KLEINE GESCHICHTEN ZUR GESCHICHTE

Verdener Befestigungsanlage: Eine Burg ohne Burgfräulein

Ein kleines Modell der Verdener Befestigungsanlage, das im Domherrenhaus zu finden ist.
+
So könnte die Verdener Befestigungsanlage ausgesehen haben. Ein Modell davon ist im Historischen Museum – Domherrenhaus zu sehen.

Verden – „Wo lag die Alte Burg und warum ist nichts von den Ruinen zu sehen?“ So ähnlich fragen jedes Jahr aufs Neue Touristen in Verden. Und man ahnt in deren Köpfen Bilder großer Steinburgen, wie sie entlang des Rheines so prägnant wachen oder wie sie Hollywood-Produktionen zeigen...

Tatsächlich erinnern die Straßennamen „Am Burgberg“ und „Zur Alten Burg“ an eine hier gelegene Befestigungsanlage aus dem 10. Jahrhundert, welche 1816 eingeebnet wurde. Nur war es eben keine Burg der edlen Ritter und Burgfräulein, sondern eine Fluchtburg, die nur im Falle eines kriegerischen Angriffs den Menschen und dem Vieh Schutz und Verteidigungsmöglichkeit bieten sollte. Diese Anlage wird auf die sogenannte „Burgenordnung“ von 926 n. Chr. zurückgegangen sein, erlassen von dem König des Ostfrankenreiches und Herzog der Sachsen Heinrich: Diese, so berichtet Widukind von Corvey in einem Kapitel seiner Sachsengeschichte, legte nicht nur Umfang und Art der Befestigung fest, sondern auch ihren Unterhalt; dass nämlich jeder neunte Mann dort nach dem rechten zu schauen habe und dafür von den acht anderen versorgt werden sollte; dass ferner Märkte, Gerichtstage und Gastmähler innerhalb der Burg stattfinden sollten – wohl, damit ein eventueller Verfall sofort auffiele. Der Schutz der Fluchtburg muss also notwendig, die Gefahr zum Greifen nahe gewesen sein, als Bischof Haruth (oder Harruch, 808-829, von irischer Abstammung und Abt des Klosters Amorbach) ihre Fertigstellung weihen konnte...

Dr. Björn Emigholz.

Was für ein Lärm! Was für ein großartiger Tag, den alle als Feiertag nutzten! Zwei Jahre hatte es gedauert, bis die Burg endlich fertiggestellt war. Und jeder aus der Siedlung hatte mit anpacken müssen, bis der Graben ausgehoben, der Wall errichtet, die Palisaden geschlagen, zugebeilt und angespitzt, in die Erdaufschüttung gerammt und miteinander fest verbunden waren. Eine furchtbare Plackerei war das gewesen, die nicht immer ohne Murren hingenommen wurde, doch nun war es vollbracht.

„Factum est“, seufzte Bischof Haruth erleichtert, „es ist vollbracht! Möge Gottes Segen über dem Werk liegen und möge der Herr es fügen, dass wir diese letzte Flucht in dieser Welt nicht wirklich eines Tages benötigen!“

Auch in den Gesichtern der Gefolgsleute des Bischofs zeichnete sich erkennbare Erleichterung über das Erreichte ab. Verständnisvoll betrachteten sie das ausgelassene Treiben der Bevölkerung. Viele Karren kamen aus der Domburg, um die Vorratslager der Burg zu befüllen. Und eigentlich war es eher ein Volksfest, da die Arbeit an ihrer Fluchtburg nun beendet war...zumal der Bischof einige Fässer besten Bieres aus diesem Anlass spendiert hatte. Es wurde geschmaust, was das Zeug hielt; mit Trommel und Schweinsblase wurde Musik gemacht und mancher tanzte dazu!

„Ihr habt einen guten Platz für unsere Burg gewählt“, wandte der Bischof sich an seinen Zimmermann, welcher die Arbeiten beaufsichtigt und so manche gescheite Idee dazu beigesteuert hatte.

„Hier, oberhalb des Steilufers kann uns nun niemand mehr vonseiten des Flusses angreifen!“, antwortete der, „mit der Burg und Eurer Domburg, verbunden mit dem neuen Wallgraben, wird es sich jeder Feind genau überlegen, ob er die Gefahr eines direkten Angriffs eingehen will. Nur einige wenige Bogenschützen aus der Deckung heraus, und die feindliche Streitmacht muss schon sehr groß und sehr entschlossen sein, um nicht aufgerieben zu werden!“ „Für diese Bogenschützen werde ich sorgen!“, warf der Hauptmann der Jäger ein. Im Dienste des Bischofs hatte er dessen Tafel regelmäßig mit Wildbret zu versorgen. Er verfügte über ein gutes Auge und führte einen sicheren Bogen.

„Ich weiß nicht recht“, raunte Siegolf, der Kaplan des Bischofs, diesem und Umstehenden zu, „wollen wir wirklich jedem Mann und jedem Burschen unseres Hofes und in der Siedlung an der Furt im Bogenschießen ausbilden? Wenn die sich nun einmal gegen uns richten?“

• Fortsetzung folgt

Weitere Literatur: Detlef Schünemann: Vor- und Frühgeschichte der Stadt Verden; Geschichte der Stadt Verden (Aller) in Einzeldarstellungen Bd. 11; Verden 1986.

In der Serie

schreibt Dr. Björn Emigholz weitere Geschichten für unsere Zeitung. Er verknüpft Fantasie mit Wirklichkeit, schildert Ereignisse, wie sie sich abgespielt haben könnten. So wurden Dokumente aus dem Stadtarchiv, Exponate aus dem Domherrenhaus oder heute befremdlich scheinende Umstände zur Inspiration für die Geschichten.

Von Dr. Björn Emigholz

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Massive Raketenangriffe: Israel antwortet mit Luftschlag

Massive Raketenangriffe: Israel antwortet mit Luftschlag

Die beliebtesten Kuchenklassiker und Tortenträume

Die beliebtesten Kuchenklassiker und Tortenträume

Bayern feiern Titel mit Gala - Lewandowski-Tore 37, 38, 39

Bayern feiern Titel mit Gala - Lewandowski-Tore 37, 38, 39

Bill und Melinda Gates lassen sich scheiden

Bill und Melinda Gates lassen sich scheiden

Meistgelesene Artikel

Die Nerven im Wolfcenter in Dörverden liegen blank: „Das ist ein Sterben auf Raten“

Die Nerven im Wolfcenter in Dörverden liegen blank: „Das ist ein Sterben auf Raten“

Die Nerven im Wolfcenter in Dörverden liegen blank: „Das ist ein Sterben auf Raten“
Brutaler Überfall in Kirchlinteln: Täter fesseln älteres Ehepaar und Enkel im Haus

Brutaler Überfall in Kirchlinteln: Täter fesseln älteres Ehepaar und Enkel im Haus

Brutaler Überfall in Kirchlinteln: Täter fesseln älteres Ehepaar und Enkel im Haus

Kommentare