, gestützt vom SPD-Landrat, nennt er den Erhalt der Aller-Weser-Klinik mit dem jetzigen Neubau. Geschadet hat die Nähe zum größten politischen Gegner offenbar nicht. „Bei der Bundestagswahl haben wir erstmals in allen Kommunen des Landkreises die Mehrheit auf uns vereint, sogar in Kirchlinteln. Bei den Zweitstimmen zumindest.“ Dieses Ergebnis sei ein guter Anlass, den Kreisvorsitz in jüngere Hände zu geben.

Aus der Politik verabschieden wird er sich jedoch nicht. Zwar gehörte er nie zu den Zugpferden der SPD, nie zu den großen Stimmensammlern bei Wahlen, wie auch, immerhin war er anderthalb Jahrzehnte von der Bildfläche verschwunden. Außerdem sei es sowieso schwer für Menschen, die nicht in der Region groß geworden sind, in der sie kandidieren. Dennoch stand sein Name vor fünf Jahren wieder auf dem Stimmzettel, und siehe da, er zog in den Gemeinderat ein. Ortsvereinsvorsitzender in Langwedel ist er ebenfalls. Und stellvertretender Kreisvorsitzender, okay, auch für dieses Amt kandidiere er.

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