Und am Ende das böse Wort vom Verscharren

Sozialhilfe, keine Angehörigen: Der Kampf um die letzte Ehre für eine mittellose Verstorbene

Es müsse ja keine opulente Grabstätte sein wie hier auf dem Johannisfriedhof, sagt ein Verdener Betreuer, aber es müsse möglich sein, einer mittellosen Frau auf ihrem Weg die letzte Ehre zu erweisen.
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Es müsse ja keine opulente Grabstätte sein wie hier auf dem Johannisfriedhof, sagt ein Verdener Betreuer, aber es müsse möglich sein, einer mittellosen Frau auf ihrem Weg die letzte Ehre zu erweisen.

Was passiert eigentlich mit verstorbenen Verdenern, die kein Geld haben und keine Verwandschaft, die sich um eine Beerdigung kümmert? Es gibt eine komplett anonyme Beisetzung. Ein Betreuer findet das traurig. Es müsse möglich sein, einer mittellosen Frau auf ihrem Weg die letzte Ehre zu erweisen. 

Verden – Sie lebte ein zurückgezogenes Leben. Und, sagen wir es so, sie verstarb zurückgezogen. Jene ältere Frau, die es nach Verden verschlagen hatte. Nicht dass sie über Wochen in ihrer Wohnung gelegen hätte, das nicht, ihr Tod war irgendwie bemerkt worden. Aber nicht von Verwandten. Angehörige hatte sie keine. Und mittellos war sie. Sozialhilfe tropfte monatlich auf ihr Konto.

Und fast wäre es gekommen, wie es immer kommt in solchen Fällen. Anonyme Beisetzung auf einem anonymen Gräberfeld. Fast. „Sie hat eine Bestattung in Würde verdient.“ Einer ihrer Betreuer kam zu diesem Schluss. Und plötzlich war es da, das unheilige Sammelsurium aus Paragrafen, aus Kosten, die gering zu halten sind, und am Ende aus dem bösen Wort des „Verscharrens“.

In der Regel komme in solchen Fällen eine Urnenbeisetzung in Frage, sagt Philipp Rohlfing aus dem Verdener Rathaus. Man prüfe den Auffindeort. Sei es das Stadtgebiet, dann gelte die städtische Satzung, und die besage eine anonyme Beisetzung, und das sei auch so gemeint: eine anonyme Beisetzung unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Oder anders: Wolle jemand die Urne auf dem Weg zur letzten Ruhestätte begleiten, wolle er womöglich einen Augenblick des Gedenkens anstoßen, am Urnengrab zum Beispiel, nur einen Augenblick, ihm müsse diese Bitte abschlägig beantwortet werden. „Ich war bestürzt“, sagt der Betreuer.

Alles offenbar kein Einzelfall. „Natürlich wirkt eine solche Vorgehensweise zunächst mal ziemlich pietätlos“, sagt Superintendent Fulko Steinhausen, „aber ein solches Verfahren ist überall Gang und Gäbe.“ Das wisse er von anderen Stationen seiner beruflichen Laufbahn, das wisse er vom Hörensagen. Man sei dem Steuerzahler verpflichtet, heiße es dann zur Erklärung. In Großstädten, in denen der einsame Tod längst keine Besonderheit mehr ist, sind darüber hinaus ganz neue Tendenzen erkennbar. Nicht selten, sagen Beobachter, suche die Stadtverwaltung einen Beerdigungsplatz per Ausschreibung. „Wer die geringsten Friedhofsgebühren hat, erhält den Zuschlag. Egal, wo der jeweilige Friedhof liegt.“

So weit sei man in der Stadt Verden nicht, sagt Rohlfing. Tod und Bestattung seien Tabu-Themen, gewiss, aber da sie schon mal angeschnitten seien, könne er Näheres sagen. Die Stadt Verden reize ihre Möglichkeiten aus. Die Einäscherung finde im Sarg statt, dieser Sarg sei ausgekleidet, auch Leichenwaschung und Leichenhemd gehörten dazu. Die Beisetzung finde auf dem anonymen Gräberfeld in Dauelsen statt. Noch sei diese Form der Bestattung die Ausnahme, vielleicht acht bis zehn Fälle im Jahr, aber ein Trend sei erkennbar. „Gefühlt werden es mehr.“

Geholfen ist jenen, die der einsam verstorbenen Frau eine letzte Ehre erweisen wollen, damit immer noch nicht. Sie spielte mal eine Rolle in der Politik, dies allerdings nicht in Verden. Und lange her ist es auch. Nur Insider erinnern sich. In den vergangen Jahren und Jahrzehnten entwickelte sich ein gnadenloses Gemenge aus Einsamkeit, sagen Menschen, die sie kennen, aus psychischen Problemen, aus Alkohol und aus Tabletten. Aber so richtig Genaues wisse man auch nicht. Nur eines: Auf ihrem letzten Weg wolle man ihr das Alleinsein ersparen.

Fänden sich Menschen, die den Verstorbenen zu begleiten gedenken, so Kirchenmann Steinhausen, so sage er Hilfe zu. Unter gewissen Umständen und nach Absprache könne die Friedhofskapelle genutzt werden. Auch seelischer Beistand sei möglich. Im Raum Verden gebe es zwar noch keine Pastoren, die in solchen Fällen auf Wunsch tätig würden, denen also eine solche Aufgabe angedient sei, aber eine Lösung lasse sich finden.

Auch in der Stadtverwaltung arbeite man an einem Ausweg, sagt Rohlfing. „Manchmal melden sich Vereine.“ Sie drängen darauf, ihrem langjährigen Weggefährten ein letztes Mal nahe sein zu können. Das sei selten, aber es komme vor. Ihnen schlage er dann eine Beisetzung an einem „Ort der Erinnerung“ vor, an einem Baumgrab. Die Kosten liegen bei 100 Euro. „Darauf verständigen wir uns meistens.“ Auch der Betreuer, der einfach nur bei der Beerdigung zugegen sein wollte, er strebt jetzt eine solche Lösung an.

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