Pilotprojekt des Landkreises in Verdenermoor: Gefährdetes Ackerwildkraut soll sich wieder ansiedeln

Ungewohnt bunte Tupfer im Roggen

Ein Strauß von bunten blühenden ackerkräutern wird von einer Hand gehalten
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Ein Sträußchen biologische Vielfalt: Kamille, Wicke, Saat-Mohn, Kornrade, Dach-Pippau, Lämmersalat und einiges andere mehr hat Heike Vullmer bei ihrem Streifzug durch das Roggenfeld entdeckt.

Verdenermoor – „Saat-Mohn“, sagt Heike Vullmer und bückt sich. „Dach-Pippau. Acker-Spörgel. Acker-Hundskamille.“ Sie schreibt etwas in ein Buch, das sie bei sich trägt. Dann blickt sie wieder zu Boden, wandert langsam durch das Roggenfeld. „Schmalblättrige Wicke. Lämmersalat. Kornrade“, sagt sie und macht sich Notizen. Die Biologin ist zufrieden mit ihrer ersten Inventur auf dem Testacker bei Verdenermoor.

Das Ackerwildkrautprojekt wird wichtige Erkenntnisse bringen, davon sind auch Antje Mahnke-Ritoff von der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Verden und Landwirt Michael Benner überzeugt.

„Der Insektenrückgang ist ein großes Thema, deswegen sind Wildblumenwiesen und Blühstreifen zu Recht wichtige Maßnahmen“, sagt Mahnke-Ritoff beim Spaziergang durch das Getreide. „Weniger intensiv diskutiert wird aber leider der Verlust von Ackerwildpflanzen.“ Hier setze dieses Projekt an: Auf einer kreiseigenen Fläche bei Verdenermoor werden gezielt gefährdete Ackerwildkräuter ausgesät. „Wir sind froh, dass wir mit Herrn Benner einen Landwirt gefunden haben, der das Projekt mit uns professionell durchführt“, so Heike Vullmer, Stiftung Naturschutz im Landkreis Rotenburg. Der Acker ist eine von drei Flächen in der Region, auf denen eine entsprechende Saaten-Mischung ausgebracht wurde, eine weitere liegt im Kreis Rotenburg, die andere am Verdener Finkenberg, auf dem sogenannten Museumsacker. „Das Projekt steht noch ganz am Anfang“, sagt Mahnke-Ritoff, die hofft, einen Weg zu finden, die seltenen Arten wieder vermehrt anzusiedeln.

Nahrungsquellen für die Tierwelt verschwinden

„Die Pflanzen, um die es geht, sind an den Ackerbau angepasst und auf die Bewirtschaftung angewiesen. Viele von ihnen gedeihen nicht auf Wildblumenwiesen“, erklärt Vullmer das Problem. „Sie benötigen die Auflockerung des Bodens, könnten sich auf Wiesen nicht gegen stärkere, mehrjährige Pflanzen durchsetzen.“ Auf Äckern gedeihen sie zwar, doch dort sind sie nicht erwünscht: Immer effizientere Unkrautbekämpfungsmethoden haben Kornrade und Co. mittlerweile fast ausgerottet. Dadurch verschwinden auch Nahrungsquellen und Lebensräume für die Tierwelt.

Mal ganz abgesehen davon, dass ein Getreidefeld mit vielen unterschiedlichen Pflanzen schön aussieht: „So einen bunten Acker habe ich wirklich schon lange nicht mehr gesehen“, sagt Mahnke-Ritoff, die das Testgelände mit leuchtenden Augen betrachtet. Sie steht zwischen leuchtend rotem Mohn, blauer Kornblume, pinker Kornrade und beobachtet einen winzigen Schmetterling, orange mit roten Streifen, der von Blüte zu Blüte flattert.

Ackerfläche in drei Teile geteilt

Landwirt Michael Benner sei sofort mit von der Partie gewesen, als man ihm die Idee vorgestellt habe, berichtet die Landkreismitarbeiterin. Benner bewirtschaftet die Kreis-Fläche schon seit einigen Jahren als Pächter. Im Rahmen des Projektes wurde das fünf Hektar große Gelände in drei Teile geteilt: Auf dem einen produziert der Ackerbau-Profi den Roggen konventionell, düngt und bekämpft das Unkraut. Auf einer Art Pufferfläche wird das Getreide nicht gedüngt und nicht gespritzt. Und auf dem dritten Streifen des Feldes hat Benner den Roggen mit doppeltem Reihenstand ausgesät und dann die Projekt-Mischung ausgebracht. So gibt es einen direkten Vergleich.

Insekten schwirren über der bunten Pracht

Die Pflanzen aus der Mischung sind gut gediehen, Vullmer entdeckt heute sogar Acker-Vergissmeinnicht und Kleinen Ampfer. Viele Insekten schwirren um die bunte Pracht. Allerdings, wie es bei Pilotprojekten nun mal passieren kann, müssen die Initiatorinnen auch mit weniger erfreulichen Nachrichten leben. Benner zeigt den Biologinnen eine Roggenpflanze von der konventionellen Fläche und hält zum Vergleich eine vom Projektacker daneben. Der Unterschied ist sofort zu sehen: Der Standardroggen ist kräftig und die Ähre groß. Der Projektroggen dagegen eher etwas kümmerlich. Man muss kein Experte sein um zu erkennen: Die Ernte-Einbußen durch das Wildkraut sind erheblich. Landwirt Benner findet das aber gar nicht schlimm: „Es ist ja erst einmal nur ein Projekt. Und so oder so: Das ist ein interessantes Thema.“ Er macht deutlich, dass zwar kein Landwirt von dem Ertrag leben könnte, wenn er sein Getreide auf diese Weise anbauen würde. „Aber im Bereich von Randstreifen oder auf schlecht zu bewirtschaftenden Teilstücken könnte ich mir das sehr gut vorstellen.“ Schließlich sei auch ihm am Insektenschutz gelegen.

Entschädigung für Landwirte

Dass Landwirte, die die Mischung auf Ackerstücken aussäen, dafür eine Entschädigung erhalten sollen, sei ohnehin angedacht, erklären Mahnke-Ritoff und Vullmer. Wie eine solche finanzielle Förderung aussehen könnte – das steht noch nicht fest. „Wie gesagt, wir stehen noch völlig am Anfang“, so Mahnke-Ritoff. Sie sei aber froh, dass sich mit Benner jemand gefunden habe, der sich für das Projekt begeistern konnte. „Er hat das alles ganz toll umgesetzt.“ Jetzt gelte es erst einmal, zu beobachten, wie sich die Fläche weiter entwickle und wie hoch die Einbußen am Ende tatsächlich sind.

Von Reike Raczkowski

Inventur im Getreidefeld: Michael Benner, Antje Mahnke-Ritoff und Heike Vullmer (v.l.) überprüfen den Fortgang des Ackerwildkrautprojektes.
Der Roggen auf dem Projektacker (links) hat sich leider nicht so gut entwickelt, wie der konventionell angebaute (rechts). Landwirt Benner findet die Idee trotzdem interessant. Er glaubt, dass sich – mit entsprechender Entschädigung – Landwirte dazu bewegen lassen könnten, die Mischung an Randstreifen auszusäen.

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