Führungswechsel jetzt offiziell

Verden: Neue Polizeichefin, alte Akzeptanz-Probleme

Zwei Männer und eine Frau.
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Zwei Polizeigenerationen, ein Problem: Das Bild der Ordnungshüter in der Öffentlichkeit thematisierten sowohl der scheidende Verdener Inspektions-Chef Uwe Jordan (r.) als auch dessen Nachfolgerin Antje Schlichtmann. Polizeipräsident Johann Kühme (l.) riss das schwierige Feld ebenfalls an.

Verden – Schon der Polizeipräsident sparte das aktuell schwierigste Kapitel der Polizeiarbeit nicht aus. Jene Beschimpfungen, die Ordnungshüter über sich ergehen lassen müssen, wenn es gut läuft, jene Attacken, die sie in schlimmeren Fällen zu ertragen haben. „Was unsere Kollegen aushalten müssen, ist grenzwertig“, sagte Johann Kühme, Präsident der Polizeidirektion Oldenburg, beim jetzt auch offiziellen Führungswechsel innerhalb der Polizeiinspektion Verden-Osterholz gestern von Uwe Jordan auf Antje Schlichtmann im Verdener Kreistagssaal. Jener Umgang mit Polizisten, der vor 40 Jahren beim Amtsantritt Jordans noch kein Thema war, inzwischen aber immer wieder und immer häufiger die Schlagzeilen beherrscht, er zog sich wie ein roter Faden durch den Wachwechsel der etwas anderen Art. Und die Lösungsansätze ebenfalls.

Ein in mehreren Hinsichten denkwürdiger Vormittag. Schon im März vergangenen Jahres wurde Jordan in den Ruhestand verabschiedet, die offizielle Staffelübergabe sei auf Eis gelegt, hieß es seinerzeit. „Inzwischen ist das Eis mehrmals geschmolzen, genaugenommen in zwei Sommern geschmolzen“, merkte Kühme süffisant an. Immerhin sei es jetzt endlich möglich, die Würdigung einer sehr verdienten polizeilichen Führungskraft in angemessenem Rahmen vorzunehmen, dank 2G vor Vertretern aus Politik und Polizei, aus Justiz und Brandschutz in einer Veranstaltung wie vor Corona. Auch Nachfolgerin Antje Schlichtmann schreibt Geschichte und setzt Maßstäbe. Sie ist nicht nur die erste Chefin einer Polizeiinspektion im Einzugsbereich des Oldenburger Präsidiums, sie führt die Aufgabe auch noch in Teilzeit aus. „Ich danke nicht nur den Verantwortlichen für das Vertrauen, das sie in mich setzen“, sagte sie, „ich werde auch für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Führungspositionen bei der Polizei werben.“

Die Missverständnisse zwischen Polizei und Bevölkerung, die immer häufiger eskalierten, sie stellte Jordan in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen. „Das Bedürfnis von Geschädigten bei einem Wohnungseinbruch liegt eben nicht in der genauen Spurensuche oder in der schnellen Fertigung eines Tatort-Berichtes. Gebraucht wird die Polizei, um Ruhe in das Kopfchaos zu bekommen, um die Angst vor Wiederholung zu mindern, um Präventionstipps zu bekommen. Gebraucht werden Polizeibeamte, die Zeit zum Zuhören, zum Beantworten von Fragen haben.“

Beim Bürger werde die Polizei höchst vielfältig wahrgenommen. Mal finde man Derrick gut und deshalb die Polizei gut, mal habe man schlechte Erfahrungen bei G 20 in Hamburg gesammelt, was zu einer kritischen Haltung führe, mal setze man Willkür und Gewalt mit Polizei gleich, weil man es in seinem Heimatland so empfunden habe, Migranten etwa. Trotz unterschiedlicher Einschätzung spreche jeder von „der Polizei“. Und die Polizei selbst? Sie verstehe die Kritik nicht. „Wir arbeiten nach rechtlichen Vorgaben, verfolgen Straftaten, schützen das Demonstrationsrecht – warum feindet man uns so häufig an?“

