Günter Palm recherchiert bewegende Geschichten

Neue Heimat in Eissel: Unter Dauerfeuer auf der Flucht

Kinder der Dorfschule Eissel  im Jahr 1950.
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Die Kinder der Dorfschule Eissel auf einem Schulausflug im Jahr 1950. Von den 26 abgebildeten Kindern sind 14 aus Flüchtlingsfamilien. In dem Buch sind sie in dem Kapitel „Die Dorfschule als Zentrum der Integration“ allesamt namentlich genannt.

Erwachsene, Jugendliche, kleine Kinder, ein ganzer Tross von Menschen, die sich Anfang März des Jahres 1945 auf den kleinen Ort Eissel zu bewegte. Ausgehungert, geprägt von schlimmen Erlebnissen, ohne Heimat - jeder mit einer ganz eigenen Geschichte....

Verden-Eissel – Was mag in den Köpfen der Menschen damals vorgegangen sein: Hier Erwachsene, Jugendliche, Kinder, die sich, erschöpft und ausgehungert nach einer Tortur über hunderte von Kilometern, in Trecks auf das kleine Dorf Eissel zu bewegten. Dort die wartenden einheimischen Dorfbewohner, die nicht wussten, was da auf sie zukam. Immer mehr Menschen, die Anfang März des Jahres 1945 den Ort überschwemmten.

„Insgesamt 56 Flüchtlinge waren es, die in dem Moment in Eissel untergebracht werden mussten, wo doch in Eissel selbst nur 150 Menschen lebten“, hat Günter Palm recherchiert. Der gebürtige Eisseler hat akribisch geforscht, nachgefragt, dabei sogar 20 Flüchtlingskinder von damals ausfindig gemacht – und darüber ein eindrucksvolles Buch geschrieben – „Flüchtlinge und Vertriebene in Eissel“.

Palm führt Gespräche in ganz Deutschland und hat 20 der damaligen Kinder ausfindig gemacht

Geschichte, insbesondere die seines Heimatdorfes, hat den, wie er selbst sagt, „Hobbyhistoriker“ Günter Palm schon immer interessiert, ja, man könnte sagen „bewegt“. Die „Eisseler Dorfchronik“ stammt aus seiner Feder, und ist ein Auslöser mit dafür, dass Palm im Anschluss noch tiefer in die Historie der Ortschaft eintauchte. „Die Gespräche mit den Menschen, ihre Erlebnisse, immer mehr Namen, die weitere Erinnerungen weckten, es kam eins zum anderen“, erzählt Palm. Dann die Begegnung mit Heinz Bischoff, einem Flüchtlingskind aus Waldenburg. Auch die Geschichte – in der Verdener Aller-Zeitung in einer Serie Mitte des Jahres in mehreren Teilen veröffentlicht – findet sich in Palms Buch wieder. „Heinz Bischoff war so ein bisschen der Auslöser, nach weiteren Flüchtlingskindern zu forschen und wo sie als Erwachsene geblieben sind“, erzählt Palm.

Verden-Eissel: Immer mehr Namen von Flüchtlings-Familien

Immer mehr Familien und deren Namen ploppten auf. Palm bekam Zugriff auf die Listen, die damals von Dorflehrer Ludwig Fricke akribisch angelegt worden waren. Auch die Engländer als Besatzungsmacht waren sorgfältig, schrieben die Zugezogenen auf. Palm besorgte sich die Listen, stieß auf Vor- und Nachnamen, die die Zuordnung vereinfachten. Dann der Kontakt zum Kreisarchiv Verden. Daten ja, aber nur mit Zustimmung der Betroffenen, sagte Kreisarchivar Dr. Florian Dierks. Die bekam Palm. „Telefonate quer durch Deutschland, viele Gespräche, die Liste wurde immer länger“, so Palm.

Bewegende Geschichten, die Günter Palm erfuhr

Geboren in Eissel, lebt Günter Palm heute in Dauelsen. Er hat die Geschichte über die Nachkriegsjahre in seinem Geburtsort recherchiert und bewegende Erinnerungen zusammengetragen. Im März erscheint das neue Buch.

