Neue Stolpersteine auch für Geflüchtete

„Unfreiwillig verzogen“

Das Bild zeigt drei in den Boden eingelassene Messingplatten, sogenannte Stolperscheine. Sie sollen an laut Inschrift an Paul und Rosette Jonas und ihre Tochter Margot erinnern, die durch die Nationalsozialisten ihr Leben verloren.
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Familienzusammenführung: Vor dem Haus Große Straße 80 erinnern bereits drei Stolpersteine an Paul und Rosette Jonas und ihre Tochter Margot, die durch die Nationalsozialisten ihr Leben verloren. Am Freitag kommt ein Stein für den Sohn Hans Jonas hinzu. Er nahm sich 1951 in Bolivien das Leben.

Seit 2017 hat der Künstler Gunter Demnig 81 sogenannte Stolpersteine in Verden verlegt. Am Freitag kommen 22 weitere dieser 10 mal 10 Zentimeter großen Messingplatten hinzu. Auch sie, versehen mit wenigen Daten, sollen an die Menschen erinnern, die einst unter der jeweiligen Adresse zu Hause waren .

Verden –Wenn Gunter Demnig am Morgen des Freitags, 1. Oktober, nach Verden kommt, wird der Künstler bei diesem sechsten Besuch der Allerstadt nicht nur Stolpersteine verlegen für Menschen, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Es wird nun auch der Überlebenden gedacht, denen zwar rechtzeitig die Flucht gelang, die aber dennoch litten. „Unfreiwillig verzogen“ lautet die standardisierte Inschrift dann auf dem Stolperstein.

Spurensucher: Dr. Joachim Woock (l.) und Werner Schröter.

Demnig sei es ein Anliegen, die Familien auf diese Weise wieder zusammenzuführen, berichten Dr. Joachim Woock und Werner Schröter. Die beiden Männer sind beim „Dokumentationszentrum Verden im 20. Jahrhundert“ (Doz 20) federführend, wenn es darum geht, die Schicksale jüdischer Familien, politisch Verfolgter, Homosexueller, Roma und Sinti, von Euthanasieopfern, oder auch Zeugen Jehovas, denen Verden einst Heimat war, zurückzuverfolgen. „Gunter Demnig bringt die Namen in die Stadt zurück. Und wir versuchen, die Gesichter zurückzubringen“, umschreibt Werner Schröter die Arbeit. Sie führt in alle möglichen Archive und ist auch deshalb so erfolgreich, weil Woock und Schröter inzwischen auch international gut vernetzt sind.

Hanni Friedmann gelang 1940 die Ausreise nach Palästina.

Beim Stichwort „Gesichter“ legt Schröter die Reproduktionen zweier Porträtfotografien auf den Tisch. Auf der kleineren ist ein junger Mann mit Nickelbrille zu sehen: Hans Jonas. Das größere Bild zeigte eine hübsche junge Frau mit ernstem Blick. Es ist Hanni Baumgarten, verheiratete Friedmann. Über viele Jahre habe er Kontakt zu ihr gehabt, berichtet Schröter über die einstige Schülerin des Verdener Lyzeums, Vorgänger des Gymnasiums am Wall. 1940 gelang es ihr als 20-Jährige, nach Palästina auszuwandern. 2008 starb sie in Israel. Zweimal sei sie aber noch als Zeitzeugin in Verden gewesen, um über das Erlebte zu berichten. Ein Stolperstein vor dem Haus Große Straße 56 wird künftig an sie erinnern. Dort wird bereits der Familie Goldschmidt gedacht, bei der Hanni aufwuchs. Die Goldschmidts überlebten den nationalsozialistischen Terror nicht.

Nur ein paar Meter weiter, in der Großen Straße 80, erinnern bereits drei Steine an Paul und Rosette Jonas und an ihre Tochter Margot. Sie starben in Auschwitz und Theresienstadt. Sohn Hans gelang zwar die Flucht nach Bolivien. Aber glücklich war er da nicht.

1951 nahm er sich das Leben. „Es mag weniger Angst vor dem Leben gewesen sein, die ihn zu seinem Entschluss trieb, als das Gefühl, überflüssig zu sein“ ist in einem Zeitungsnachruf zu lesen, den Werner Schröter über die Familie eines jüdischen Verdeners erhielt. „Er war sehr allein, trotz aller Gesellschaft“, schrieb der Verfasser über Hans Jonas. Am Freitag wird er wenigstens über einen Stolperstein zu seiner Familie zurückkehren.

Von Katrin Preuß

„Jüdisches Leben in Verden“: Vortrag über Zwangsabgaben

Die nächste Veranstaltung im Rahmen der Doz-20-Reihe „Jüdisches Leben in Verden“ ist über „Reichsfluchtsteuer und Judenvermögensabgabe“. Andrea Kampen wird ihn morgen, Donnerstag, im Domherrenhaus halten. Beginn ist um 18 Uhr, Einlass ab 17.30 Uhr. Es gilt die 2G-Regel. Der Eintritt ist frei. Kampen ist Sachgebietsleiterin im Finanzamt Nordenham und befasst sich seit über zehn Jahren mit der nationalsozialistischen Steuerverwaltung. Mithilfe der bereits 1931 eingeführten Reichsfluchtsteuer zog die nationalsozialistische Finanzverwaltung bis Kriegsende etwa 941 Millionen Reichsmark ein. Denn wer das Land „freiwillig“ oder durch Deportation verließ, verlor die deutsche Staatsbürgerschaft und damit sein gesamtes Vermögen. Die 1938 beschlossene „Judenvermögensabgabe“ zwang Juden zu einer „Sühneleistung“ für die in der Reichspogromnacht von Antisemiten begangenen Zerstörungen.

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