Er habe an Diskussionen zum Polizeigesetz teilgenommen, berichtete Jordan, er sei auf engagiertes Publikum getroffen, im besten Sinne an demokratischer Arbeit interessiert, aber, so Jordan, „die wenigsten kannten den Unterschied zwischen Strafrecht und Gefahrenabwehr“. Und auch nicht die Auswirkungen polizeilichen Handelns. „Wie verhindern wir eigentlich Anschläge?“ Das Missverständnis reiche nicht nur bis hin zu Pegida, zu Reichsbürgertum oder Impfgegnern, es richte sich mit wachsender Dynamik gegen das Establishment.

Er wolle sich nicht anmaßen, führte Jordan aus, die polizeiliche Ausrichtung zu maßregeln, zumal er anderthalb Jahre außer Dienst sei, aber die Gedanken, die er hier äußere, sie seien mit Nachfolgerin Antje Schlichtmann abgesprochen, sie seien gültig für beide Generationen von Inspektions-Leitern. Und daraus resultierten nicht etwa Vorwürfe in Richtung Bevölkerung, es resultierten daraus auch innere Einsichten. „Ich bin überzeugt, wir müssen viel stärker über Demokratie und ihre Institutionen sprechen.“ Die Rolle der Polizei in der Gesellschaft, das sei es, was mehr in die Öffentlichkeit zu rücken sei.

Genau da wolle sie anschließen, erklärte die Nachfolgerin. „Polizei muss sich öffnen, sie muss nahbar und transparent sein“, sagte Schlichtmann, Alles kein ganz einfacher Plan. „In der täglichen Arbeit befinden wir uns in der schwierigen Zwangslage zwischen dem Anspruch, zuhören zu wollen, und gleichzeitig darauf gefasst zu sein, die Dienstwaffe zu ziehen.“ Eine Kerbe, in die auch Polizeipräsident Kühme schlug. „Verden-Osterholz verzeichnet den niedrigsten Stand an Straftaten und den höchsten Stand bei der Aufklärungsquote, dennoch gibt es viel zu tun.“ Es sei jedem der 450 Polizisten und Mitarbeiter der Rücken zu stärken, um die kommenden Herausforderungen zu bestehen.

Den scheidenden Verdener Polizeichef Jordan nannte er mit dessen Einstellung zur Präventionsarbeit, zur Beweissicherung, nicht zuletzt dessen interkultureller Kompetenz einen vorbildlichen Vertreter im Umgang mit der gesamten Polizeiinspektion, einen Fels in der Brandung, dessen Rat zuletzt bis in einen Untersuchungsausschuss der Landesregierung Sachsen-Anhalts gefragt war. Schlichtmann sei mit ihrem quirligen Engagement eine ideale Nachfolgerin, die die Linie fortsetze.

Marcus Röske, der kommissarische Leiter der Staatsanwaltschaft Verden, nannte Jordan die personifizierte PI Verden. Man sei nicht immer einer Meinung gewesen, müsse man auch nicht, letztendlich habe man sich aber immer einvernehmlich verständigt. „Dafür ist ein persönlicher Kontakt unerlässlich.“

Landrat Peter Bohlmann würdigte Jordan als jemanden, der mit Ruhe und Kompetenz nach differenzierten Lösungen suche. Sein Leitbild sei die Polizei in der Zivilgesellschaft, die auf Prävention und vorausschauende Gefahrenabwehr setze. In Krisenstäben nach den Flüchtlingsströmen und während der Pandemie habe man eng zusammengearbeitet. „So konnten notwendige Maßnahmen kurzfristig abgestimmt werden.“ Zudem seien gemeinsam die Verkehrssicherheitstage aus der Taufe gehoben, die aus dem vor zehn Jahren gegründeten Arbeitskreis Verkehrssicherheit entstanden seien.

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