GEHEIMNISVOLLE ORTE (III): Der Turm und das Versteck in der vierten Etage

Syndikatshof: 42 Stufen und ein mysteriöser Tunnel zum Dom

Führt ein Mauerblümchendasein: Der Turm des Syndikatshofs am Norderstädtischen Markt in Verden.
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Führt ein Mauerblümchendasein: Der Turm des Syndikatshofs am Norderstädtischen Markt in Verden.

Verden – Vielleicht wird er komplizierte Sätze ersinnen, wie er es im Rathaus gelernt hat. Vielleicht auch Paragrafen einstreuen und lange Querverweise. Und andere Dinge tun, die Texte unattraktiv machen. Eines aber kann ihm keiner absprechen. Weitsicht. Jawohl, Weitsicht wird er haben, der Stadtschreiber. Jedenfalls, wenn alle Pläne verwirklicht sind, und es so kommt, wie es jetzt angedacht oder zumindest mal so in den Raum geworfen ist.

Alle ehrgeizigen Pläne um ein altes Gemäuer mit einem superalten Turm und einer Turmstube hoch oben unter dem Dach. Einer Stube, die die Fantasie beflügelt. Ein schönes Plätzchen für den Stadtschreiber, finden jedenfalls Romantiker.

Um den Syndikatshof am Rande des Norderstädtischen Marktes geht es, um sozusagen dessen Treppenhaus. Um den vierstöckigen Turm, der hinter dem Haus die Etagen verbindet und oben über ein Turmzimmer verfügt. Noch ist dieses Achteck eines, das dem armen Poeten ein passendes Heim böte, jedenfalls in Spitzwegs meisterhafter Version. Zahnlücken fallen da oben in den Blick, ganz oben. Zahnlücken sind dunkle Schönheitsfehler, die jedes Lachen verunstalten. Hier verunstalten sie die Fenster und damit die Sicht. Wo Scheiben fehlen, haben findige Zeitgenossen ein Stück Pappe eingesetzt. Dunkle Pappe, die den Zahnlücken ähnelt. Aber auch das ist schon wieder Lücke von gestern. Einiges an Pappe verabschiedete sich längst aus seiner Fassung. Der Wind pfeift durch. In den nächsten Jahren soll das Haus am Rande des Norderstädtischen Marktplatzes für sündhaft viel Geld zu alter Schönheit erwachsen.

Kindheit in uralten Gemäuern auf 400 Jahre alten Bohlen

Wer oben angekommen ist, steht auf historischem Boden. Er steht auf Holz, das seit Jahrhunderten an dieser Stelle liegt. Manche wissen die Baumringe in den Bohlen zu deuten, sie können genaue Jahreszahlen nennen. Dendrologen verstehen sich darauf. In den 70er Jahren begaben sie sich auf die Spur des Turmes und dessen Fußbodens. Auf das Jahr 1593 datierten sie die Balkenlage. Über 400 Jahre her. Wem dieses Turmzimmer als erstes diente und wofür, das steht nirgends geschrieben. Wofür es vor 70 oder 80 Jahren in Frage kam, das steht fest. Der Achimer Volkrat Stampa hat auf diesen Bohlen seine Kindheit verbracht, zumindest große Teile seiner Kindheit. „Es war unser Versteck“, sagt er. Mutter rief zum Geschirrabtrocknen? Diesen Moment musste er abpassen, und kurz vorher die Beine in die Hand nehmen und hinauf und die Falltür zuklappen lassen, die Luke, und schon ward er nicht mehr gesehen. Und war irgendwie vom mütterlichen Radar verschwunden. Manchmal dienten ihm und den anderen neun Kindern, die mit ihren Eltern allein die obere Etage bewohnten, und das Dachgeschoss, manchmal dienten die Bohlen auch als Spielplatz. „Mensch ärgere Dich nicht haben wir hier ausgebreitet“, sagt Volkrat Stampa, „unsere Zinnsoldaten hatten hier ihren Platz.“ Prima Klima zum Spielen. Außer im Winter. „Heizen konnten wir die Turmstube nicht. Frostig war es manchmal. Bitterkalt.“

Kleinod auf dem Weg nach oben: Die bleiverglasten Fenster im Turm.

Drei Etagen tiefer fehlte die wohlige Wärme ganzjährig, fehlt sie immer noch. Im Erdgeschoss des Turmes. Fensterlos ist er. Dicke, achteckige Mauern auch hier, außen sehr schön zu sehen die Eckquaderung, die bündig mit dem Mauerwerk abschließt, was ihn zusätzlich besonders macht. Der Weg hinein ist nichts für untrainierte Menschen und nichts für Romantiker. Weiß glänzt sie im Halbschatten, die Tür zum Turm, weiß und aus Stahlblech, einbruchsicher also, und etwa so hoch wie ein Gartentor. Brauchten die Menschen vor 400 Jahren nur niedrige Tore? Weil sie vielleicht kleiner waren, als heute der mittlere Norddeutsche. Waren sie wahrscheinlich.

