Erneuerbare Energien

Beim Strom ist der Landkreis Verden fast klimaneutral

Weiter ansteigend: Die Erneuerbaren Energien im Landkreis Verden. Grafik: Kreiszeitung
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Weiter ansteigend: Die Erneuerbaren Energien im Landkreis Verden. Grafik: Kreiszeitung

Verden/Achim – Eine Region entdeckt den Solar-Strom für sich und verdankt der Windenergie das Annähern an eine nächste historische Hürde. Auf bemerkenswerte 92 Prozent kletterte die Eigenversorgung des Landkreises Verden mit Erneuerbaren Energien im zurückliegenden Jahr. Das ergab eine Recherche unserer Zeitung bei den Netzbetreibern zwischen Ottersberg und Dörverden.

Demzufolge ist die Quote innerhalb nur eines Jahres um bemerkenswerte 15 Prozent gestiegen. Und nicht unwahrscheinlich, dass bereits im laufenden Jahr zumindest rechnerisch der komplette Strombedarf des Landkreises Verden aus den vielen hundert kleinen und großen Energieerzeugern der Region gedeckt wird. Bundesweit liegt die Eigenversorgung laut Wirtschaftsministerium bei 46 Prozent.

Allerdings nimmt den Erhebungen zufolge nicht nur die Einspeisung von vor allem Windenergie und Solarenergie zu, es bewegt sich gleichzeitig der Strombedarf nach unten. Flossen im Jahr 2019 noch 502 Millionen Kilowattstunden im Landkreis Verden in die Steckdosen der Endverbraucher in Firmen und privaten Haushalten, so waren es vergangenes Jahr lediglich noch 486 Millionen, ein Rückgang immerhin um drei Prozent. „Der Einsatz ernergiesparender Maßnahmen wie effektiver arbeitender Geräte und LED-Lampen zahlt sich aus“, bestätigt etwa der Verdener Stadtwerke-Geschäftsführer Jochen Weiland. War vor wenigen Jahren noch der durchschnittliche Vier-Personen-Haushalt auf rund 4000 verbrauchter Kilowattstunden innerhalb von zwölf Monaten taxiert, so dürfte die Otto-Normal-Familie inzwischen mit gut 3500 Kilowattstunden auskommen. Auch viele Firmen investieren in den Einsatz effizienterer Maschinen.

Die Stadtwerke Verden und Bauunternehmer Buschmann entwickeln gemeinsam einen Solarpark in Hutbergen. Ein Selbstläufer ist das nicht mehr.

In der Bevölkerung setzt sich den Erhebungen zufolge aber nicht nur das Energiesparen durch. Klimaschutz ganz allgemein erfasst weite Kreise. Wer Strom zukaufen muss, und wer gehört nicht dazu, der setzt zunehmend auf die klimaneutrale Komponente. „Wir verzeichnen einen deutlichen Anstieg bei der Nachfrage nach Grünem Strom“, sagt etwa Weiland. Die Stadtwerke können über Umwege sogar selbst aktiv werden. Sie sind beteiligt am Trianel-Windpark vor Borkum.

Der Boom an E-Autos, der mit bemerkenswerten Steigerungen in den vergangenen Monaten zu Buche schlug, vermag der Energie-Bilanz ebenfalls nicht zu schaden. Plötzlich steht sie nicht nur an prägnanter Stelle in der Landschaft herum, die E-Ladesäule, plötzlich wird sie genutzt. „An unseren sechs Ladesäulen haben wir in den vergangenen Monaten bis Mitte 2021 immerhin 819 ,Betankungen‘ registriert“, sagt etwa der Achimer Stadtwerke-Vorstandssprecher Sven Feht, „eine deutliche Steigerung.“ Noch leide die Infrastruktur zwar unter dem Fehlen von Schnellladesäulen, doch dafür beflügelte die Bundesregierung eine nächste sprunghafte Entwicklung. Das Zuhause-Tanken. „Die dazu gehörenden Wallboxen waren durchaus stark nachgefragt“, so Feht. Allein 28 Achim/Oytener Kunden hätten ein solches Gerät geordert, das sonst für vierstellige Beträge erhältlich und jetzt aufgrund der öffentlichen Zuschüsse für wenige hundert Euro zu haben ist.

