Neuer Glanz für historisches Chorfenster

Im Verdener Dom dem Himmel so nah

Baudezernentin Christina Lippert und Restaurator Johannes Mädebach von der Klosterkammer auf einem Gerüst
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Kritische Prüfung unter der Domkuppel vor dem Antlitz von Jesus Christus: Baudezernentin Christina Lippert und Restaurator Johannes Mädebach von der Klosterkammer nehmen die Schäden auf und überlegen, in welchem Umfang saniert werden muss.

Verden – Bei allem Respekt, aber Christus ist in die Jahre gekommen. Seinen Glaubensbrüdern, den vier Evangelisten, dazu Johannes der Täufer, ergeht es nicht anders. Überall bröckelt der Putz, dazu Risse, Schmutz und Spinnweben, die sich wie Falten durch die Gesichter ziehen. Das soll nicht so bleiben. Aber nicht nur die Gesichter, auch das Drumherum soll in hellem Licht erstrahlen. Wie es sich dem Glauben nach für ein Gotteshaus gehört. Dafür muss das historische Chorfenster im Dom zu Verden komplett überholt werden.

Historisches Chorfenster: In circa 60 Metern Höhe vor dem Bild von Jesus Christus

55 Stufen über vier Etagen, noch acht weitere Tritte über eine schmale Leiter, dann stehen Christina Lippert, Baudezernentin der Klosterkammer Hannover, und Johannes Mädebach, Restaurator der Klosterkammer, vor dem Antlitz von Jesus Christus. Es ist nicht der Himmel, sondern die Kuppel des Doms zu Verden, im mehr als 60 Metern Höhe, wo sich das Duo derzeit bewegt. Das Gesicht Jesu prägt die Rosette des mächtigen Fensterbogens, darunter folgen weitere Figuren des Neuen, dann aus dem Alten Testament, danach Wappen aus der Geschichte des Königreichs Preußen und des Landes Niedersachsen. Bunte Steine, die vor über 100 Jahren, viel Glanz und Licht durchließen. Doch es wird weniger. „Keine Frage, wir müssen dringend handeln und sind froh, dass wir uns an die Arbeit machen dürfen“, sagt Christina Lippert.

Das Gesicht von Jesus prägt die mächtige Rosette des Fensterbogens im Dom zu Verden

An die Arbeit, das heißt zunächst einmal, sämtliche Schäden an dem circa 60 Quadratmeter großen Kunstwerk zu kartieren. Außergewöhnliches in Blei und Glas hatte der Kunstglasmaler Franz Lauterbach im Jahr 1913 in Verden abgeliefert, aus unzähligen Steinen das Puzzle gelegt und das historische Chorfenster geschaffen. Wie lange er gebraucht hat, ist nicht bekannt. Auch nicht, wie viel Steine verbaut wurden. „Bei einem Feuer im Archiv der Klosterkammer Hannover wurden die Unterlagen im Zweiten Weltkrieg vernichtet“, weiß Christina Lippert.

Außergewöhnliches in Blei und Glas hatte der Kunstglasmaler Franz Lauterbach im Jahr 1913 in Verden abgeliefert

Das historische Fenster überstand, wie durch ein Wunder, den Krieg mit zahlreichen Bombenangriffen. „Eine Wand aus Efeu muss damals wie ein Puffer gewirkt und die Druckwellen abgefangen haben“, sucht Johannes Mädebach nach einer Erklärung. Vielleicht hat auch das eine oder andere Gebet geholfen. Fakt ist, das Kunstwerk blieb als einziges Fenster des Gotteshauses heil, wurde anschließend, in den 1950er-Jahren, noch ein wenig aufpoliert. Das war’s aber auch.

Das historische Chorfenster blieb trotz zahlreicher Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg heil

Die Liste der Mängel hat sich in den nachfolgenden Jahrzehnten aufgestaut. Das Blei verzogen, Halterungen aus Eisen korrodiert und aus den Angeln, die bunten Steine angegriffen und von Patina blind, Baudezernentin und Restaurator wissen, was zu tun ist, haben einiges auf dem Zettel. Wird das komplette Fenster ausgebaut? „Soweit wird es wohl nicht kommen, aber einzelne Steine werden wir ersetzen müssen“, so Mädebach.

