Theatersaison startet mit „Ghetto Swinger“ / Geschichte einer Jazz-Legende

„Mit Musik kannst du dir ein Stückchen Leben kaufen“

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Coco Schuman lässt sich von seiner Musik auch im Ghetto nicht abbringen.

Verden - Die Theatersaison in Verden startete am Sonntag mit einer wahren Perle. „Ghetto Swinger“ in der Fassung von Gil Mehmert, mit Helen Schneider und Konstantin Moreth in den Hauptrollen, erzählt vielschichtig und anrührend die Geschichte der Jazz-Legende Coco Schumann, dem es dank seiner Musik gelingt, den Nazi-Terror zu überleben.

Heinz Schumann, Sohn einer jüdischen Mutter, lebt im Berlin der 30er-Jahre. Zunächst ist für ihn die Welt noch in Ordnung, seine Liebe gehört schon früh der Musik, er möchte Jazz-Gitarrist werden. Als er erfährt, dass er als Halbjude plötzlich kein richtiger Deutscher mehr sein soll, begreift er zunächst gar nicht, wie ihm geschieht. Schon bald verbieten die Nazis den „undeutschen Swing“. Heinz, der sich nun Coco nennt, lässt sich davon aber nicht beeindrucken, sondern spielt seine Musik im Untergrund bei den „Swing Kids“.

Dieser erste Teil des Musicals wird vom mitreißenden, lebensfrohen Swing geprägt. Großartig die fünfköpfige Band, die den Hauptdarsteller begleitet und den Charakter der Musik zum Leben erweckt. Helen Schneider brilliert gleich in mehreren Rollen. Als Erzählerin liefert sie mit ihrer ausdrucksvollen dunkeln Stimme den Rahmen der Geschichte. Als Jazzsängerin, Mutter und Schutzengel Cocos ist sie immer präsent und fasziniert durch ihre Wandlungsfähigkeit.

Brutal wird die mitreißende Musik immer wieder von Auftritten der Nazis unterbrochen, die die „Niggermusik“ mit ihren „Gliederverrenkungen“ und neuen Rhythmen aufs Schärfste verdammen. Der Zuschauer bekommt schon eine Ahnung von den Schrecken, die ihn im zweiten Teil erwarten.

Coco, der sich lange durch seine Unverfrorenheit dem Zugriff der Nazis zu entziehen weiß, scheint plötzlich das Glück zu verlassen. Er soll nach Auschwitz deportiert werden. Dank der Fürsprache seines Vaters kommt er nach Theresienstadt, wo bereits seine Großeltern leben. Im Ghetto trifft er auf Musikerlegenden, wird Mitglied der Ghetto Swingers, spielt im Caféhaus. „In Berlin war unsere Musik verboten“, wundert sich Coco. Auschwitz bleibt ihm schließlich doch nicht erspart. Bedrückende Szenen spielen sich ab, als die Häftlinge entkleidet vor Josef Mengele antreten müssen.

Konstantin Moreth gelingt die Wandlung vom unbekümmerten Jüngling im ersten Teil zum entrechteten Häftling im zweiten Teil überzeugend. Doch etwas Glück hat Coco auch hier. Die Musiker bekommen Instrumente, sollen zur Unterhaltung der Lagerältesten spielen. „Musik ist kostbar, dafür kannst du dir ein Stückchen Leben kaufen“, heißt es im Lager. Also spielen Coco und seine Musikerkollegen weiter, auch wenn sie krank sind oder vor ihren Augen die Kinder ins Gas gehen. Schließlich, als das Nazi-Regime schon fast am Ende ist, kommt Coco nach Dachau. Auch hier hält ihn die Musik am Leben. Das Lager wird schließlich befreit und Coco kehrt heim nach Berlin. Zum versöhnlichen Ende trifft er alte Kollegen wieder und die Musik geht weiter.

Das Publikum dankte den Darstellen nach diesem berührenden Theaterabend mit der gelungenen Kombination aus Musik und Schauspiel mit stehenden Ovationen.

ahk

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