Bewegende Geschichten sind es, die Palm ans Licht holte. Allein die Erinnerungen von Heinz Bischoff könnten ein ganzes Buch füllen. Die Erzählungen der Flüchtlingskinder und Vertriebenen, die in den Nachkriegsjahren nach Eissel kamen, gehen zum Teil unter die Haut. Reiner Pahl, geboren 1937, floh mit seiner Familie unter dem Dauerfeuer der russischen Artillerie im Januar 1945 aus Sossnow, dem heutigen Polen. Die elterliche Mühle stand unter Beschuss, als Vater Erich und Mutter Gertrud mit den Kindern, allesamt auf einem Fuhrwerk, durch den tiefen Schnee rasten. „Meterhoch lag der Schnee. Trotzdem hatten uns die Russen offenbar entdeckt. Sie schossen auf uns...“ Ohne große Habseligkeiten, ohne Proviant lenkte Pahls Vater den Ackerwagen in wildem Tempo durch den Ort und über die einzige Brücke. „Später erzählte man, dass letztendlich nur zwei Fuhrwerke aus unserem Ort herausgekommen sind“, so Pahl. „Wir waren dabei.“ Er lebt heute in Dauelsen.

Immer mehr Flüchtlinge und Vertriebene, Heimatlose und Entwurzelte,

Schwer verletzt erreichte, nach Überquerung der Oder, Lambert Riehl mit seiner Familie Eissel im März 1945. Riehl war damals 13 Jahre alt. „Wir sind dann bei Trau in Klein Eissel einquartiert worden. Wir bekamen zwei Zimmer. Die waren vielleicht nur drei mal drei Meter groß.... Ich meine, dass wir alle ein eigenes Bett zur Verfügung hatten...“ Riel lebt heute in Gröbenzell bei München.

Immer mehr Flüchtlinge und Vertriebene, Heimatlose und Entwurzelte, da gab es durchaus Stress im Ort, wo denn die Menschen untergebracht werden sollten. Ursula Sobotta, geboren Glode, damals 21 Jahre alt, erinnert sich: „Wieder war es der Flüchtlingsbetreuer König, der für uns sorgte. Ein Bauer wurde gefragt. Dieser lehnte ab und so gingen wir ein Stück weiter, wo der Bürgermeister Stührmann wohnte. Der Betreuer erzählt ihm alles und Herr Stührmann sagte dann: ,Nehmen wir auf’.“ Ursula Sobotta schreibt weiter: „Ein wunderschöner Raum. Ich machte mich gleich nützlich und half, wo ich konnte. Es wurde belohnt, denn wenn Brot gebacken wurde oder sonst was, bekamen wir etwas ab....“. Ursula Sobotta heiratete, verließ Dauelsen, lebte zuletzt in Essen, wo sie im Jahr 2018 starb.

Flicht und Vertreibung: Wir wissen um diese Geschichten, aber ich wollte sie, mit Bezug auf meine Heimat, erzählen.

Palm lässt in seinem Buch weitere Familiengeschichten lebendig werden. „Es sind viele persönliche, auch tragische Einzelschicksale“, sagt Palm. „Wir wissen um diese Geschichten, aber ich wollte sie, mit Bezug auf meine Heimat, erzählen, auch weil sie Teil der Geschichte von Eissel sind und nicht in Vergessenheit geraten sollen“, so der Autor zu seinen Beweggründen.

In den Nachkriegsjahren zählte die Ortschaft Eissel 307 Einwohner, davon 169 Einheimische und 138 Flüchtlinge

Neben der akribischen Aufzählung, wo welche Flüchtlinge untergekommen sind – in den Nachkriegsjahren zählte die Ortschaft Eissel 307 Einwohner, davon 169 Einheimische und 138 Flüchtlinge – befragte Palm 20 Flüchtlingskinder, mittlerweile viele weit über 80, zum Teil 90 Jahre alt. In ganz Deutschland verteilt, will Palm einen Großteil von ihnen im März nach Eissel einladen. Etliche Zusagen liegen ihm bereits vor. Gemeinsam mit seinen Gästen und dem Heimatverein will der Autor dann sein neues Buch „Flüchtlinge und Vertriebene in Eissel“ vorstellen.

Info

Günter Palm, im Jahr 1954 in Eissel geboren, beschäftigt sich seit Jahren mit der Geschichte seines Dorfes. In dem neuen Buch „Flüchtlinge und Vertriebene in Eissel“ stellt Palm, dessen Vater 1946 als Flüchtlingsjunge nach Eissel kam, die Zeit nach Ende des Zweiten Weltkrieges dar. Das Buch erscheint im März 2022. In einem bereits 2020 erschienenen Werk schildert Palm das „Alte Eissel“. Wer sich für die Werke interessiert, kann sich mit Günter Palm unter www.eissel.de oder Telefon 04231/ 72720 in Verbindung setzen.

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