Für einige Aufgaben waren 17 Jahre zu kurz

Verdener Ingo Neumann: „Das Podest muss weg“

Mann vor Hausdächern.
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„Wer die Vorgeschichte nicht kennt, kann auch nicht ernsthaft mitentscheiden“: Ingo Neumann über Beschlüsse in der Kommunalpolitik.

Verden – Die Sonntage vor der Wahl verliefen anders, sämtliche Sonntage, und das über drei Monate. Sonntage im Sommer, die nach Ausspannen in der Sonne verlangen, nach Urlaub, nach Erholung. Nicht bei ihm. „Wir haben Info-Veranstaltungen für die neuen Stadtratsbewerber durchgeführt“, sagt Ingo Neumann (53). Info, das heißt für ihn die ganze Geschichte.

Nicht nur das Aktuelle, das kann jeder, es heißt für ihn auch die Vorgeschichte. Und manchmal die Nachgeschichte. In Sachen Podest zum Beispiel, das Podest vor dem Rathaus, die unendliche Story, die einige Male im Jahr Schlagzeilen verursacht. Auch kurz vor dem Abschluss seiner Arbeit nach 17 Jahren im Stadtrat beschäftigt ihn der Betonklotz gegenüber des Glockenspiels. Nur vier Worte hat er dafür übrig, vier allerdings klare Worte: „Das Podest muss weg.“

Aber das Podest ist nicht alles, an dem er zu knabbern hat. Mag ja sein, dass für ihn Ende Oktober die Ratsarbeit endet, dann vielleicht noch der Aufsichtsrats-Vorsitz der Stadthalle, den er im November abzugeben gedenkt, wie er sagt, womit dann endgültig der Schlussstrich gezogen wäre. Aber 17 Jahre, das ist lang, aber eigentlich auch kurz, zu kurz, um alles zu erledigen. In der Kommunalpolitik vor allem, wo alles etwas länger dauert. Stadtrat ist jedenfalls nichts für Ungeduldige. „Ich habe versucht, mich daran zu gewöhnen.“ Und natürlich akzeptiere er, sagt Neumann, Politik braucht Mehrheiten, viele Menschen haben Mitspracherecht, das dauere eben. „Immerhin verwalten wir unser gemeinsames Gut. Da müssen alle gehört werden. Der Ortsrat, der Stadtrat, dann ist Landesrecht einzubauen, und Bundesrecht. Schnell geht das nicht.“ Das nehme er hin. Inzwischen jedenfalls.

Eigentlich komme er aus der entgegengesetzten Richtung. Gemeinsam mit seinem Bruder führt Ingo Neumann ein Unternehmen für gewerbliche Küchen. 35 Mitarbeiter stehen bei ihnen in Lohn und Brot. „In der Firma werden Entscheidungen getroffen. Jetzt. Und sie gelten sofort. Getroffen ist getroffen.“ Ein Gedanke, den er in seinem Ehrenamt komplett vergessen könne. Manchmal vergleicht er den Spagat, den er zwischen Beruf und Berufung zu absolvieren hat, mit dem Autofahren. „In der Firma bist du mit Tempo 180 unterwegs, führst eine Vollbremsung durch, und fährst dann mit Tempo 50 weiter.“ Das sei nervig, besonders für einen wie ihn. Er nennt es nach 17 Jahren „immer noch anstrengend“.

Aber immerhin, er vermag dem Schneckentempo unter der Rathausuhr auch einiges abzugewinnen. „Die kommunale Arbeit hat was Genaues, was Pedantisches. Die Genauigkeit ist die Basis für politische Entschlüsse, die ja immer auch aus Kompromissen resultieren.“ Und aus Mehrheiten, die erstmal gebildet werden wollen. Er näherte sich dieser Genauigkeit auf ungewöhnliche Weise, damals vor 17 Jahren, als er vier Jahre nach seinem Eintritt in die SPD als Nachrücker in den Verdener Stadtrat einzog. Er trug kiloweise Papier nach Hause. „Die städtischen Haushalte habe ich mir genauer angesehen.“ Hunderte Seiten für jedes Jahr, eng mit Zahlen bedruckt, spannend wie ein Telefonbuch. „Dafür sind einige Wochenenden drauf gegangen.“

Eine Basis allerdings, auf die er sich verlassen kann. Ein wandelndes Lexikon nennen ihn einige. Er sagt, viele kennen nicht die ganze Geschichte und könnten deshalb nicht wirklich mitreden. Er nennt Beispiele. Die unsägliche Abkürzung ISEK etwa, das integrierte Stadt-Entwicklungs-Konzept, das in seiner ersten Auflage jetzt zu Ende geht. Mit der Stadtkante zu Ende geht. Wieder so ein Thema. Einige halten die Ideen, die jetzt ans Licht kamen, als zu langweilig, zu unspektakulär. Neumann sieht es anders. Zunächst seien Betonklötze vorgeschlagen. „Quadratisch, praktisch, gut – das hat der Stadtrat gemeinschaftlich abgelehnt.“ Hochhäuser mit Schluchten brauche man nicht. Gewiss, er hatte eine nachhaltigere Lösung vorgeschlagen, gern mit grüner Fassade, aber er könne auch der genehmigten Lösung mit den Stadthäusern einiges abgewinnen. „Optisch ganz nett, keine Bausünde, endlich mal was, was zu Verden passt.“

Aber er wäre nicht der Ingo Neumann, den seine Kollegen aus dem Stadtrat kennen, würde er nicht auch über den Anfang des ISEK referieren. Über den Rathausplatz. Über das Podest. „Weshalb ist der Vorschlag für den Betonklotz überhaupt geboren worden“, pflegt der 53-Jährige zu fragen. Und gibt selbst die Antworten. „Als Bühne? Dann wäre eine Treppe und ein Geländer eingebaut. Als Treffpunkt für Besucher der Stadt? Dann wäre von vornherein an Sitzplätze gedacht.“ Nein, sagt Neumann. Sein historischer Streifzug mündet in einer verblüffenden Antwort: „Das Podest ist für eine mächtige Bronzestatue gedacht. Für den Tempelhüter, der längst vor dem Pferdemuseum steht.“ Die Baupläne seien einfach nicht geändert worden.

Er scheide zwar aus dem Rat aus, sagt Ingo Neumann, aber in einem Punkt bestehe Handlungsbedarf. „In Sachen Podest ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.“ Er freue sich über den schön gestalteten Rathausvorplatz, er hatte mit einem Antrag noch Bäume auf den Weg gebracht, „nicht irgendwelche Blümchen in Balkonkästen, sondern richtige Bäume in großen Kübeln“, jetzt fehle nur noch das Podest, das zu beseitigen sei. Und schon schwirren Begriffe durch die Luft, die nicht den Anschein erwecken, er werde sich gänzlich aus der Kommunalpolitik verabschieden: Spendenaktion, Bürgerbegehren.

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