Gundel Engelschall geb. Bohne im Alter von 100 Jahren gestorben

Denkwürdiger Ritt und ein geglücktes Leben

Gundel Bohne stürzt vom Pferd
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Gundel Bohne im Alter von 17 Jahren, als sie mit ihrem Pferd im Jahr 1937 über den Graben setzt und aus dem Sattel fliegt.

Verden – Wer ein Jahrhundert durchlebt, der weiß etwas zu erzählen. Ein Satz, der sicherlich auf Gundel Engelschall zutrifft. In Verden hat die Tochter des Landarztes Dr. Ernst Bohne einen Großteil ihrer Kindheit und Jugend verbracht. Im Alter von 100 Jahren ist Gundel Engelschall nun in Hamburg gestorben.

Tochter des Verdener Landarztes Dr. Ernst Bohne

„Verden war zunächst eigentlich eher zufällig der Ort, wohin es meine Mutter als Kind verschlug“, erzählt Tobias Engelschall, Sohn der Verstorbenen. Es war in der Vorkriegszeit der 1920er-Jahre, als sich Dr. Ernst Bohne aus Kassel um den Chefarztposten am Verdener Krankenhaus bewarb. Mit der Familie in Verden Mitte der 1920er-Jahre angekommen, wurde es dann doch nichts mit der Anstellung. Doch Bohnes blieben trotzdem, der Vater eröffnete in der Bremer Straße 8 eine Landarztpraxis, die die siebenköpfige Familie, Eltern und fünf Geschwister, bestens ernährte.

80 Jahre später: Gundel Engelschall geb. Bohne im Jahr 2017 bei einem Spaziergang.

Reiterstadt Verden wurde ihr neues zu Hause

Für Gundel Bohne wurde die Reiterstadt ihr neues zu Hause. „Meine Mutter mochte Pferde, das passte natürlich wunderbar“, erzählt Tobias Engelschall. Eine enge Freundschaft pflegten Bohnes zur Familie von Seydlitz. General Walther von Seydlitz-Kurzbach sorgte regelmäßig dafür, dass meine Mutter Reitunterricht bekam“, so Engelschall.

Enge Verbindung zur Verdener Familie von Seydlitz-Kurzbach

Mechthild von Seydlitz, Tochter des Generals, und Gundel Bohne waren Freundinnen. Und so trug sich eine Geschichte zu, die bis heute in der Festschrift des Verdener Schleppjagdvereins von 1975 zu finden ist. Mit einem Foto dokumentiert ist ein Ereignis, das einem den Atem stocken lässt: Es zeigt Gundel Bohne, damals 17 Jahre jung, wie sie mit ihrem Pferd zum Sprung über einen mächtigen Graben auf der Rennbahn in Verden setzen will und dabei spektakulär aus dem Sattel fliegt. „Die Geschichte war bei uns zu Hause natürlich immer mal wieder Thema“, erinnert sich Engelschall. Und er erzählt, was seine Mutter stets anschaulich zu schildern wusste. Der General von Seydlitz hatte Gundel stets mit guten Pferden versorgt.

Die 17-Jährige wusste sich unerschrocken in der Männerdomäne zu behaupten und durchaus mit den Tieren umzugehen. Als allerdings an jenem Tag, im Sommer 1937, das erste Turnier bevorstand, erreichte Gundel eine unangenehme Nachricht. „Sie sollte ihr Pferd mit dem von Mechthild, der damals zwölfjährigen Tochter des Generals, tauschen“, erfuhr Engelschall. Einem General kann man nichts abschlagen und einer jüngeren Freundin sowieso nicht. „Sie musste schließlich, wie sie immer sagte, in den sauren Apfel beißen und auf diesen Ackergaul steigen“, erzählt Engelschall. „Und sie sagte voraus: „Da fliege ich garantiert runter.“ Sie sollte Recht behalten, was allerdings ohne gravierende Folgen blieb. „Meine Mutter blieb unverletzt, ihrem Optimismus, ihrer Furchtlosigkeit hat es in keinster Weise geschadet. Sie ging weiterhin unerschrocken durchs Leben.“

Gundel Engelschall: „Da fliege ich garantiert runter!“

Das sollte auch außerhalb von Verden so bleiben. Aus der Kleinstadt in die weite Welt, zog die junge Frau im Jahr 1939 zunächst nach Königsberg, ehemals Ostpreußen, dem heutigen Kaliningrad, und studierte Chemie. Königsberg war kein Ort, den sie lieben lernte: „Zu nationalsozialistisch“, schrieb sie in die Heimat nach Verden. Auch das nicht ungefährlich, mitten in Kriegstagen. Also weg aus Königsberg und nach München, zum Chemiestudium. Unterricht bei Professor Heinrich Otto Wieland, dem Nobelpreisträger. Eine Kommilitonin neben Gundel Bohne war seinerzeit Hildegard Hamm-Brücher.

