Führungsstrukturen oft veraltet

Nach Corona: Verdener Firmen drücken Reset-Taste

Mann und Frau im Büro.
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Viele Erfahrungen gesammelt: Min und Claus von Cramer von startklar berichten von ihrer Projektarbeit in verschiedenen Unternehmen.

Verden – „Noch sind viele Unternehmen im Krisenmodus“, sagt Min von Cramer. Für die Mitinhaberin der Verdener Firma startklar geht es jetzt in den Betrieben nicht nur darum, die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise zu überwinden und die Handlungsfähigkeit zu erhalten. Aus EU-geförderten Beratungsprojekten, die startklar bereits seit mehreren Jahren mit mittelständischen Unternehmen in den Landkreisen Verden und Osterholz durchführt, weiß sie auch, dass die Krise nicht nur schlagartig viele Veränderungen und grundsätzliches Umdenken notwendig gemacht hat. Sie habe auch Probleme in den Unternehmensstrukturen sichtbar gemacht.

„Die Verarbeitung hat noch gar nicht angefangen“, stimmt Claus von Cramer seiner Schwester zu, die mit ihm und Dr. Thomas Mill das Beratungsunternehmen leitet. 32 Firmen haben sich vor gut einem Jahr auf die Fortsetzung ihres Projekts „Unikat+“ eingelassen. Sie decken ein breites Spektrum von Branchen und Betriebsgrößen zwischen fünf und 500 Mitarbeitern ab. Es geht darum, Firmen attraktiv zu machen und auf diesem Weg Fachkräfte zu werben und vor allem an das Unternehmen zu binden. Die Umsetzung des Vorhabens war die Weiterführung des Projekts „Unikat“, und der EU beziehungsweise dem Land Niedersachsen eine Förderung mit 360 000 Euro wert. Mit einem kleinen Beitrag hatte sich auch die Wirtschaftsförderung des Landkreises mit ihrer Fachkräfteoffensive beteiligt.

Dann hatte Corona die Arbeit an dem Projekt in manchen Firmen komplett auf Eis gelegt. „Manche Branchen mussten erst einmal ihre Vertriebsstruktur umstellen, wie die Gastronomie etwa. Andere, die Produkte für die Freizeitgestaltung anbieten, konnten plötzlich nicht meht nachkommen, die Aufträge zu erfüllen“, erzählt Min von Cramer, wie unterschiedlich sich die Pandemie auswirkte.

Der Fachkräftemangel ist mit Corona nicht verschwunden, das Problem wird mit dem Durchstarten eher deutlicher. „Es ist schwieriger geworden, Auszubildende zu finden“, sagen von Cramers im Gespräch mit der Zeitung und gleichzeitig beobachten die Geschäftsführer eine geringere Risiko-Bereitschaft in den Unternehmen. „Das ist natürlich die falsche Entwicklung“, ist Claus von Cramer überzeugt. Grundsätzlich hält er es für notwendig, dass die Unternehmen die Bereitschaft entwickeln, sich auf Veränderungen einzustellen. „Da wird noch viel kommen, durch den Klimawandel und andere Faktoren“, ist von Cramer sicher. Die Firmen müssten lernen, offensiver mit diesen Veränderungen umzugehen, nicht nur wegen der wirtschaftlichen Nachwehen der Pandemie.

Die Coronakrise habe Probleme wie diese besonders sichtbar gemacht. „Die alte Schule von Führungsstrukturen geht nicht mehr“, sagt Min von Cramer. Firmen, in denen viele Beschäftigte Verantwortung tragen, hätten sich als handlungsfähiger und in den Details entschlussfreudiger gezeigt. Die Krise habe den Faktor Mensch in den Fokus gerückt. „Der ist in der Vergangenheit oft vernachlässigt worden“, weist die Geschäftsführerin auf mangelnde Aufmerksamkeit für das Wohlfühlen der Mitarbeiter hin.

Die Unternehmensbefragung des Landkreises aus dem Jahr 2020 habe zu Tage gefördert, dass in vielen Unternehmen die Mitarbeiter als knapper werdende Ressource wahrgenommen werden. „Einer der wirkungsvollsten Hebel für die Mitarbeitersicherung ist die Zufriedenheit mit dem Arbeitgeber“, sagt von Cramer. Und wo die Mitarbeiter zufrieden seien, würden nicht nur die bleiben, die schon da sind. Das könne auch zu Bewerbungen führen, wenn sich das herumspricht.

Dies alles will startklar jetzt mit den Folgen der Corona-Krise in den Unternehmen aufarbeiten. Deshalb wollen die Berater ihr Projekt auch verlängern. Der Förderantrag für die Erweiterung um das Modul „Neustart“ ist bereits gestellt. Dabei werden Digitalisierung und die virtuelle Zusammenarbeit in den Unternehmen eine Rolle spielen, aber auch die Widerstandkraft des Unternehmens, wenn sich die Rahmenbedingungen so stark ändern, wie mit der Pandemie.

Dazu sind sechs weitere Monate, bis Ende Juni 2022, geplant. Und die ersten neuen Interessenten gibt es bereits. „Acht weitere Firmen wollen einsteigen. Damit sind es insgesamt 40 Betriebe“, berichtet die Mitinhaberin. Während der Projektlaufzeit soll gleichtzeitig eine Untersuchung durchgeführt werden, damit die Ergebnisse auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können. „Widerstandsfähig in die Zukunft – was Unternehmen aus der Krise gelernt haben“ ist der Arbeitstitel. von Cramer stellt sich auch einen kurzen Abstract für Unternehmen in der Region vor, in dem zielgruppengerecht eine Anleitung zusammengefasst wird: „10 Dinge, die widerstandsfähige, attraktive Arbeitgeber tun sollten“, könnte das dann heißen.

In die Untersuchung sollen neben Entscheiderinnen und Entscheidern aus den Betrieben, auch Beschäftigte und Arbeitsmarktakteure einbezogen werden. Daneben fließen Einschätzungen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Fachbereichen ein.

Aufbauend auf den Ergebnissen der genannten Unternehmensbefragung 2020 werden in der Untersuchung die erarbeiteten Lösungsansätze systematisch gesammelt und so aufbereitet, dass sowohl die Arbeitsmarktakteure als auch die Unternehmen einen Nutzen davon haben und das Projektziel „Stärkung der Attraktivität der Unternehmen in der Region“ trotz Covid-19-Pandemie erreicht werden kann.

Die Wirtschaftsförderung des Landkreises hat dem Kreistag schon einmal empfohlen, die 3000 Euro Kofinanzierung für die Projekterweiterung zu bewilligen.

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