Turmtür des Syndikatshofes nichts für Romantiker

Aber der wahre Grund für die Zwergenhöhe der Turmtür liegt tiefer. Liegt im Erdboden und in den Stilbrüchen des Hauses. Umgebaut wurde es mehrfach. Und irgendwann beschloss der zwischenzeitliche Eigentümer, okay, den Bauschutt, okay, man kann ihn wegräumen. Muss man aber nicht. Und so blieb der Schutt liegen. Das bestätigen auch Fachleute. Das Gelände wurde angeschüttet, heißt es. Dumm nur, dass die Tür dann nicht mehr aufging. Am Ende trat ein Türchen an ihre Stelle. Mit etwas Ruckeln und einigen Schlüsselumdrehungen gibt dieses Türchen nach und den Weg knarzend frei.

Ein kleines Licht in der Nische

Eine kleine turnerische Einlage später steht der geneigte Besucher im Turm. Und im Dunkeln. Vor 400 Jahren wohl auch im Dunkeln. Eine Nische in der Wand schuf Abhilfe. Eine nach oben hin dreieckig zulaufende Nische. „Hier stand eine Kerze“, sagt Volkrat Stampa, „später vielleicht auch ein Öllämpchen.“ Wer nicht ganz im Dunkeln tappen wollte, damals, als Elektrizität noch ein Fremdwort war, und die Menschen noch ganz gut ohne Helligkeitsvorschriften für Turmaufgänge auskamen und irgendwie die DIN-Normen für Treppenhäuser noch nicht erfunden waren, und die Menschen dennoch nicht ganz im Dunkeln stehen wollten, dann stellten sie ein Licht in die Nische, eines, das nicht im Wege stand, und nicht umgelaufen zu werde drohte. Eine clevere Taktik. Brandspuren sind nicht überliefert.

Zahnlücken: Das Turmzimmer mit seinen Fenstern in drei Richtungen.

Und dann beginnt es. Das große Highlight des Turmes. Nein, nicht die Bleifenster, die vielleicht auch, aber derartiges gibt es häufiger. Und auch nicht das runde Mauerwerk, das runde Innenmauerwerk in einem Turm, der außen achteckig ist. Nein, das wirklich besondere sind die Stufen. Historiker schnalzen mit der Zunge. Stufen aus Sandstein, nicht aus zusammengefügtem Sandstein, sondern jede Stufe aus einem einzigen Sandsteinstück. Und im Treppenzentrum, dort, wo die Stufen wie ein Fächer getürmt sind, die nächste Besonderheit. Damit die Treppenstufen fest übereinander liegen und jeder Gewichtsbelastung trotzen, sei die Treppenspindel aus Blei gegossen, wahrscheinlich aus Blei, sagen Bauhistoriker. Vieles deute darauf hin, Genaueres müsse eine Prüfung erbringen.

Spürnasen vermuten Tunnel tief unter dem Rasen bis zum Verdener Dom

Prüfen wollen sie also. Gut so. Spürnasen sind auch bei der nächsten Besonderheit notwendig. Vielleicht kommt nach hunderten von Jahren Gewissheit in ein Gerücht. Laut Volksmund nämlich sei in grauer Vorzeit ein Tunnel gegraben worden. Er führe vom Syndikatshof zum Stiftshof, zum Verdener Gefängnis also, und von dort zum Dom. Alles nicht irgendwie ein Hirngespinst. In städtischen Unterlagen ist schwarz auf weiß von diesem Tunnel die Rede. Und irgendwer will irgendwie sogar Beweise entdeckt haben. Reste eines „tunnelartiger Rotsteinbaus“ an der Großen Straße 88 deuteten darauf hin, heißt es, an der Ecke Brückstraße/Große Straße, dort also, wo vor gut einem Vierteljahrhundert ein Neubau emporgezogen wurde.

Steinalt: Die Stufen bestehen einschließlich Spindelteil aus je einem Stück.

Aber jetzt raus aus dem Tunnel und hinauf den Turm. Abgewetzt sind sie, die Sandsteinstufen. Einer, der dazu beitrug ist Volkrat Stampa.

