Wandschnitzereien versteigert

Teile des Verdener Domschatzes bei Sotheby‘s

Vier Paravents.
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Der Hammer fiel bei 425 000 Pfund: Die vier hochwertig gearbeiteten Raumteiler, die vor acht Jahren bei Sotheby’s versteigert wurden. Ihre Herkunft wird inzwischen dem Verdener Dom zugeordnet.

Vier Raumteiler waren vor acht Jahren bei Sotheby‘s versteigert worden. Die Suche nach der Herkunft führt in den Dom zu Verden.

Verden – Kurz aufgetaucht waren sie im renommierten Londoner Auktionshaus Sotheby‘s. Perfekt und aufwändig gearbeitete Schnitzwerke, religiöse Motive von Christus am Kreuz und den Aposteln, Darstellungen weltlicher Fürsten bis hin zu Karl dem Großen. Ungewöhnlich hohe Paravents seien es, wie es im Versteigerungskatalog heißt, vier Raumteiler an der Zahl. Aufgerufen war ein Preis von gerne 250 000 englischen Pfund, der Hammer fiel bei 425 000 Pfund, umgerechnet knapp eine halbe Million Euro. Wertvolle Stücke also. Vor genau acht Jahren war das.

Laut Expertise im Katalog seien diese Arbeiten einer der bedeutendsten Kirchen Norddeutschlands zuzuordnen. Auch das ist unbestritten. Kunsthistoriker mutmaßten bisher, die Werke entstammen dem Bremer Dom. Jetzt sind Zweifel aufgekommen. Als deutlich wahrscheinlicher gilt eine Herkunft aus dem Verdener Dom. Demzufolge handelt es sich dabei tatsächlich um Bestandteile des legendären Domschatzes. Und nicht unwahrscheinlich, dass noch andere Exponate, Ringe, goldene Grabbeigaben, vieles mehr, irgendwo schlummern, ohne dass sie zugeordnet wären.

Aufgefallen waren ihm die ungenauen Zeitangaben zu den vier Wandschirmen von Sotheby‘s, sagt der Verdener Ernst Müller. „Ich bin über die Jahreszahlen gestolpert, die einfach nicht zueinander passen wollten.“ Eine aufwändige Recherche später, die ihn durch den ganzen Nordwesten des europäischen Kontinents führte, war er schlauer. „Diese Wandschirme standen über Jahrhunderte im Verdener Dom. Das bestätigten mehrere Experten, die sich des Themas intensiv angenommen haben.“

Wichtige Anhaltspunkte liefert die niederländische Geschichtsforscherin Christel Theunissen von der Uni Nijmwegen. Sie schrieb die Sotheby‘s-Expertise. Demzufolge sind die vier Raumteiler erstmals vor mehr als 150 Jahren im englischen Lanca-shire bezeugt. Der Kunstmäzen Charles Scarisbrick brachte sie in seinem schlossähnlichen Landhaus zur Geltung. Eingebaut wurden die aufwändigen Schnitzereien vom Architekten Augustus Pugin, der als Mitentwerfer des Parlaments in London und Schöpfer der Inneneinrichtung von Schloss Windsor vor rund 160 Jahren Karriere machte. Die Bauarbeiten in Lancashire dauerten den Angaben zufolge von 1836 bis 1848. Vorher waren die Wandschnitzereien aus Bremen nach England verschifft worden, wahrscheinlich trugen die Frachtpapiere einen Bremer Stempel. Sie wurden also der Hansestadt an der Weser zugeschrieben.

Das einzige Problem: Die Bauzeiten im fernen Lanca-shire passen überhaupt nicht zu jenen von Bremen. Sämtliche drei großen Sakralbauten des Nordwesten Deutschlands präsentierten sich vor 200 Jahren in erbärmlichem Zustand, sowohl der Verdener, als auch der Bremer und der Hamburger Dom. Während die Kathedrale unweit des Rolands erst in den 90er-Jahren des 19. Jahrhunderts an der Reihe war, hatte die königlich hannoversche Regierung schon 1828 den Auftrag zur gründlichen Wiederherstellung des Verdener Wahrzeichens erteilt. Der Baumeister Leo Bergmann machte sich an die Arbeit.

Und dann geschah das Ungeheuerliche, wie es in der Originalschrift zu den Kunstdenkmälern der Provinz Hannover aus dem Jahr 1908 heißt: „Was im Dom zu Verden etwa an Altar- und Grabschmuck außen und als Altertümliches in den Grüften sich fand, das hat Bergmann verstanden, verschwinden zu lassen. Man gibt ihm schuld, dass er durch Verkauf nach England sich bereichert habe, und er ist, später zur Rechenschaft gezogen, in Hameln gestorben.“

Eine nächste Bestätigung kommt aus Bremen selbst. „Wir haben uns im Zuge des Textes aus dem Sotheby‘s-Katalog mit den Raumteilern beschäftigt“, wird etwa der Theologe und Experte für die Bremische Kirchengeschichte, Peter Ulrich, zitiert. „Wir sind es nicht. Mit Bremen hat das nichts zu tun. Das wissen wir.“ Dass diese Wangen ursprünglich nach Verden gehören, wundere ihn nicht. Dass sie tatsächlich dem Dom der Allerstadt entstammen, dafür spricht ein nächster Beleg, spricht eines der ältesten Werke im Sakralbau in der Süderstadt. Der Levitenstuhl. Der Sitzplatz für die Geistlichkeit wird dem 14. Jahrhundert zugeschrieben, er ist also 200 Jahre älter als die geschnitzten Wangen. Die Ähnlichkeiten zwischen beiden Exponaten aber fallen bemerkenswert aus. „Form und Maße passen zueinander.“

Den Dom auch zu Hause immer im Blick: „Ich bin über die Jahreszahlen gestolpert, die nicht passen wollten“, sagt der Verdener Ernst Müller. Intensiv recherchierte er die Herkunft der vier Wandsegmente.

Dass der Baumeister Bergmann nicht auch den Levitenstuhl zu Geld gemacht hat, führt Müller nach seinen Recherchen auf einen simplen Grund zurück. „Das wird er sich nicht getraut haben.“ Tatsächlich liegen Belege vor, die Kirchenoberen sind dem diebischen Architekten sehr schnell auf die Schliche gekommen. Wieder die Originalschrift zu den Kunstdenkmälern der Provinz Hannover: „Aus den Gräbern der Bischöfe und Chorherren sind nur die Kostbarkeiten in Verden erhalten geblieben, welche sich in dem Grabe Christophs und Georgs befanden; die nahm der erste Domprediger sofort an sich.“ Klartext: Einiges andere, was bei der Verlegung der Gräber ans Tageslicht kam, verschwand in dunklen Kanälen.

Unklar allerdings auch, wo die vier Wandskulpturen inzwischen geblieben sind. Sotheby‘s verweigert auf Nachfrage jeden Hinweis auf den Käufer. In die Öffentlichkeit gelangten die Werke in den zurückliegenden acht Jahren seit der Versteigerung ebenfalls nicht, jedenfalls ist darüber nichts bekannt. Allerdings käme es keinesfalls überraschend, würden sie irgendwann mal wieder auftauchen. Zweimal war das bisher der Fall.

Der Landsitz in Lancashire ist nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer Schule umgebaut worden. Daraufhin wurden die vier Wandteile erstmals 1961 versteigert. 52 Jahre später kamen sie erneut unter den Hammer. Eines immerhin dürfte feststehen: Die rund 500 Jahre alten Werke waren so teuer, dass sie der Besitzer gewiss pfleglich behandelt.

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