„Viele Menschen überfordert“

Nach Beißattacke hinter Gittern: Immer mehr Problemhunde landen im Tierheim

Ganz schön flott, mit Muskeln bepackt und schwer zu bändigen: Wenn Resco in Fahrt ist, dann steht der Beobachter gerne auf der anderen Seite eines hoffentlich hohen Zauns. Der Kangal ist, stellt er sich auf die Hinterbeine, mehr als mannshoch. „Einen Wesenstest würde er nicht bestehen“, so Heidi Seekamp, Leiterin des Verdener Tierheims. Immer mehr solcher Problemhunde stranden in der Einrichtung – und müssen erst mal bleiben.

Verden – Klein und knuddelig, so kommt ein Kangal auf die Welt. Doch dabei bleibt es nicht. Ausgewachsen erreicht Resco eine Schulterhöhe von bis zu 86 Zentimetern. Und er hat ordentlich Power. Die Vierbeiner werden daher aufgrund ihrer enormen Größe und Kraft als Herdenschutzhunde eingesetzt. Der Hirte und seine Schafe brauchen mit einem Kangal an der Seite vor Wölfen und Bären keine Angst zu haben. Aber eben nur, wenn der Kangal pariert.

Tierheim Verden: Kangal hat ordentlich Power und keine Angst vor Wölfen und Bären

Und genau daran hakt es bei Resco ganz gewaltig. „Viele Menschen unterschätzen, was es überhaupt bedeutet, einen Hund zu erziehen. Insbesondere dann, wenn er größer wird“, weiß Seekamp. Die Tiere wachsen mit ihren Ansprüchen ihren Besitzern buchstäblich über den Kopf.

Bei Resco war es ähnlich. „Kangals sind Herdenschutzhunde, werden im Idealfall direkt in ihrer künftigen Umgebung, einer Schafherde, geboren und werden dann mit den Tieren groß, um gleich mit ihrer eigentlichen Aufgabe vertraut zu sein“, weiß Seekamp. Und: „Die Tiere müssen sich richtig auspowern, brauchen aber auch eine klare Ansage.“

Kangal Resco hat eine Menge Kraft und ist, weil kaum zu bändigen, im Tierheim in Verden-Walle untergebracht.

Herdenschutzhunde in der Schafherde im Einsatz

Der Herausforderung war Rescos Herrchen scheinbar nicht gewachsen. Keine Aufgabe, keine ordentliche Schulung, so landete Resco an der Kette. Die Not war groß, wohin mit dem Hund?

Das Tierheim musste helfen, aber Vorsicht war geboten. „Angesichts der Kraft des Kangals war der Tierarzt mit dabei.“ Der Veterinär hat Resco vorsichtig sediert und dann ging’s ab ins Tierheim.

Genau wie bei Schäferhund Rico. Sobald er einen Menschen sieht, gibt Rico Gas. In einem Fall mit unangenehmen Folgen für einen Zaungast, dem er die Fingerkuppe abbiss. Auch Rico kam ins Heim. Wer beißt oder sonst auffällig wird, eine Anzeige bekommt, der muss irgendwie zur Ordnung gerufen werden.

Tierheim Verden: Schäferhund Rico beißt Fingerkuppe ab

Und das birgt wieder Probleme. Ein „Beißer“, der ins Tierheim einfährt, wird zum Wesenstest abkommandiert. Resco und Rico sind allererste Kandidaten und müssen, bevor es zum Test geht, antreten und üben. Wenn die Besitzer es nicht leisten können, ist das Tierheim gefordert. Ein Riesenaufwand, weil es ohne Maulkorb nicht funktioniert. Auch das ist eine Aufgabe, die, weil gefährlich, viel Fingerfertigkeit erfordert. In diesem Fall die der Pflegerin, die sich den Risiko-Vierbeinern stellen muss, um ihnen den Schutz anzulegen, damit sie nicht mehr beißen können. „Auch das ein Teil der Umerziehung, den Hunden beizubringen, dass solche Angriffe keinen Erfolg haben“, erklärt Heidi Seekamp. Nicht einfach und sehr zeitintensiv.

Ob Resco und Rico den Wesenstest bestehen? „Schwer zu sagen, aber da gibt es noch eine Menge zu tun“, weiß Heidi Seekamp. Und billig ist der Check auch nicht. 600 Euro kostet der Abschluss, der, wenn das Tier im Heim bleibt, zu Lasten der Einrichtung geht. Und es bleibt die Frage, was kommt danach? „Eine Rückkehr zu den Besitzern ist eher ausgeschlossen, eine Vermittlung trotz bestandenem Test nicht einfach“, sagt Seekamp.

Problemhunde: Wesenstest kostet 600 Euro

Aber es gibt auch Erfolgserlebnisse, Geschichten mit einem Happy-End, weiß die Tierheimleiterin. Sie erzählt von einem älteren Ehepaar, unterwegs mit seinem Terrier, der dann in der Dämmerung einen Jogger anfiel. Polizei, Anzeige, das ganze Programm. „Der Hund musste zur Schulung und danach zum Wesenstest. Die Eheleute haben das durchgezogen und geschafft“, sagt Seekamp.

Tierheim Verden: Happy-End für Eheleute mit Terrier

19 Hunde tummeln sich derzeit im Verdener Tierheim. Und es werden immer mehr. „Nicht alle, aber etliche mit Schwierigkeiten. Darunter viele ältere Tiere, was es nicht einfacher macht“, so Seekamp. Wie sie mit ihrem Team der Flut der Tiere Herr werden will, weiß sie manchmal nicht. Ihr Appell aber: „Wer sich einen Hund anschafft, sollte wissen, auf was er sich einlässt. Er braucht viel Zeit, Erziehung, eine Hundeschule, das richtige Umfeld, sonst macht es keinen Sinn.“

Rubriklistenbild: © wienken

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