29 Menschen lebten nach dem zweiten Weltkrieg in einer einzigen Etage

Einige tausend Male dürfte er hinaufgestiegen sein. Und hinunter. Und fand nichts dabei. Im Gegenteil. Die Familie Stampa war angekommen in ihrem Teil vom Nachkriegsdeutschland. Eigentlich stammen sie aus Pommern. Nach Schleswig-Holstein hatte es sie verschlagen, Vater Klaus fand 1947 eine Anstellung in Verden. Das Amt des Stadtbaurates bekleidete er. Aber das hieß nicht, dass die Familie automatisch irgendwo unterkam, schon gar nicht in der Stadtmitte. „Wir hatten Mühe eine Wohnung zu finden.“ Ein Zufall kam ihm, kam seinen beiden Schwestern und den Eltern zur Hilfe. Ein Zufall, der zum Einen in der Geschichte des Hauses liegt. Wieder mal hatte der Besitzer gewechselt. Bis in die 1930er-Jahre gehörte es der Familie Canenbley, er Landgerichtspräsident. Anschließend gelangte es mal wieder in die Hand der Stadt Verden. Und damit in die Hand der Stadtoberen. Im Zweiten Weltkrieg war das, in den düsteren Zeiten des Nationalsozialismus. Genaueres weiß man nicht, sagt man, aber einiges war bekannt.

Gekürzt: Die Tür zum Turm.

„Vor uns wohnte dort einer der Nazis. Er und seine Familie wurden rausgeworfen.“ Und schon war viel Platz frei, ungewöhnlich viel Platz für damalige Zeiten, eine ganze Etage mitten in der Stadt. Deutlich mehr als 100 Quadratmeter. Und schnell geschah, was die Zeiten verlangten. Eine Familie stand vor der Rathaus-Tür, Flüchtlinge hieß das damals. Sie bräuchten ein Dach über dem Kopf. Kein Problem. Im Syndikatshof ist eine ganze Etage frei. Und noch eine Familie, die um eine Bleibe bat. Und eine nächste. Und am Ende waren 29 Menschen in der ersten Etage des Syndikatshofes gepfercht. Pardon, 27. Die beiden Schwestern Volkrat Stampas fanden im Dachgeschoss ein fix gezimmertes Räumchen. Und schon ging es auf und ab, den ganzen Tag hoch und runter, und alle durch das Treppenhaus des Syndikatshofes, alle den Turm hinauf und hinab. 42 Stufen. Abgewetzt und immer abgewetzter. „Ich bin den Turm sogar mit Stelzen hochgelaufen“, sagt Stampa.

Oelfkes Kohlenträger fluchten jedes Mal, wenn sie die Stufen des Syndikatshofes hoch laufen mussten

Er nur zum Spaß. Irgendwo musste er ja hin mit seiner Energie. Andere murrten. Geheizt wurden die Etagen mit Holz und Briketts. „Wir haben die Feuerung vom Dachboden geholt. Dort war sie gelagert.“ Und gelegentlich musste Nachschub bestellt werden, am besten eine größere Order, so um die 40 Säcke. Damals noch gleich um die Ecke. Zwei Häuser weiter. Recht war es ihnen dennoch nicht. „Die Kohlenträger von Oelfke, sie haben über die 42 Stufen geschimpft wie die Kesselflicker.“

Lichtquelle: Die Nische im Erdgeschoss.

Erst die Steinstufen und dann die Holztreppe, alles schon geheimnisvoll genug

Andere gehen sie genüsslich. Erst die Steinstufen und dann die Holztreppe, alles schon geheimnisvoll genug, und oben die noch geheimnisvollere Turmstube, die jeden Weg lohnt. Jetzt noch als Ausflug in die Geschichte. An der Decke ein Lampenschirm mit dem Charme der Nachkriegsgeneration, auf dem Boden die Nachrichten von einst. Eine Zeitung aus dem Jahr 1973. „Terroristen erpressen Beamten“ und „Mofas müssen während des Fahrverbots im Keller bleiben“ lauteten die Schlagzeilen. Künftig dürfte hier an kalten Tagen ein Heizkörper, zumindest aber eine Wärmequelle ihren Dienst versehen. Und wer weiß, vielleicht bekommt der Turm wieder eine kupferne Dachspitze, wie es bis zum Krieg der Fall war, ehe Dachpappe reichen musste. Eine kupferne Kappe, die den Turm adeln, ihn in die Reihe der berühmten Treppentürme der Weserrenaissance heben würde.

Sicher ist das noch nicht. Aber muss ja auch nicht. Dann gibt es immerhin einen Grund, an diesen ungewöhnlichen Ort zurückzukehren. Und für ein Kupferdach zu kämpfen.

Uralt: Die Bohlen des Turmzimmers werden auf das Jahr 1593 datiert.

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