Großteil der Betriebe fehlt Personal

Jahrelange Versäumnisse: Gewerkschaft attackiert Gastronomen in Verden

Ein Glas Bier wird gezapft.
+
Es fließt zwar wieder, das Bier, aber längst noch nicht in den Mengen wie vor der Pandemie. „In einigen Bereichen haben wir noch Nachholbedarf“, sagt Dehoga-Vorsitzender Gördt Glander.

Im Kreis Verden mangelt es an Personal in der Gastronomie, heißt es vonseiten der zuständigen Gewerkschaft. Bei den derzeit herrschenden Arbeitsbedingungen sollte das niemanden wundern.

Verden – Der Lockdown vorüber, die Gastronomie wieder offen, und dennoch ziehen finstere Wolken über der Branche auf. „Jeder sechste Beschäftigte im Landkreis Verden hat den Job als Koch, Hotelangestellte oder Servicekraft aufgegeben“, sagt Steffen Lübbert von der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) mit Hinweis auf die Zahlen der Arbeitsagentur, „ausgerechnet in der Sommersaison fehlt einem Großteil der Betriebe das Personal, um Gäste bewirten zu können.“

Gördt Glander, Vorsitzender des Dehoga-Kreisverbandes Verden, sieht die Lage differenzierter. „Trifft zwar zu, in einigen Bereichen hat sich das Personal anders orientiert, aber man darf auch nicht vergessen: Sowohl in der Gastronomie als auch in der Hotelerie haben wir die Zahlen etwa aus dem Jahr 2019 noch nicht wieder erreicht.“ Solange die Besucher- oder Übernachtungsresonanz unter dem Niveau der Vor-Pandemiezeiten liege, müsse beim Personaleinsatz mit Augenmaß vorgegangen werden.

„Wir haben im Kreis Verden kein Tourismus-Highlight“

Während sich die Gäste in den großen Urlaubsregionen der Republik die Klinke in die Hand geben und der Run Rekorde feiert, müsse sich ein Landkreis wie Verden eben bescheiden. „Wir haben hier kein Tourismus-Highlight, wir sind beispielsweise auf Kunden aus den weltweit tätigen Verdener Unternehmen angewiesen, und die sind noch nicht wieder da“, so Glander. Allerdings sind die 350.000 Übernachtungen aus dem Jahr 2019 eine Größe, die es zu verteidigen lohne, davon ein Fünftel in Verden.

Aktuell erschwere eine Unwucht bei den Lockerungen auf dem vielgenutzten Weserradweg die Lage. „Die Leute steuern mit dem Fahrrad die Übernachtungsbetriebe entlang des Flusses an, sie lassen ihr Gepäck von den Reiseveranstaltern von Standort zu Standort transportieren. Eine relativ eng einzugrenzende Gästegruppe also. Und dennoch müssen sie vor jedem Einchecken einen negativen Schnelltest absolvieren. Andererseits reicht es bei längerfristigen Hotelaufenthalten, nur alle 72 Stunden einen solchen Test vorzulegen. Und das, obwohl diese Gäste zu Tagesausflügen beispielsweise in die Tourismushochburgen aufbrechen.“ Er, Glander, unterstütze jedenfalls den Vorstoß des Dehoga-Landesverbandes, für Pedalritter auf dem Weserradweg eine Sondergenehmigung zu erwirken.