Risse, Rost und Schmutz, dazu erhebliche Schäden in den Fugen. Ein Jahrhundert hat tiefe Spuren am Verdener Dom hinterlassen.

Verdener Dom: Die Liste der Mängel an dem historischen Fenster hat sich in den Jahrzehnten aufgestaut

Doch damit ist die Arbeit nicht getan. Was im Hause gilt, setzt sich außerhalb fort. Auch da heißt es, noch einmal 55 Stufen und die Leiter hoch. Wieder stehen Lippert und Mädebach vor der Christus-Rosette und sehen einen Berg an Aufgaben vor sich. Frost, Regen, die Stürme eines Jahrhunderts und der Krieg, die Spuren sind unübersehbar. Fugen bröckeln, eine Halterung notdürftig mit Draht gesichert und überall Dreck. „Die Tauben fühlen sich hier wohl“, sagt Christina Lippert. Die Hinterlassenschaft tun dem Bauwerk, schöner Sandstein aus den Brüchen der Porta-Westfalica, nicht gut. Ein Riss zieht sich oberhalb des Mauerwerks bis hin zum Fensterbogen. Notiert ist der Schaden. „Auch da müssen wir etwas unternehmen“, sagt Johannes Mädebach. Er weiß: „Der Wind greift in dieser Höhe voll an, kann das Fenster schon in leichte Schwingungen versetzen.“ Ungewöhnlich ist das zunächst nicht. „Bewegungen in der Fläche sind durchaus möglich, wenn das gesamte System stabil ist.“ Ist es aber nicht mehr. Also muss nicht nur das Fenster, sondern auch das Drumherum gecheckt werden. „Dazu gehören, neben der Fassade, das Maßwerk, die filigranen Steinmetzarbeiten zur Dekoration der Fenster“, erklärt Christina Lippert.

Das historische Chorfenster ist sorgfältig eingepackt.

Dom zu Verden: Schöner Sandstein aus den Brüchen der Porta Westfalica

Ein mühsames Geschäft? Die Baudezernentin und der Restaurator winken ab. Beide sehen das Projekt eher als Glücksfall. Seit Jahren hat Lippert sich für die Sanierung des Chorfensters starkgemacht. Nun ist es endlich soweit. „Hier oben auf dem Gerüst, der Blick auf die Fassade, die Baukunst unserer Vorfahren zu ergründen, nach Spuren suchen, wie in einer solchen Höhe mit besonderer Technik ein Stein auf den anderen gesetzt wurde, das ist nicht nur sehr spannend, sondern auch lehrreich.“

Die Baudezernentin und der Restaurator sehen das Projekt eher als Glücksfall.

Wie lange die Handwerker brauchen werden, die Mängelliste abzuarbeiten, steht noch nicht fest. Der Domstrukturfonds stellt dafür zunächst einmal 220 000 Euro zur Verfügung. Was hingegen fest stehen dürfte: „Ist alles komplett gereinigt und wieder eingebaut, dürfte in den Dom ein für uns ganz unbekanntes, neues Licht fallen“, sagt Christina Lippert.

Auch außen steht ein Gerüst am Verdener Dom, das bis zur Dachrinne reicht, die ebenfalls saniert werden muss.

Die Klosterkammer Hannover zahlt 220.000 Euro für die Sanierung des historischen Chorfensters

Die Klosterkammer Hannover ist eine öffentliche Einrichtung, die das Vermögen von vier öffentlich-rechtlichen Stiftungen – darunter der Domstrukturfonds Verden – verwaltet. Diese sind aus ehemals kirchlichem Vermögen entstanden. Aus den Erträgen unterhält die Klosterkammer mehr als 800 Gebäude, viele davon sind Baudenkmale, und rund 12 000 Kunstobjekte. Circa 2,5 Millionen Euro gib die Kammer für soziale Zwecke aus.

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