Aufgeben will er nicht

Verdener kämpft um Baugenehmigung - seit 30 Jahren

Mann mit Aktenordner im Garten.
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Ausreichend Platz wäre vorhanden: Hans-Jürgen Maaß an jener Stelle in dem inzwischen zum Garten umfunktionierten Bahngelände, für die er sich einen Neubau vorstellen könnte.

Der Verdener Hans-Jürgen Maaß kämpft seit 30 Jahren um eine Baugenehmigung im Garten. Bisher vergebens. Aufgeben will er nicht.

Verden – Ein Haus schön hinter der Lärmschutzwand, so wie einige Meter entfernt ebenfalls geschehen, das wäre doch eine gute Idee. Er stieß auf mächtige Klippen. Und das nicht erst seit gestern, oder seit vergangenem Frühjahr, es dauert schon ewig. „Genaugenommen seit 32 Jahren“, sagt Maaß. Er deutet auf eine durchaus gut gefüllte Akte.

Wer kümmert sich um den ersten Biber, der in den Landkreis Verden zurückgekehrt ist? Wer appelliert Ende Dezember an die Bevölkerung, jetzt die heimische Vogelwelt mit Futter zu versorgen? Wer schert sich um den Schwan, der hilflos am Landwehrsee in Stedebergen in einer Angelschnur verheddert ist? Alles Schlagzeilen aus den vergangenen Jahren, willkürlich gesammelt. Hinter allem steht ein Name. Hans-Jürgen Maaß. Vor einem halben Jahrhundert war der Verdener der überschaubaren Schar des Deutschen Bundes Vogelschutz im Landkreis Verden beigetreten, daraus entwickelte sich der Nabu, und die Mitgliederzahlen kennen nur eine Richtung. Sie steigen. „Von damals 20 auf jetzt deutlich über 3000.“ Bis vor wenigen Jahren trug er als stellvertretender Beauftragter für Naturschutz und Landschaftspflege im Landkreis Verden Verantwortung, 39 Jahre Verantwortung, und auch wenn es der 80-Jährige jetzt ruhiger angehen lässt, dem Erhalt der Umwelt bleibt er nicht nur verbunden, für viele ist er weiterhin das Gesicht des Naturschutzes in der Region.

Und als solcher hält er nicht mit seiner Meinung hinter dem Berg, nicht mit zuweilen unbequemen Meinungen. „In früheren Jahrzehnten stakste der Kiebitz über die Wiesen und Äcker in Groß Hutbergen“, sagt Maaß, „jetzt entstehen dort Ein- und Mehrfamilienhäuser ohne Ende.“ Flächen werden versiegelt, sagt Maaß, nicht nur hier, sondern auch andernorts am Stadtrand. Anderseits bleiben innerstädtische Möglichkeiten ungenutzt. „So kann es nicht weitergehen.“ Das ehemalige Autohaus-Gelände an der Ludwigstraße friste ein Mauerblümchendasein, sagt er, „da passiert nichts.“ Und auch auf seinem eigenen Gelände kommt er nicht wirklich voran, sagt Maaß.

Der Garten, auf dem das Haus stehen soll, war schon zu Zeiten angelegt, als Spediteure ihre Waren noch ans Gleis transportierten.

Ein altes Luftbild kramt er heraus. Ein Sattelschlepper ist darauf zu sehen, der die Rampe emporgekurvt ist, und auf Abfertigung am Gleis wartet. „Auch an britische Panzer erinnere ich mich, die hier verladen wurden, um sie zu den Schießgebieten zu bringen. Oder den Schweinehändler Dahle, der die überdachte Viehrampe ansteuerte.“ Alles Schnee von gestern. Alles mindestens ein Vierteljahrhundert vorbei. Er sei in dieser langen Zeit nicht untätig gewesen, sagt Maaß, er habe Bahnvertreter auf die Grundstücke angesprochen, die zu verwaisen begannen, er sei mit ihnen ins Gespräch gekommen. „Wir konnten uns auf Kaufverträge verständigen, wann immer die Bahn bereit war, sich von ihren Flächen zu trennen, und wann immer es unsere Familienkasse zuließ.“ Insgesamt 1500 Quadratmeter kamen inzwischen zusammen. Zwar alles ein wenig verwinkelt, inklusive alter Schweinerampe auch noch, die er gemeinsam mit einem Nachbarn wie ihm geheißen verschlossen hat, aber irgendwie, sagt Jürgen Maaß, „irgendwie reicht es immer noch für einen Bauplatz.“ Mit kühnem Bleistiftstrich ist sogar ein Gebäude in einen der Lagepläne eingezeichnet. Die Innenstadt-Verdichtung auf eigene Faust nahm ihren Anfang.