München war liberal. weltoffen. Das gefiel Gundel Bohne sehr viel besser. Die Stadt lebte, war voller Kultur und Musik. „Das mochte sie. Sie saß im Nationaltheater, als Richard Strauß seine letzte Oper ,Capriccio’ zur Uraufführung brachte, am 28. Oktober 1942 “, beschreibt Tobias Engelschall die damalige Szenerie.

General von Seydlitz stellte sich gegen Hitler und das NS-Regime

Doch der Krieg blieb nicht außen vor, kam vielmehr immer näher. Gundel Bohne war ein durch die Ereignisse sensibilisierter Mensch. Die Entwicklungen rund um die Familie von Seydlitz ließen sie nicht los. General von Seydlitz ging im Jahr 1943 nach der Schlacht um Stalingrad in russische Kriegsgefangenschaft, stellte sich gegen Hitler und das NS-Regime, und forderte offen ein Ende des Eroberungskrieges. Nicht ohne Folgen für die Familie von Seydlitz in Verden, die daraufhin von den Nationalsozialisten inhaftiert, immer wieder getrennt wurde und ihren Besitz verlor.

Gundel Bohne zog es 1943 nach Hamburg

Auch nach Kriegsende – von Seydlitz kehrte 1955 aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück – sahen sich der General und seine Familie weiterhin Schmähungen ausgesetzt. „Das hat meine Mutter sehr beschäftigt“, erzählt Engelschall. Noch einmal holten sie die Ereignisse ein, als im Jahr 2017 das Buch „Nach Stalingrad – Walther von Seydlitz’ Feldpostbriefe und Kriegsgefangenenpost von 1939-1955“ erschien. „Auf Wunsch des Herausgebers hat meine Mutter Korrektur gelesen und etliche Abläufe in einer zweiten Neuauflage richtig stellen können. Das war für sie sehr eindrucksvoll“, schildert Tobias Engelschall.

Gundel Bohne zog es 1943 nach Hamburg. Nach Abschluss ihres Chemiestudiums blieb sie in der Hansestadt, wo sie als Medizinisch-Technische-Assistentin (MTA) im Eppendorfer Krankenhaus arbeitete. Im Jahr 1953 heiratete sie – in Verden – Manfred Engelschall, einen Medienanwalt. Die beiden mochten Hamburg, im Stadtteil Othmarschen, kauften sie ein eigenes Häuschen. Drei Kinder, Angelica, Gesa und Tobias, wuchsen gemeinsam auf. „In Hamburg hat sich meine Mutter, auch nach dem Tod meines Vaters, sehr wohl gefühlt“, so Engelschall. Hochbetagt blieb sie, bis zu ihrem Tod, in dem Haus wohnen. Tennis und Golf statt Reiten – solange es ging – viele Freundinnen und Freunde – und Mode, Kunst, Musik und natürlich die Politik. „Die hat sie bis zum Schluss und mit sehr klarem Kopf verfolgt, war ständig informiert“, so Engelschall. Professionell war Gundel Engelschall in ihrer Küche unterwegs. Da konnte sie es durchaus mit Drei-Sterne-Köchen aufnehmen, lobten ihre Freundinnen und Freunde.

Im Alter von 95 Jahren fuhr Gundel Engelschall noch gut und sicher Auto

Unerschrocken sei sie bis zum Schluss geblieben, wie damals, als sie mit 17 Jahren vom Pferd abgeworfen und sofort wieder aufgestanden sei. Im Alter von 95 Jahren fuhr sie noch gut und sicher Auto. Und auch als sie den Führerschein abgegeben hatte, als Beifahrerin unterwegs war, gab’s – da wo es erlaubt war – für den Fahrer nur ein Kommando: „Fahr zu.“

Gottesdienst in der Hauptkirche St. Jacobi in Hamburg

Verabschiedet haben sich zahlreiche Freundinnen und Freunde von Gundel Engelschall in einem Gottesdienst in der Hauptkirche St. Jacobi in Hamburg, begleitet mit Musik von Bach. „So hatte es sich meine Mutter gewünscht“, sagt Tobias Engelschall. Und es bleibt ein Satz von Gundel Engelschall, rückblickend auf 100 Jahre: „Ich hatte nicht ein glückliches, ich hatte ein geglücktes Leben.“

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