Bibliothek des Domgymnasiums beherbergt wertvolle Raritäten

Neue Räume für einen bedrohten Schatz

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Der „Atlas Blaeu“ von 1635 zählt zu den herausragendsten Exponaten der Historischen Bibliothek. 

Verden - Von Markus Wienken. Eine schwere Holztür geht auf, zehn Stufen abwärts, eine Kehre auf dem Absatz um 180 Grad und weitere zehn Stufen nach unten. Es ist nicht die Suche nach einem verlorenen Schatz, sondern der Weg durch das Kellergewölbe der Historischen Bibliothek des Domgymnasiums. Aber Schätze gibt es auch hier: „Uralte Bücher, Erstausgaben berühmter Autoren, besondere Drucke“, so Reinhard Nitsche, Betreuer der Einrichtung. „Eine wahre Pracht.“ Doch die ist vergänglich. „Feuchtigkeit und schwankende Temperaturen machen dem Papier zu schaffen. Wir brauchen dringend mehr Platz und vor allem ein besseres Klima.“

Es riecht denn auch ein bisschen muffig in dem Gewölbe, links und rechts stapeln sich in provisorischen Schränken Berge von Heften, alle wohlgeordnet und mit Zettelchen versehen, aber mit einer feinen Staubschicht bedeckt. „Das ist natürlich nicht fachgerecht“, so Nitsche. Ein paar Schritte weiter öffnet sich dem Besucher die eigentliche Bibliothek. Regal reiht sich an Regal, bis unter die Decke mit Büchern in allen Formaten dicht besetzt. So dicht, dass den aufwendig gebundenen Exemplaren die Luft zum Atmen fehlt. „Auch das darf kein Dauerzustand sein“, betont Historiker Hartmut Bösche, einer der ehrenamtlichen Helfer und seit Jahren um den Erhalt der Bestände bemüht.

Feuchtes Klima und Schimmel

Wer sich durch das gesamte Angebot der Bibliothek lesen möchte, der müsste gehörig Sitzfleisch mitbringen. Der historische Bestand zählt bis heute cirka 25 000 Bände, 2 000 davon stammen aus dem 16. Jahrhundert. „Zum Inventar gehören ebenfalls schätzungsweise 10 000 Schulprogrammhefte des 19. Jahrhunderts. „Sie lagern allerdings aus Kapazitätsgründen auf dem Flur der Bibliothek“, so Nitsche.

Mit Blick auf den gesamten Bestand stellt Nitsche der Bibliothek in ein Zeugnis von erheblichem Wert aus. „So dokumentiert die nahezu ausschließlich aus Schenkungen ehemaliger Schüler und Lehrer sowie Verdener Bürger entstandene Sammlung in einmaliger Weise Aspekte der Bildungs- und Kulturgeschichte Verdens und seines Domgymnasiums. Darüber hinaus enthält sie fast vollständig die ältere lokalgeschichtliche Literatur zur Stadt Verden und zum bremisch-verdischen Raum“, weiß Nitsche.

Eine wertvolle Schenkung aus der Sammlung des Landrats Pfannkuche hält Hartmut Bösche in der Hand. Juliane Böcker-Storch, Thomas Müller, Dietrich Haselbach und Oberstudienrat Reinhard Nitsche als Betreuer der Bibliothek sorgen sich um den Bestand (v.l.).

Angesichts der Vielzahl der besonderen Exemplare ist es unmöglich, sämtliche zu benennen. Allerdings gibt es zweifellos einige herausragende Werke, die fachintern und auch fächerübergreifend in der Schule als sogenannte Leuchtturmbücher Verwendung finden. Zu den Schätzen gehört Jakob Bernoullis „Ars Conjectandi“ zu deutsch: Kunst des Vermutens. „Es ist das erste systematische Werk über Wahrscheinlichkeitstheorie“, erklärt Nitsche, selbst Mathematiker. „In ihm beweist Bernoulli erstmals das schwache Gesetz der großen Zahlen, zentraler Bestandteil der Wahrscheinlichkeitsrechnung und immer wieder Thema im Unterricht der Sekundarstufen I und II. Weitere Beispiele für Leuchtturmbücher zieht Nitsche mit Adam Smith „Wealth of Nations“, eine Erstausgabe aus dem Jahr 1776, sowie Rene Descartes „Meditationes de prima Philosophia“, eine erste Ausgabe von 1654, aus dem Regal. Staunend steht der Besucher zudem vor dem prächtigen „Atlas Blaeu“, ein Kartenkunstwerk der berühmten Amsterdamer Druckerei, ebenfalls eine Erstausgabe, gedruckt im Jahr 1635.

So weit, so gut und die ehrenamtlichen Bibliothekare wären angesichts der Vielfalt mit Arbeit bestens versorgt. Doch ihnen läuft die Zeit davon. „Der gesamte historische Bestand steht nicht fachgerecht und ist unter den derzeitigen Bedingungen sehr gefährdet“, so Nitsche. Das bestätigt ihm auch eine Expertise der Leibniz-Bibliothek Hannover.

Hilfe von Landkreis und Klosterkammer

Nitsche ist nicht unbedingt ein Mann der lauten Töne, was seinen Appell allerdings umso dringlicher erscheinen lässt: „Im Zuge des geplanten Um- und Neubaus am Domgymnasium sollte unbedingt an einen Umzug der Bibliothek in größere und klimatisierte Räumlichkeiten gedacht werden.“

Die Klosterkammer hat als überregionale Institution schon Hilfe angeboten. Der Landkreis Verden, Schulträger des Domgymnasiums, ist ebenfalls eingeschaltet und informiert. So will der Kulturausschuss und nachfolgend der Kreistag sich des Themas annehmen. Eine Führung durch die Räumlichkeiten ist geplant. „Wir hoffen, dass unsere Verbesserungsvorschläge gehört werden, damit der wertvolle Bestand unserer einzigartigen Bibliothek angemessen bewahrt werden kann“, so Nitsche. Wenn nicht, so fürchtet er, gehe der Schatz auf absehbare Zeit unwiederbringlich verloren.

www..domgymnasium-verden.de/buch/historische-bibliothek

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