„Schon vor Corona nicht gerade rosige Arbeitsbedingungen“

Unklar allerdings weiterhin, wohin die Reise beim Personal geht. Gewerkschafter Lübbert macht für den Beschäftigten-Schwund in einer Mitteilung vor allem die Einkommenseinbußen durch die Kurzarbeit verantwortlich. „Gastro- und Hotel-Beschäftigte arbeiten sowieso meist zu geringen Löhnen. Wenn es dann nur noch das deutlich niedrigere Kurzarbeitergeld gibt, wissen viele nicht, wie sie über die Runden kommen sollen.“

Würden die gut ausgebildeten Fachkräfte in Anwalts- oder Arztpraxen die Büroorganisation übernehmen oder in Supermärkten zwei Euro mehr pro Stunde verdienen als in Hotels und Gaststätten, dürfe es niemanden überraschen, dass sich die Menschen neu orientierten, teilt er in einer Pressemitteilung mit. „Schon vor Corona stand das Gastgewerbe nicht gerade für rosige Arbeitsbedingungen. Unbezahlte Überstunden, ein rauer Umgangston und eine hohe Abbruchquote unter Azubis sind nur einige strukturelle Probleme. Die Unternehmen haben es über Jahre versäumt, die Arbeit attraktiver zu machen. Das rächt sich jetzt“, kritisiert Lübbert.

Neu: Newsletter für den Kreis Verden

Im Newsletter unserer Redaktion stellen wir Ihnen aktuelle Inhalte aus dem Landkreis Verden zusammen. Immer samstags um 7:30 Uhr landen auf diese Weise sieben Artikel der vergangenen Woche in Ihrem Mail-Postfach – die Anmeldung ist kostenlos, eine Abmeldung jederzeit aus dem Newsletter heraus möglich.

Dehoga-Vorsitzender Glander wehrt sich gegen die Vorwürfe. „Zuletzt haben wir in jedem Jahr die Löhne angehoben, meist oberhalb der Inflationsrate. Mit Jobs im Büro, etwa als Steuerberatungsgehilfe oder Anwaltsgehilfe, kann die Gastro-Branche mithalten. Und gegenüber dem Handel müssen wir uns ebenfalls nicht verstecken. Auch dort ist in vielen Fällen bis 22 Uhr geöffnet.“ Überstunden gehörten ebenso inzwischen eher zu den Ausnahmefällen.

Arbeitsmarkt in Verden leergefegt, doch Personalstamm besteht noch

Zwar treffe für den Verdener Arbeitsmarkt zu, er sei leergefegt, Internetriese Amazon und Lebensmittel-Lieferservice Hello Fresh hätten viel Personal gezogen, aber ein Grund für eine Untergangsstimmung sei das noch nicht. „Mehr als 80 Prozent der Beschäftigten sind geblieben. Diesen Stamm werden wir Schritt für Schritt ergänzen.“ Hoffnung gebe ihm vor allem der Pandemie-Verlauf, so Glander. „Den Lockdown dürften die Unternehmen mit schmerzhaften Einschnitten zwar, aber sie dürften ihn irgendwie überstanden haben. Gesunde Betriebe werden sich berappeln.“

Dennoch bestehe die Gefahr weiterer Geschäftsschließungen, sie bestehe immer, sagt Glander. Corona jedenfalls sei nicht alleine Schuld. „Wenn tatsächlich irgendwo die Tür zu bleibt, gibt es meist einen zweiten Grund, und der wiegt schwerer und zeichnete sich vielfach schon vor der Pandemie ab.“

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Bob- und Rodelbahn am Königssee schwer beschädigt

Bob- und Rodelbahn am Königssee schwer beschädigt

Meistgelesene Artikel

Für Jahrhundert-Hochwasser gerüstet

Für Jahrhundert-Hochwasser gerüstet

Für Jahrhundert-Hochwasser gerüstet
Ueser Kreuzung wird umgebaut – doch für einen Kreisel reicht es nicht

Ueser Kreuzung wird umgebaut – doch für einen Kreisel reicht es nicht

Ueser Kreuzung wird umgebaut – doch für einen Kreisel reicht es nicht
Feuerwehr holt Reh aus Regenrückhaltebecken

Feuerwehr holt Reh aus Regenrückhaltebecken

Feuerwehr holt Reh aus Regenrückhaltebecken
„Soziales, das ist mein Ding“

„Soziales, das ist mein Ding“

„Soziales, das ist mein Ding“

Kommentare