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Gleichzeitig nimmt die Selbstversorgung mit Strom inzwischen Volkssport-Charakter an. Darauf weisen die Zahlen beispielsweise des Oldenburger Energieversorgers EWE mit einer weiten Abdeckung im Landkreis Verden hin. Wanderten vor drei Jahren noch zehn Prozent der Solar-Energie vom eigenen Dach in die hauseigenen Steckdosen, so sind es jetzt schon zwölf Prozent. Es könnten sogar noch deutlich mehr sein, würden Energiespeicher zu volksnahen Preisen angeboten. „Das rechnet sich noch nicht richtig“, räumt der Verdener Stadtwerke-Chef ein. „Wir haben ein Komplettangebot für Photovoltaik und Speicher auf den Markt gebracht“, sagt Achims Stadtwerke-Chef, „beides sogar zur Miete. Das Interesse war da, allerdings können sich nur wenige für den Speicher erwärmen. Der wirtschaftliche Nutzen ist noch nicht da.“

Ausgebremst wird die Erneuerbare Energie auch an andere Stelle. „Immer mehr konventionelle Kraftwerke werden abgestellt, aber es hapert an der Kompensation durch beispielsweise Windkraft“, so der Achimer Sven Feht, „wir brauchen mehr Vorrangflächen.“ Noch konkreter wird Ralph Montag von der Avacon, die als Netzbetreiber in Kirchlinteln, Dörverden und großen Teilen Thedinghausens unterwegs ist: „Es gibt viele Interessen, aber die Planung hinkt hinterher“, so der Pressesprecher des Helmstedter Unternehmens, „und wenn dann mal Flächen für Windenergie ausgewiesen werden, bildet sich gleich Gegenwind in Form von Bürgerinitiativen.“ Der Wille zur Windenergie sei da, die Finanzmittel seien da, aber es werde nur wenig umgesetzt. „Wir haben einen deutlichen Investitionsstau.“ Spürbar war dieser Trend zum Ende des vergangenen Jahrzehnts, als die Windmüller wegen der neuen Förderrichtlinien deutlich zurücksteckten, erst jetzt belebe sich die Lage wieder ein bisschen. „Von den früheren Steigerungsraten sind wir noch deutlich entfernt.“

Dafür legt der Solarstrom zu. Aber neue Anlagen sind inzwischen alles andere denn ein Selbstläufer. Eine versteckt hinter Hecken liegende Grünfläche nahe des Hönischer Sportplatzes im Verdener Ortsteil Hutbergen. Stadtwerke und Bauunternehmer Detlef Buschmann haben die Wiese gemeinsam unter ihre Fittiche genommen, haben eine Anlage mit 1,8 Megawatt Leistung ins Auge gefasst, „das hat die Dimension von Solaranlagen auf 200 Hausdächern“, so Stadtwerke-Geschäftsführer Weiland. Aber schnell voran kommt das Projekt nicht. Analog zur Windenergie-Förderung werden auch bei Solarparks Auktionen durchgeführt. Wer den geringsten Zuschussbedarf ermittelt, gewinnt. „Die nächste Entscheidung fällt im November“, so Weiland, „wir werden dann Anfang des Jahres wissen, woran wir sind.“ Das Problem jedoch: Die Solarbranche leidet unter Symptomen, die jeder Häuselbauer und jeder Firmenchef inzwischen zur Genüge kennt. Die Preise für Baumaterialien explodieren, wenn denn Materialien überhaupt noch zu haben sind. Weiland: „Wir haben eine erste Ausschreibung durchgeführt, aber wir werden eine zweite folgen lassen müssen. Immer in der Hoffnung, wettbewerbsfähig zu bleiben.“ Eine vage Hoffnung.

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