Ein unglaublich langatmiges Verfahren. Ein buntes Dokument aus der Mitte der 70er-Jahre blättert Hans-Jürgen Maaß auf. Der legendäre Baurat Claus Ruge hat seine Unterschrift hinterlassen, der ehemalige Stadtdirektor Kai Füllgraf ebenfalls. Schon damals war farbenfroh dargestellt, wo der Hase im Pfeffer liegt. In Violett ist das Bahngelände markiert. „Es musste entwidmet werden. Das hat gedauert, aber irgendwann waren wir am Ziel.“ Genaugenommen Ende der 90er-Jahre. Eine gewisse Birgit Koröde, die heutige Verdener Bauamtschefin, teilte ihm seinerzeit mit, die Bauvoranfrage könne positiv entschieden werden, allerdings müsse durch ein Gutachten nachgewiesen sein, dass die Immissionen der Bahn ein gesundes Wohnen auf dem Grundstück zulassen. Falle das Lärmgutachten aber positiv aus, habe er lediglich noch die Zuwegung zum Grundstück rechtlich abzusichern.

Die Bahn hatte ihm schon nach den ersten Kaufverträgen in den 80er-Jahren ein Überwegungsrecht eingeräumt, dies aber widerrufbar. Klarheit entstand erst sechs Jahre nach dem Bescheid der Bauvoranfrage. Die Eheleute Maaß erwarben den betreffenden Streifen von der Bahn auch noch. Mehr als anderthalb Jahrzehnte später zeichnete sich zumindest für das nächste Problem eine Lösung ab. Maaß staunt. Das Hindernis hatte sich ohne jahrelangen Aufwand wie von selbst aufgelöst, genau genommen sogar aufgebaut. Eine Schallschutzwand ist inzwischen installiert. Alles erledigt also. Alles auf ein gesundes Wohnen ausgerichtet.

Fast. Ein kleines Thema wäre da noch. Als die Eheleute Maaß mehr als drei Jahrzehnte nach ihren ersten Neubauplänen jetzt um eine Baugenehmigung baten, erlebten sie eine Überraschung. Die Fläche, die sie ins Auge gefasst hatten, inzwischen nicht mehr für sich selbst, sondern ihren Sohn, für diese Scholle besteht kein Bebauungsplan. Für jeden Garten, jeden Hausplatz drumherum schon, nicht aber für die ehemaligen Bahnanlagen. Einen solchen beantragten sie kurzerhand.

Die Antwort aus dem Verdener Rathaus fiel ernüchternd aus. „Dafür müsste ein aufwendiges Bauleitverfahren in Gang gebracht werden“, sagt Fachbereichsleiterin Birgit Koröde, „und das für lediglich ein einziges Baugrundstück.“ Aufwand und Nutzen stünden in keinem vernünftigen Verhältnis. Und überhaupt seien noch zu viele Fragen offen, die nicht einfach mit dem Schaffen von Fakten beantwortet werden könnten. „Der ganze Bereich steht im Zuge von Alpha-E vor massiven Umbauten. Die Ergebnisse der städtebaulichen Begleitplanung müssen wir abwarten.“ Und dann wäre da noch der Radschnellweg zwischen Bahnhof und Berufsschule, „für den wir uns Varianten beidseitig der Bahn offenhalten.“

Die Eheleute Maaß hörten die Worte sehr wohl. Aufgeben wollen sie nicht. „Ich hätte die ganze Angelegenheit gern irgendwann geregelt“, sagt er. Zum Glück präsentiert er sich mit seinen 80 Jahren in sehr guter Konstitution.

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